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Full text of "Artur Fickert. Montesquieus Und Rousseaus Einfluss Auf Den Vormärzlichen Liberalismus Badens, Leipzig 1913 California"

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DISSERTATION 

40007 



B B b32 726 


~ 



Montesquieus und Rousseaus 
Einfluß auf den vormärzlichen 
Liberalismus Badens 



Inauguraldissertation 

zur 


Erlangung der philosophischen Doktorwürde 
der hohen Philosophischen Fakultät 
der Universität Leipzig 


vorgelegt von 


Artur Fickert 



Quelle &. Meyer, Leipzig 1913 




Go gle 






























Angenommen von der II. Sektion auf Grund der Gut¬ 
achten der Herren Brandenburg und Seeliger. 

Leipzig, den 31. Mai 1913. 

Der Procancellar. 

Le Blano. 


Erscheint gleichzeitig als Heft XXXVII in den Leipziger 
historischen Abhandlungen. 


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Meiner lieben Frau 

zu eigen 


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Inhal tsü bersich t. 

Einleitung: Problem, Weg der Lösung, Quellen, Literatur. 1. Kap. 
Ausführung: Montesquieus und Bousseaus Einfluß auf den 
vormärzlichen Liberalismus Badens. 


1. Teil 

Die Naturrechtsanschauungen und das Verfassungsideal Montes¬ 
quieus . 2. Kap. 

Die Rechtsphilosophie und die Verfassungspolitik Bousseaus... 3. Kap. 

Montesquieus und Bousseaus Ideen im Vergleich unter sich 

und in ihrer Wirkung auf die große französische Bevolution 4. Kap. 
Die Entwicklung der Naturrechtsideen bis zum Beginne des 

19. Jahrhunderts . 5. Kap. 

2. Teil. 

a) Die Anfänge des deutschen Liberalismus im allgemeinen 

und der badische Liberalismus von 1815 bis 1830. 6. Kap. 

Der badische Liberalismus von 1830 bis 1847 . 7. Kap. 

b) Die politischen Anschauungen Karl von Bottecks. 8. Kap. 

Die politischen Anschauungen des Freiherm von Lieben¬ 
stein ... 9. Kap. 

Die politischen Anschauungen des Abgeordneten Ludwig 

Winter aus Karlsruhe. 10. Kap. 

Die politischen Anschauungen Karl Theodor Welckers... 11. Kap. 

Schluß: Zusammenfassung der Ergebnisse der Untersuchung 12. Kap. 


Benutzte Literatur. 

I. Quellenschriften 
a) theoretischen Inhalts: 

Montesquieu, De l’esprit de lois. Paris Garnier fröres Libraires-Editeurs. 

— Der Geist der Gesetze. Übersetzt von A. Fortmann, Leipzig 1891. 

— Betrachtungen über die Ursachen der Größe der Börner und deren 
Verfall. 

— Lettres persanes 1873. 

— Persische Briefe (Ausgabe Reclam). 

Oeuvres de J.-J. Rousseau 1819/20. 

Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staats¬ 
rechtes (Ausgabe Reclam). 

— Emil, 2 Bände (Ausgabe Beolam). 

John Locke, 2 Abhandlungen über die Regierung. Deutsch von H. Wil- 
manns, Halle 1906. 

Severinus v. Monzambano (Samuel v. Pufendorf), Über die Ver¬ 
fassung des Deutschen Reiches, Berlin 1870. 

A. Im Schlözer, Allgemeines Staatsrecht und Verfassungslehre, 1793. 

Immanuel Kants sämtliche Werke. Herausgeg. von G. Hartenstein, 
Band 6 und 7. 

J. G. Fichte’s sämtliche Werke, 1845 f. 


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— VI — 


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Botteck, Ideen über Landstände, 1819. 

— Lehrbuch des Vemunftrechtes und der Staatswissenschaften, 1. AufL, 
Stuttgart 1829 (Zit.: L. d. V.). 

Staatslexikon oder Enzyklopädie der Staatswissenschalten, in Verbindung 
mit vielen der angesehensten Publizisten Deutschlands herausgeg. 
von Karl v. Botteck und Theodor Welcher, Altona 1834 f. (Z.: StL). 

Dr. Karl v. Bottecks gesammelte und nachgelassene Schriften, herausgeg. 
von Hermann v. Botteck, Pforzheim 1843. 

Wilhelm Weitling, Der Mensch, wie er ist und wie er sein sollte. 1838. 

Dahlmann, Die Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen 
Zustände zurückgeführt. Göttingen 1836, 2. verbesserte Auflage, 
Leipzig 1847. 

b) parteigeschichtlichen und publizistischen Inhalts: 

Badische Landtags Verhandlungen mit Beilagen aus den Jahren 1819 
und 1820. In Druck erschienen bei Braun, Karlsruhe; ferner von 1822, 
1831, 1841 bis 1843, 1846, 1847 (Zit.: B. L. V.). 

Schriftlicher Nachlaß des Freiherm v. Liebenstein, auf bewahrt bei Herrn 
Geheimem Oberregierungsrat Freiherm v. Liebenstein in Straßburg. 

Friedrich v. Weech, Korrespondenzen und Aktenstücke von Karlsbad 
und Wien in den Jahren 1819, 1820, 1834. Herausgeg. in Leipzig 1865. 

E. M. Arndt, Geist der Zeit, 1818. 

Josef Gör res, Teutschland und die Bevolution, Teutschland 1819. 

Max Freiherr von Lerchenfeld, Aus den Papieren des K. B. Staats¬ 
ministers Maximilian Freiherm v. Lerchenfeld, Nördlingen 1887. 

P. A. Pfizer, Briefwechsel zweier Deutschen, Stuttgart-Tübingen 1832. 

Georg Beseler, Erlebtes und Erstrebtes, 1809 bis 1859, Berlin 1884. 

Aus den Papieren des Ministers und Burggrafen v. Marienburg, Theodor 
v. Schön, 1876 bis 1883. 

F. C. Dahlmanns, Kleine Schriften und Beden, Stuttgart 1886. 

Schubert, Die Verfassungsurkunden und Grundgesetze der Staaten 

Europas, der nordamerikanischen Freistaaten und Brasiliens, Königs¬ 
berg 1848, 1. Band. 

Altmann, Ausgewählte Urkunden zur deutschen Verfassungsgeschichte, 
1. Band, 1806 bis ,1866. 

— Ausgewählte Urkunden zur außerdeutschen Verfassungsgeschichte 
seit 1770. 

Salomon, Die deutschen Parteiprogramme, Heft 1, Leipzig und Berlin 1907. 

Treitschke, Aus der Zeit der Demagogenverfolgung, Preußische Jahr¬ 
bücher 1844. 

II. Allgemeine Darstellungen. 

Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 5 Bände. 

G. Kaufmann, Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert, 
Berlin 1900. 

Ziegler, Die geistigen und sozialen Strömungen im 19. Jahrhundert, 1899. 

Bankes sämtliche Werke, Band 24, 49 und 50. 

Lamprecht, Deutsche Geschichte, Band 9 und 10, Berlin 1907. 

F. Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis 
des deutschen Nationalstaates, Leipzig 1908. 

UI. Spezialdarstellungen. 

E. Buß, Montesquieu und Cartesius. Philos. Monatshefte IV, 1869, 
Seite 1—38. 

Th. Pietzsch, Über das Verhältnis der politischen Theorie Lockes zu 
Montesquieus Lehre von der Teilung der Gewalten, Berlin 1888. 

K. Walcker, Montesquieu als Polyhistor.. Leipzig 1896. 


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VII — 


Li ep mann, Die Staatetheorie des Contrat social, Halle 1896. 

— Die Rechtsphilosophie des Jean-Jacques Rousseau, Berlin 1898. 

F. Haymann, Jean-J. Rousseaus Sozialphilosophie, Leipzig 1898. 

Merkel, Humes und Rousseaus Abhandlungen über den Staatsurvertrag. 

E. Zeller, Johann Gottlieb Fichte als Politiker. Hist. Zeitschr., 

IV. Band, 1860. 

R. v. Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, 1833. 

Bluntschli, Geschichte des allgemeinen Staatsrechtes und der Politik, 
München 1864. 

v. Meier, Der Minister vom Stein, die französische Revolution und der 
preußische Adel, 1908. 

— Französische Einflüsse auf die Staats- und Rechtsentwicklung Preußens 
im 19. Jahrhundert, Band I u. H. 

Ad. Wahl, Turgots Municipalitätenentwurf. Annalen des Deutschen 
Reiches 1903. 

Klein-Hattingen, Geschichte des Deutschen Liberalismus, Band L 
Buchverlag der „Hilfe“, 1911. 

Lamprecht, Über die Anfänge der deutschen Parteibildung im 18. und 
19. Jahrhundert. In „Patria“, Jahrbuch der „Hilfe“, 1903. 

Nitzsch, Deutsche Stände und deutsche Parteien, Gesammelte Aufsätze, 
Berlin 1879. 

Ad. Wahl, Beiträge zur deutschen Parteigeschiohte im 19. Jahrhundert. 
Hist. Zeitschr., Band 104. 

Hermann Baumgarten, Historische und politische Aufsätze und 
Reden, mit einer biographischen Einleitung von Erich Mareks. Stra߬ 
burg 1894 (3. Aufsatz. Der deutsche Liberalismus. Eine Selbstkritik). 

B. Rühlmann, Die öffentliche Meinung in Sachsen während der Jahre 
1806 bis 1812, Gotha 1902. 

W. A. Schmidt, Geschichte der deutschen Verfassungsfrage während 
der Befreiungskriege und des Wiener Kongresses, Stuttgart 1890. 

Friedrich v. Weech, Geschichte der badischen Verfassung, 1878. 

Schöchlin, Geschichte des Großherzogtums Baden unter Leopold, 1856. 

Leonhard Müller, Badische Landtagsgeschichte, 4 Bände, Berlin 1900 f. 

Emanuel Imm, Die nationale und freiheitliche Bewegung in Baden 
während der Jahre 1830 bis 1835, Heidelberg 1909. 

Leonhard Müller, Die politische Sturm- und Drangperiode Badens 1840 
bis 1850, Mannheim 1905. 

L. Häußer, Denkwürdigkeiten zur Geschichte der badischen Revolution, 
1855. 

L. F. Ilse, Geschichte der politischen Untersuchungen, welche durch die 
neben der B. V. errichteten Kommissionen geführt sind, Frankfurt 1860. 

Ruckstuhl, Der badische Liberalismus und die Verfassungskämpfe 
1841/43. 

IV. Abhandlungen. 

G. Koch, Die Verfassung von Genf und Rousseaus Contrat social. Hist. 
Zeitschr., Band 55, N. F. 19, 1896. 

H. v. Voltelini, Die naturrechtlichen Lehren und Reformen des 18. Jahr¬ 
hunderts. Hist. Zeitschr., Band 105. 

Ad. Wahl, Die französische Revolution und das 19. Jahrhundert. Zeit¬ 
schrift für Politik, 1908. 

Rieh. Schatz, J.-J. Rousseaus Einfluß auf Robespierre, Borna und 
Leipzig 1905. 

Ed. Spranger, Philosophie und Pädagogik der preußischen Reformzeit. 
Hist. Zeitschr., Band 104. 

R. Koser, Die preußische Reformzeit in ihrem Verhältnis zur Revolution« 
Hist. Zeitschr., Band 73. 


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— VIII — 


Hebeisen, Die Kämpfe der politischen Parteien in Baden am Vorabend 
von 1848. Zeitschr. d. Gesch. zur Beförderung der Geschichtskunde 
von Freiburg. 25. 

V. Biographien. 

Albert Sorel, Montesquieu, Paris 1889. Berlin 1896. Deutsch v. Ad. 
Kreßner. 

Rousseaus Bekenntnisse (Ausgabe Reclam). 

Kraemer, Die politische Wirksamkeit Theod. Welckers, Freiburg 1909. 
Lehmann, Freiherr vom Stein, 3 Bände, 1902 bis 1905. 

Pertz, Das Leben des Ministers Freiherr vom Stein, 6 Bände, 1849 bis 1855. 
G. Freytag, Karl Mathy. G. Freytags gesammelte Werke, 22. Band, 
Leipzig 1888. 

Hansen, Gustav von Mevissen, ein rheinisches Lebensbild. 

Anton Springer, Friedrich Christoph Dahlmann, 2 Bände, Leipzig 1870. 


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I. Kapitel. 

Problem. Weg der Lösung. Quellen und Literatur. 

Es liegt im Wesen großer reformpolitischer Bewegungen, daß sie 
im Moment des Ausbruchs bereits eine lange Entwicklungsgeschichte 
ihres Ideengehaltes hinter sich haben, und so darf man mit Recht ver¬ 
muten, daß die geistigen Wurzeln jenes Liberalismus, der in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen Reformen im Verfassungs¬ 
leben der deutschen Staaten erkämpft hat, gleichfalls weiter in die 
Vergangenheit zurückreichen. 

Freilich, seitdem man das so lange brachgelegene Gebiet der Ent¬ 
wicklungsgeschichte unserer politischen Parteien wissenschaftlich zu 
bearbeiten begonnen hat, sind über den Ursprung des deutschen 
Liberalismus verschiedene Auffassungen vertreten worden. Heinrich 
von Treitschke geht in seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahr¬ 
hundert“ von der Überzeugung aus, daß die Lehre Rousseaus in 
ihrer ursprünglichen Gestalt wie überhaupt die Hauptideen der großen 
französischen Revolution eine sehr weite Verbreitung unter dem 
vormärzlichen Liberalismus gefunden habe. Gleichwohl nimmt 
Treitschke 1 eine Scheidung der Liberalen in die Gemäßigten und 
Radikalen erst für die Zeit kurz vor 1848 an. Neuerdings hat da¬ 
gegen Voltelini 2 die Ansicht aufgestellt, daß die theoretischen Grund¬ 
lagen des modernen Rechtsstaates fast ausschließlich auf Gedanken 
beruhen, die zwar ursprünglich von England übernommen, doch ohne 
jeden weiteren fremden Einschlag in reindeutscher Geistesarbeit vor 
und in dem Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus ausgebildet worden 
seien 8 . Adalbert Wahl ist durch seine anregenden, in dieser Spe- 

1 Treitschke, Deutsche Gesch. im 19. Jahrh., Band 6, Seite 680. 

2 Voltelini, Die naturrechtlichen Lehren und Reformen des 
18. Jahrh., Hist. Zeitschr., Band 105, Seite 103 ff. 

8 Voltelini, a. a. 0., Seite 69. „Zu der Zeit, als der Staat von seinen 
Beamten eine wissenschaftl. Vorbüdung zu verlangen begann, herrschte 
in der Wissenschaft ausschließlich das Naturrecht (Grotius, Pufendorf, 
Thomasius, Wolff). Der ganze Beamtenstand war bald von den Ideen 
des Naturrechts erfüllt, auch die Herrscher.“ Seite 103 ff.: „Die Gewissens¬ 
freiheit, die Gleichheit aller vor dem Gesetze, die Zertrümmerung der 
feudalen Verwaltung und endlich die trotz aller Übertreibung doch völlig 
berechtigte Durchführung der Wohlfahrtsidee hatten in friedlicher Weise 
Zustände geschaffen, die in Frankreich erst blutig erkämpft werden mußten. 
Und diese Ideen, wenn auch zum Teil englischen Ursprungs, sind von der 
deutschen Wissenschaft aufgenommen und weiter entwickelt worden. 
Kein fremder Einschlag, sondern deutsche Geistesarbeit waren diese Ge¬ 
danken, die der aufgeklärte Absolutismus zur Tat werden ließ, und deshalb 
vermochten sie auch den Sturz des Naturrechtes und des Absolutismus, 
zumeist zu überdauern und sind Grundlagen des modernen Rechtsstaates 
geworden; denn sie lebten im Bewußtsein der deutschen Nation.“ 

Fickert. 


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zialfrage aber noch ungenügenden Forschungen der Hauptsache nach 
dem Urteile Treitschkes beigetreten. Wahl sagt: „Der Liberalis¬ 
mus kommt von 1789 her, wie der Konservatismus von der Reaktion 
gegen 1789, von Burke und der Romantik. Während nun aber der 
deutsche Radikalismus nach 1815 im wesentlichen nichts tut als die 
Ideen und Stimmungen von 1789 weiter vertreten, hat der Liberalis¬ 
mus schon im Moment, wo er nach 1815 zur Parteibildung zu führen 
beginnt, sich, durch Ereignisse und neue Erkenntnisse belehrt, von 
einem guten Teile dieser Ideen und Stimmungen befreit. Die weitere 
Geschichte des Liberalismus bedeutet dann eine peinliche und schmerz¬ 
liche Loslösung von diesen Ideen und Stimmungen, die langsam und 
keineswegs ohne Rückschläge erfolgt. So wird man sich der Tatsache 
nicht verschließen können, die wohl viel in der Laufbahn des Liberalis¬ 
mus erklärt, daß er von Anfang an eine abbröckelnde Staats¬ 
auffassung darstellt.“ Nach anderer Auffassung 1 soll sich der Einfluß 
der französischen Staatsrechtstheorien in Deutschland erst kurz vor 
1848 geltend gemacht und dadurch die Scheidung des Radikalismus 
vom Liberalismus herbeigeführt haben. 

So stehen sich die Ansichten Treitschkes und Wahls einerseits 
und Voltelinis andererseits schroff gegenüber in bezug darauf, ob 
der deutsche Liberalismus von Frankreich her beeinflußt sei, und 
Treitschke und Wahlgehen insofern in ihren Meinungen auseinander, 
als Wahl das Vorhandensein des Radikalismus und Liberalismus für 
die Zeit um 1815 annimmt und die Scheidung klarer werden läßt 
durch allmähliche schmerzliche Loslösung der Liberalen von den 
„Ideen von 1789“, während Treitschke und mit ihm neuerdings 
Jellinek* die Scheidung erst um 1848 unter Einfluß von Rousseaus 
Lehren sich vollziehen lassen. Schon aus diesen wenigen Bemerkungen 
Ergibt sich die Notwendigkeit einer Untersuchung über den Einfluß, 
den die französischen Staatsrechtstheoretiker, deren Namen in der 
Revolution von 1789 eine bedeutende Rolle spielen, auf die Entwick¬ 
lung des deutschen Liberalismus ausgeübt haben. Im besonderen 
handelt es sich dabei um Montesquieu und Rousseau. 

Der politische Einfluß dieser beiden großen Staatsrechtstheoretiker 
des 18. Jahrhunderts auf die liberalen Anschauungen der Deutschen 
läßt sich aber freilich nicht auf Grund des Nachweises einzelner 
Gedanken-Parallelen bestimmen. Montesquieus Auffassung war nicht 
originell in dem Sinne, daß sie eben nur diesem Manne eignete; sie 
beruht vielmehr auf einer weit ausgebreiteten Belesenheit auf dem 
Gebiete der Geschichte- und Rechtswissenschaft, im speziellen auf 
einer eindringenden Kenntnis antiker Verhältnisse und der englischen 
Verfassung, floß also aus Quellen, die auch dem deutschen Ge- 

1 G. Jellinek, Regierung und Parlament in Deutschland, Seite 20. 
K. Ruckstuhl, Der badische Liberalismus und die Verfassungskämpfe 
von 1841/43, Seite 167. 

* a. a. O. 


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lehrtenfleiße nicht verschlossen und vielleicht auch nicht unbekannt 
waren. Und als Rousseau die Grundsätze des Naturrechts nach seiner 
Weise systematisierte, war die Vemunftsrechtstheorie schon von vielen 
anderen Rechtsphilosophen gepflegt worden; und daß der literarische 
Zweig der deutschen Naturrechtslehre, in dessen Rinde die Namen 
eines Althusius, Pufendorf, Leibniz und Thomasius eingekerbt 
sind, nicht auf die liberalen Parteianschauungen der Deutschen vor 1848 
eingewirkt hat, das bedürfte zweifellos ebenso sehr eines besonderen 
Nachweises als die entgegengesetzte Annahme, daß die Liberalen aus¬ 
schließlich durch französische Ideen bestimmt seien. Dazu kommt 
ferner, daß auch die beiden großen Philosophen Deutschlands, Kant 
und Fichte, die Naturrechtstheorien in den praktischen Teil ihrer 
philosophischen Systeme völlig einbezogen haben, und angesichts des 
großen Einflusses, den sie im allgemeinen auf das Denken ihrer Zeit¬ 
genossen erwiesenermaßen ausgeübt haben, ist es nicht unwahrschein¬ 
lich, daß sie auch mit ihren rechtsphilosophischen Anschauungen auf 
das politische Leben ihrer Mit- und Nachwelt nachhaltig eingewirkt 
haben. 

Ist schon hieraus die ziemlich verwickelte Natur des vorliegenden 
Problems erkenntlich, so kompliziert es sich weiter noch durch den 
Umstand, daß die Masse der liberalen Anschauungen nicht durchaus 
homogen zu sein braucht und nicht ist, und bei dem Mangel einer um¬ 
fassenden wissenschaftlichen Darstellung des Ideengehaltes des älteren 
deutschen Liberalismus auf Grund eingehender Quellenstudien ist es 
hier schlechterdings unmöglich, die Anschauungen des gesamten deut¬ 
schen Liberalismus vor 1848 in bezug auf seine literarische Abhängig¬ 
keit von Montesquieu und Rousseau zu untersuchen. Wenn aber 
eine Beschränkung des Stoffgebietes um deswillen notwendig ist, so 
liegt nahe, die liberalen Ideen erst dort historisch zu fassen, wo sich 
die politischen Meinungen frei äußern konnten und der Liberalismus 
durch Betätigung zuerst den Parteicharakter annahm. Unter den 
süddeutschen Landtagen ragte aber der badische Landtag besonders 
hervor, weil der badische Liberalismus trotz seiner Beschäftigung mit 
Kleingemeindefragen den idealen Höhenflug nicht verlor. Seine 
geistigen Häupter waren zugleich die Träger des theoretischen Libe¬ 
ralismus im Süden, und da sie die praktischen Fragen ihrer parlamen¬ 
tarischen Arbeit auf die Basis des Prinzipiellen erhoben, so fanden die 
Kammerreden eines Rotteck und Liebenstein — wie Treitschke und 
Kaufmann übereinstimmend berichten — in ganz Deutschland 
jubelnden Widerhall. So wurden „die badischen Verhältnisse zum 
Mittelpunkt einer durch ganz Deutschland hinwirkenden Bewegung“. 

Wenn wir daher im folgenden Montesquieu» und Rousseaus 
Einfluß auf den vormärzlichen Liberalismus Badens untersuchen 
wollen, so dürfte es sich mit Rücksicht auf die Eigenart des vor¬ 
liegenden Problems empfehlen, in einem ersten Teil die Anschauungen 
Montesquieu» und Rousseaus isoliert zu betrachten, sie unter sich 

1 * 


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und mit ähnlichen Gedanken anderer Staatsrechtstheoretiker zu 
vergleichen, um das ihnen Eigentümliche möglichst scharf zu be¬ 
stimmen. Hierzu wird ein flüchtiger Überblick über die politischen 
Theorien von den Anfängen der Naturrechtstheorien bis auf Kant 
und Fichte ebenso willkommen sein als ein kurzer Hinweis auf 
die Bedeutung der Ideen Montesquieus und Bousseaus für die Ver¬ 
fassungsexperimente der großen französischen Bevolution. In einem 
zweiten Teile werden wir nach einer kurzen Skizzierung der 
Anfänge des Liberalismus in Deutschland die Entwicklung des 
parlamentarischen Liberalismus in Baden in chronologisch geord¬ 
neten Abschnitten verfolgen, um dann seine wichtigen politischen 
Führer mit Bücksicht auf die thematische Frage individuell zu 
behandeln. 

Wenn ich mich bei der vorhegenden Untersuchung, die sich be- 
Bcheidet, auch nur eine Teiluntersuchung der gestellten Frage zu sein, 
im wesentlichen auf die gedruckten Protokolle der Kammerverhand¬ 
lungen von 1819/22, 1831, 1841/43 und 1847/48 beschränkte, die bei¬ 
spielsweise herangezogen werden, so sind dafür hauptsächlich rein 
technische Gründe maßgebend gewesen. Aber nicht bloß um über¬ 
haupt eine Abgrenzung des ungeheuren Stoffgebietes zu ermöglichen, 
sondern auch deshalb, weil der badische Liberalismus in der Presse 
sich mit Bücksicht auf die überstrenge Zensur häufig anders geben 
mußte und weil die Zensurstriche allzuhäufig grundlegende Aus¬ 
führungen in den politischen Aufsätzen getilgt haben, habe ich zu¬ 
nächst von den Artikeln der politischen Zeitungen abgesehen. Die 
stoffreichen Kammerverhandlungen aus jener Zeit bieten uns aber 
häufig ein viel klareres Bild über die Entwicklung der politischen 
Meinungen und Parteiverhältnisse, als es die Protokolle der Kammer¬ 
verhandlungen unserer Tage zu bieten imstande sind. Das liegt einmal 
daran, daß es damals noch keine geheimen Fraktionssitzungen gab, 
in denen man sich über politische Verhältnisse mit Parteigenossen 
aussprach; und wenn auch — wie des öfteren zu erkennen ist — eine 
geheime Vorbesprechung stattgefunden haben mag, so macht sich 
doch der Mangel einer festen Parteiorganisation in einer für den 
Historiker angenehmen Weise insofern geltend, als die einzelnen 
Abgeordneten trotzdem ihre volle Überzeugung in der Öffentlichkeit 
selbst aussprachen und häufig ihre in wenigen Punkten abweichenden 
Meinungen gegenseitig in der Öffentlichkeit bekämpften. 

Gleichwohl hielt ich es für notwendig, die Ansichten der Abgeord¬ 
neten von Kotteck und von Liebenstein wegen ihrer Bedeutung 
für den gesamten vormärzlichen Liberalismus auf breiterer Grundlage 
aufzubauen, und indem ich Bottecks theoretische Werke heranzog 
und den schriftlichen Nachlaß des Freiherrn von Liebenstein ein- 
sehen durfte, war es mir möglich, die politischen Ansichten dieser 
beiden Kammerführer in den Hauptzügen mit fast systematischer 
Vollständigkeit darzustellen. — 


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Gegenüber den wissenschaftlichen Darstellungen, die zur vor¬ 
liegenden Untersuchung in näherer Beziehung stehen, fühle ich mich 
für manche Anregung zu großem Danke verpflichtet. Im besonderen 
muß ich nennen die Schriften Liepmanns und Haymanns, die 
beide fast gleichzeitig die herkömmliche Auffassung und Beurteilung 
Rousseaus einer radikalen Überprüfung unterzogen haben. Nach 
der Stammlerschen These, daß Rousseaus Fragestellung nicht 
historisch, sondern rechtsphilosophisch gedacht sei, hat Haymann 
in seinem Werke „Jean-Jaques Rousseaus Rechtsphilosophie“ 
Rousseaus Gedanken nach juristischen Kategorien und in abstrakten 
Deduktionen streng logisch zu systematisieren versucht, freilich an 
mehreren Stellen mit mehr oder weniger Zwang. Liepmanns philo¬ 
sophisch sorgfältig durchdachte Schrift „Die Rechtsphilosophie des 
Jean-Jaques Rousseau“ zeigt dagegen die historischen Wurzeln von 
Rousseaus Gedankengängen auf und klärt daher vielfach fast mühe¬ 
los die schwierigsten Fragen. 

Nicht in gleichem Maße bedeutend für diese Spezialuntersuchung 
scheinen mir einige neuere Werke über den deutschen und badischen 
Liberalismus zu sein. Obgleich der jüngst verstorbene Historiker 
Klein-Hattingen sein zweibändiges Werk schlechthin „Die Ge¬ 
schichte des deutschen Liberalismus“ betitelt hat, ist doch seine 
Darstellung über die Entwicklung des Liberalismus bis zum Jahre 
1848 hin in allen Teilen ungenügend. Klein-Hattingen bietet in 
Beinern ersten Bande als Einleitung auch eine Übersicht über die 
Naturrechtslehre; aber seine flüchtig hingeworfene Darstellung der 
Naturrechtsideen, nicht originell und auch nicht immer prägnant 
genug bei aller Kürze, begleitet zudem von allzu dürftigen Bemerkungen, 
hat er nicht historisch in Beziehung gesetzt zu den praktischen 
Anschauungen auch nur der führenden Liberalen. So sind die wich¬ 
tigen historischen Probleme von ihm nicht gelöst worden. Es ist wohl 
auch verfrüht, „Die Geschichte des deutschen Liberalismus“ zu 
schreiben, bevor die Landtagsakten, Briefwechsel und Preßfehden 
alle durchgearbeitet sein werden. 

Für die Darstellung der Beziehung zwischen Montesquieu und 
Rousseau einerseits und dem badischen Liberalismus andererseits 
kommen hauptsächlich die historischen Werke Leonhard Müllers 
in Frage, seine vierbändige „Badische Landtagsgeschichte“ und „Die 
politische Sturm- und Drangperiode Badens 1814—50“. L. Müller 
gibt im allgemeinen eine Geschichte des Arbeitspensums des 
badischen Landtages auf Grund der Kammerverhandlungen. Daß 
er für die feineren parteihistorischen Probleme, wie zum Beispiel für 
die literarische Abhängigkeit des Liberalismus weniger Interesse hat, 
darf man vielleicht daraus schließen, daß er die theoretisierenden 
Kommissionsberichte, Reden und Debatten großenteils nicht gebüh¬ 
rend gewürdigt und mitgeteilt hat. Ihm kam es vielmehr hauptsächlich 
darauf an, „die alte zerschossene Fahne des badischen Fortschritts“ 


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wieder auszugraben 1 . Wo er ein scharfes Urteil über Menschen und 
Verhältnisse fällt, urteilt in ihm auch tatsächlich oft nicht der Historiker 
nach dem Wertmaßstabe, der der zu behandelnden Geschichtsperiode 
immanent ist; sondern der oft gereizte Ton verrät den schriftstellern- 
den Parteimann. Auch die von L. Müller mitgeteilte Stoffaus- 
wahl ist nicht immer nach rein in der Sache liegenden Momenten be¬ 
stimmt worden, und die willkürliche Betonung und ausführliche Dar¬ 
stellung unbedeutenderer Ereignisse und Fragen, dagegen die Zurück- 
drängung und Unterdrückung nicht unwichtiger Bemerkungen und 
Ansichten der damaligen Abgeordneten werfen oft ein so schiefes 
Licht auf die Verhandlungen 2 , daß der zünftige Historiker gut tun 
wird, wenn er die Mühe nicht scheut, auf die primäre Quellenstelle 
zurückzugehen, die L. Müller allerdings fast niemals mit Buch- und 
Seitenzahl zur Nachprüfung anführt. Zitate, die er in den Haupttext 
seiner Geschichtsdarstellung eingeflochten hat, verraten zuweilen 
eine Quelleninterpretation, die der Meinung des Abgeordneten ge¬ 
radezu entgegengesetzt ist 3 . So scheint es mir nicht überflüssig, wenn 
ein unparteiischer Historiker die badische Landtagsgeschichte unter 
Berücksichtigung der vielen partei- und kulturhistorischen Probleme 
nochmals darstellen würde. Uber das andere Werk Müllers, betitelt 

1 L. Müller, Badische Landtagsgeschichte, Band I, Vorwort. 

2 Z. B. faßt L. Müller, Band 2, Seite 90 Ausführungen Liebensteins 
ungefähr so zusammen: Liebenstein erkennt aufs wärmste ,,den Grund¬ 
satz der allgemeinen Verpflichtung zum Waffendienst, den Grundpfeiler 
einer gerechten Wehrordnung“ des badischen Konskriptionsgesetzes von 
1812 an. Damit vergleiche man Liebensteins Ausführungen B. L. V. 1820, 
VHI, Seite 164 f.: „An die Erörterung dieses Gegenstandes sei es mir 
als Organ ihrer Kommission erlaubt, eine Betrachtung von umfassendem 
Umfang und den Ausdruck eines allgemeinen Volkswunsches zu knüpfen. 
.... Der große unverkennbare Vorzug dieses Gesetzes vor mehreren ihm 
vorausgegangenen Rekrutierungs- und Konskriptionsgesetzen besteht 
darin, daß es zwei Grundsätzen huldigt, welche als die Grundpfeiler einer 
gerechten Wehrordnung angesehen werden müssen, nämlich dem Grundsatz 
der Allgemeinheit der Verpflichtung zum Waffendienst und dem Grundsatz 
der möglichsten Erleichterung der Stellvertretung. Für sein Vaterland, 
das allen seinen Kindern gleichen Schutz und gleiche Rechte gewährt, 
müssen in der Stunde der Gefahr alle streiten, und es muß der Willkür 
nicht gestattet sein, Ausnahmen von dieser ehrenvollen Verpflichtung 
eintreten zu lassen. Wenn es aber die Notwendigkeit gebietet, einer ge¬ 
wissen Zahl von Söhnen des Vaterlandes einen Stand aufzudringen, den 
sie aus freier Wahl nicht ergriffen haben würden, so muß es ihnen auch 
vergönnt sein, mit einem Opfer aus eigenem Vermögen den selbst gewählten 
Lebensberuf verfolgen und für den Kriegsdienst des Vaterlandes einen 
dazu in jeder Beziehung tauglichen Stellvertreter einstellen zu dürfen. 
Nur die möglichste Freiheit der Stellvertretung macht die Allgemeinheit 
der Verpflichtung zum Kriegsdienst erträglich. Ein Gesetz, das die All¬ 
gemeinheit der Verpflichtung als Regel auf stellt und die Freiheit der 
Stellvertretung mehr beschränkt, als es die Notwendigkeit aus klaren 
einleuchtenden Gründen erfordert, wird in der Anwendung unausbleiblich 
in unzähligen Fällen der härteste und empörendste Druck. . . (Nur die 
unmittelbare Fortsetzung dieses Textes ist abgedruckt bei Müller, a.a.O.) 

3 Siehe 6. Kapitel dieser Untersuchung, Seite 55 u. 56. 


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„Die Sturm- und Drangperiode Badens 1840/50“ hat schon Hebeisen 
wichtige Ausstellungen gemacht 1 . Dagegen hat sich meines Erachtens 
die 1911 erschienene Abhandlung Buckstuhls „Der badische Libe¬ 
ralismus und die Verfassungskämpfe von 1841 bis 43“ als eine streng 
wissenschaftliche und feinsinnige Untersuchung über die Psychologie 
der Verfassungskämpfe und Parteientwicklung auf Grund der Quellen¬ 
studien erwiesen. — Auf die übrige Literatur kritisch einzugehen, 
erübrigt sich. 


I. Teil 

2. Kapitel. 

Die Naturrechtsansehanungeii und das Verfassungsideal 

Montesquieus. 

Der ältere deutsche Liberalismus ist der Träger einer Verfassungs¬ 
bewegung, die den Absolutismus im Staatsleben zu überwinden be¬ 
rufen war, und wenn dieser Verfassungsliberalismus in seinem harten 
Ideenkampfe mit den Anhängern des alten Polizeistaates sich geflissent¬ 
lich umsah nach geistigen Helfern im Streite, konnte er nicht an einem 
Manne vorübergehen, der in literarischer Fiktion als Usbek seinem 
Freunde schrieb 2 : „Seit ich nach Europa gekommen bin,... habe 
ich mancherlei Begierungssysteme gesehen,... ich habe viel darüber 
nachgedacht, welche Regierungsform wohl die vemunftgemäßeste 
sein mag, und ich bin zu dem Ergebnisse gelangt, die muß die voll¬ 
kommenste sein, welche ihr Ziel auf dem kürzesten Wege erreicht, 
mithin diejenige, welche die Menschen so leitet, wie es ihrem Hange 
und ihrer Neigung am meisten entspricht.“ Diese Worte enthalten 
in gedrängtester Zusammenfassung die gesamten politischen An¬ 
schauungen, die Montesquieu in seinen Lettres persanes und später 
weit ausführlicher und gründlicher in seinen Untersuchungen De 
l’esprit des lois dargestellt hat. Um Montesquieus Verfassungs¬ 
ideal begreifen und würdigen zu können, bedarf es zunächst einer 
kurzen Erläuterung seiner grundlegenden Begriffe. 

Montesquieu sagt (I. Buch, 1. Kapitel): „Die Gesetze in der 
weitesten Bedeutung sind die notwendigen Beziehungen, welche sich 
aus der Natur der Dinge ergeben,“ und da Montesquieu zu Eingang 
seiner Untersuchungen sich zum Glauben an eine ursprüngliche welt¬ 
schaffende Vernunft bekennt, so kann er den Begriff des Gesetzes 

1 Hebeisen, „Die konstitutionelle und die radikale Partei in 
Baden 1840“, Seite 12, 15 und besonders Seite 47: „Wenn wir L. Müller 
naehweisen können, dafi er seine in Anführungszeichen wiedergegebenen 
Landtagsreden fast ausschließlich, und zwar wortwörtlich der „Deutschen 
Zeitung“ entnahm, so kann ihm, der gerade Mathy eine bevorzugte 
Stellung in seiner Darstellung einräumt, der Vorwurf oberflächlicher 
Arbeitsweise wohl kaum erspart bleiben“. 

2 Montesquieu, Lettre pers. 81. 


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auch ausdehnen auf die „notwendigen Beziehungen, die zwischen ihr 
und den verschiedenen Wesen und zwischen diesen verschiedeneil 
Wesen untereinander bestehen“. Dieser eisernen Gesetzlichkeit unter¬ 
liegen die Bewegungen der vemunftlosen Materie und auch die ver¬ 
nunftbegabten Wesen; aber die vernunftbegabten Wesen sind außer¬ 
dem Gesetzen untertan, die sie sich selbst gemacht haben. Indessen 
bevor es gemachte Gesetze gab, gab es mögliche Rechtsbeziehungen, 
und „die Behauptung, daß nichts gerecht oder ungerecht sei, als was 
die gegebenen Gesetze befehlen oder verbieten, ist ebenso unrichtig, 
als wenn man sagen wollte, daß nicht alle Halbmesser gleich wären, 
bevor man einen Kreis gezogen hätte“ (1,1). Montesquieu ist den¬ 
noch der Meinung, daß die physische Welt durch ihre Naturgesetz¬ 
lichkeit weit besser regiert wird als die menschliche Gesellschaft, in 
der tausend Leidenschaften, ferner Unwissenheit und Irrtum die 
Macht der Vernunft schwächen, „welche niemals große Wirkungen 
auf den Geist der Menschen ausübt“ (XIX, 27), und in diesem 
psychologisch-ethischen Pessimismus wurzelt die Grundstimmung, 
die Montesquieus politisches Denken charakterisiert. 

Den positiven Gesetzen gehen also Gesetze voran, die aus der 
ursprünglichen Natur des Menschen entspringen; sie in ihrer Reinheit 
aufzusuchen, heißt den Menschen in der Periode vor der Gründung 
der Gesellschaft beobachten. Montesquieu findet bei dieser Be¬ 
trachtung (I, 2) vier Grundgesetze des Naturzustandes, vier „Natur¬ 
gesetze“: den Frieden, die Nahrungssuche, die Annäherung der 
Menschen und im besonderen der verschiedenen Geschlechter unter¬ 
einander und ihre Vergesellschaftung 1 . Diese vier Gesetze sind alle¬ 
samt bedingt durch die Gefühle und die Furcht des Naturmenschen, 
und sie verlieren daher ihre unmittelbare Gültigkeit, wenn der Mensch 
im Gesellschaftszustande seine Kräfte zu fühlen beginnt und der 
Kriegszustand eintritt; denn der Mensch des Gesellschaftszustandes 
ist geneigt, seine Kräfte, die Gewalt, die er hat, zu mißbrauchen, und 
er geht darin so weit, bis er Schranken findet (XI, 4). Das wesentliche 
Merkmal des Eiriegszustandes ist gewaltsame Unterdrückung der 
Mitmenschen. Sollen die Menschen im Gesellschaftszustande daher 
ihrer ursprünglichen Freiheit nicht beraubt und in ihrer persönlichen 
Sicherheit nicht fortgesetzt gefährdet werden, so bedarf es der Ein¬ 
führung von Gesetzen, die die Sicherheit der „Bürger“ gewährleisten. 

Der Inhalt der Gesetze, deren Einführung in die menschliche Ge¬ 
sellschaft notwendig ist, bestimmt sich nach dem Begriff der Freiheit, 
die durch sie garantiert werden soll. Montesquieu scheidet hierbei 
die politische Freiheit von der philosophischen. Besteht die philo¬ 
sophische Freiheit ausschließlich in der Ausübung des Willens oder 
in dem Glauben, daß man seinen Willen ausübe (XII, 2), so besteht 

1 Über den von Montesquieu selbst gebrauchten Ausdruck 
„Naturgesetz“ mit Beziehung auf diese inneren Triebe des Urmenschen, 
vergl. Seite 10 und 17 dieser Untersuchung. 


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die politische Freiheit zunächst in der Sicherheit oder wenigstens 
in dem Glauben, den man an seine Sicherheit hat, und der Inbegriff 
der Gesetze, die sich auf das Verhältnis aller Bürger zueinander 
beziehen, ist das bürgerliche Hecht. In dieser Beziehung hängt die 
Freiheit des Bürgers „vorzüglich von der Güte der Strafgesetze ab“. 
Dennoch erschöpft sich das Wesen der politischen Freiheit nicht in 
passiven Bestimmungen. Die aktive Seite der politischen Freiheit 
ist „das Recht, alles tun zu dürfen, was die Gesetze erlauben“, „tun 
zu können, was man wollen darf“ (XI, 3). Um diese politische Freiheit 
zu genießen und zu bewahren, muß auch jedem gestattet sein, zu 
sagen und zu schreiben, „was die Gesetze ihm nicht ausdrücklich zu 
Bagen und zu schreiben verboten haben“ (XIX, 27). Politische Frei¬ 
heit in diesem Sinne ruht auf den Gesetzen der Verfassung, auf den 
Grundgesetzen des Staates, die das Verhältnis der Regierenden zu 
den Regierten ordnen. Sie machen das Staatsrecht aus. 

So unterscheidet Montesquieu Gesetze, welche die politische Frei¬ 
heit in Beziehung zur Verfassung, und Gesetze, welche die Freiheit 
des einzelnen zum Mitbürger regeln. Außer diesen Sphären des Staats¬ 
rechts und des bürgerlichen Rechtes führt Montesquieu die recht¬ 
liche Ordnung der Völker zueinander auf, deren Gesetze das Völker¬ 
recht bilden, das aber für unsere Frage wenig oder gar nicht in Be¬ 
tracht kommt. 

Wenn, wie erwähnt, das Gesetz im allgemeinen die menschliche 
Vernunft ist, insofern als sie alle Völker der Erde regieren soll (1,3), 
so sollen die staatlichen und bürgerlichen (Jesetze jedes Volkes nur 
die besonderen Fälle sein, in welchen diese menschliche Vernunft 
Anwendung auf konkrete Lebensbedingungen findet, und die Be¬ 
rücksichtigung der gegebenen Bedingungen soll nach Montesquieu 
soweit gehen, daß es ein großer Zufall wäre, wenn die einem Volke 
eigentümlichen Gesetze zugleich auch für ein anderes Volk passen 
würden. Der Gesetzgeber muß daher die Gesetze nicht nur seinem 
vorgestellten Zwecke anpassen, sondern muß sie so gestalten, daß 
sie der Natur und den Grundsätzen der bestehenden oder zu er¬ 
richtenden Regierung entsprechen und ebenso auf die Natur des 
Landes, Lage und Größe des Bodens, auf das Klim a und im besonderen 
auf die Kulturstufe und Eigenart des Volkes Rücksicht nehmen. 
Montesquieu will die Gesetze und Gesetzgebung unter allen diesen 
Gesichtspunkten eingehend betrachten, und diese Problemstellung 
bringt er zum Ausdruck, wenn er sein Hauptwerk in Anlehnung an 
ein Kapitel in Domats Abhandlung über die Gesetze den „Geist 
der Gesetze“ betitelte 1 . 

Überblickt man in Kürze diese Ausführungen, so erkennt man, 
daß die Begriffe der politischen Freiheit und des Gesetzes nach 
Montesquieu sich nicht einander ausschließen; sondern innerhalb 


1 Sorel, Montesquieu, Seite 37. 


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der menschlichen Gesellschaft würde keine Freiheit bestehen, fa.Hn 
sie nicht durch Gesetze garantiert und begrenzt würde. Setzt aber 
so der Begriff der politischen Freiheit den Begriff des Gesetzes zu 
seiner Erklärung voraus, so muß es um so mehr wundernehmen, daß 
Montesquieu das Wesen des Gesetzes nirgends bestimmter definiert 
als mit dem allgemeinen Wort „Beziehung“, und indem Montesquieu 
bei seiner ganzen Untersuchung niemals von den „Vorurteilen der 
Vernunft“, sondern „stets von der Natur der Dinge“ ausgeht, 
indem er sogar den „Geist der Gesetze“ zum methodischen 
Prinzipe seiner Untersuchung erhebt, um die Gesetze zu ver¬ 
stehen, nehmen diese, um in der Fachsprache Kants zu reden, 
mehr den Charakter .konstitutiver als den regulativer Prinzipien 
an, und die gesamte Problemstellung hört auf juristisch zu sein, 
sie wird historisch. 

Ein Denker von der Art Montesquieus, dessen Denken vorwiegend 
historisch gerichtet ist, kann daher auch die Vernunftgemäßeste 
Regierungsform nicht anders finden wollen als durch historisch¬ 
kritische Betrachtung der einzelnen empirisch gegebenen Regierungs¬ 
formen. Montesquieu unterscheidet zu diesem Zwecke drei Regierungs¬ 
formen, deren N»tur sich nach dem Inhaber der höchsten Gewalt 
im Staate best imm en soll. Ist das Volk oder auch nur ein Teil des 
Volkes Inhaber der höchsten Gewalt, so ist die Regierung republi¬ 
kanisch ; monarchisch dagegen, we nn ein einzelner bestimmten 
Gesetzen gemäß, despotisch, wenn ein einzelner nach freiem Willkür¬ 
willen herrscht. Wenn auch Montesquieu innerhalb der republi¬ 
kanischen Form die beiden Untergebilde der Demokratie und 
Aristokratie noch voneinander sondert, die sich voneinander dadurch 
unterscheiden, daß in jener das Stimmrecht allgemein, in dieser 
eine Gruppe von Staatsbürgern vom Stimmrechte ausgeschlossen 
ist, so gelangt doch in dieser ganzen Einteilung das numerische 
Moment in Bezug auf den Träger der Souveränität insofern nicht 
rein zum Ausdrucke, als Montesquieu die Monarchie und Despotie 
als gleichgeordnete Glieder neben die Republik stellt. 

In der Demokratie ist das Volk als Ganzes durch das Recht der 
Willensäußerung in Gesetzesform der Herrscher, wie es durch seine 
Verpflichtung gegenüber den selbstgegebenen Gesetzen zugleich auch 
Untertan ist. Die Grundgesetze der Demokratie erfordern, daß das 
Volk alles selbst tut, was es als Gesamtheit verrichten kann; aber 
weil es in seiner schwerfälligen Körperlichkeit niemals Zeit, Ort 
und Gelegenheit recht wahrzunehmen imstande ist, muß es zur 
Erledigung und Leitung der Regierungsgeschäfte die hierzu nötigen 
Beamten selbst auswählen und sie dazu beauftragen. Da die Volks¬ 
versammlung unumschränkte Herrscherin ist, so ist die Festsetzung 
der Abstimmungsart und die Zahl der Abstimmenden in der Demokratie 
ein ebenso wichtiges Grundgesetz wie in der Monarchie die Verkün¬ 
digung des .Namens des Souveräns. 


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Montesquieu hat für jede Regierungsform auch das bewegende 
Prinzip aufgesucht und erkennt in der Tugend das Prinzip der 
Demokratie, Tugend aber hierbei nicht im sittlichen oder christlichen, 
sondern im politischen Sinne genommen, als Liebe zur Gleichheit 
(III, 3). Diese Tugend ist Sache des Gefühls und unabhängig von 
Kenntnissen, daher allgemein. 

Im Gegensatz zur Demokratie ist die Aristokratie auf den Unter¬ 
schied» der Stände gestellt. Deshalb ist die demokratische Wahl 
durch das Los, wonach niemand verletzt und jedem die Hoffnung 
gewährt wird, seinem Vaterlande zu dienen, mit der Natur der 
Aristokratie unverträglich. Für den Fall, daß der Adel zu zahlreich 
ist, macht sich erfahrungsgemäß ein Senat nötig, welcher der Ver¬ 
sammlung der Adligen die zu entscheidenden Angelegenheiten vor¬ 
bereitet. Von grundlegender Wichtigkeit für die politische Gesundheit 
der Aristokratie hat sich die Forderung erwiesen, daß sich der Senat 
nicht nach eigenen Beschlüssen ergänzen darf, und die Größe der 
Macht, die dem Senat übertragen ist, setzt eine weise Beschränkung 
als notwendig voraus, die den konstitutionellen Beschränkungen der 
Monarchie entspricht. Montesquieu sieht diese Vorsichtsmaßregel 
genügend erfüllt durch eine kurzfristige Bemessung der Regierungs¬ 
dauer des Senates. Deutlicher aus diesen Gründen als aus den nicht 
ganz begriffsklaren und konsequenten Ausführungen Montesquieus 
über das Prinzip der Aristokratie geht hervor, daß die Aristokratie 
auf die Tugend der Mäßigung gestellt ist. „Die Mäßigung ist die 
Seele dieser Regierungsform“ (III, 4, V, 8), die Mäßigung, die in 
der Tugend, nicht in der Schlaffheit und Trägheit der Seele be¬ 
gründet ist. 

Die Natur der Monarchie liegt in der Regierung eines einzelnen 
nach bestimmten Gesetzen. Für die Monarchie ist es daher auch 
wesensbestimmend, daß ein Hort der Gesetze ständig vorhanden ist, 
d. h. eine Körperschaft, deren Interesse und Macht gleicherweise 
darauf gerichtet ist, die Gesetze zu verkünden und vergessene Gesetze 
wieder aus dem Staube hervorzuholen, in dem sie begraben 
waren (II, 4). Auch in anderer Beziehung bedarf die Monarchie 
besonderer Mittelglieder zwischen den breiten Massen des Volkes 
und dem Alleinherrscher; „ohne Adel hat man einen Despoten“, 
„ohne Adel keine Monarchie“, und Montesquieu macht auch 
warnend darauf aufmerksam, daß man die Monarchie sofort in einen 
Volksstaat oder in eine Despotie verwandelt, sobald man die 
Privilegien abschafft (II, 4; III, 7). Die Selbsterhaltung der Monarchie 
wird gewährleistet durch die Existenz mehrerer Klassen, die mit 
Rücksicht auf ihre Vorzüge, Rangstufen und ähnliches mehr ein 
Interesse an der Staatserhaltung haben (V, 11). Die Triebkraft der 
monarchischen Regierung liegt daher auch in dem „Vorurteil jeder 
Person und jeder Stellung“, durch welche die Tugend völlig ersetzt 
wird, und ganz besonders der Adel ist das Kind und der Vater der 


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Ehre. Ehre ist daher das Prinzip der Monarchie (III, 6). Jeder trägt 
zum Gemeinwohl bei, indem er nur seine eigenen Interessen zu ver¬ 
folgen glaubt. Mag diese Ehre philosophisch eine falsche Ehre sein, 
in der politischen Praxis der Monarchie hat sie nur heilsame Wirkungen 
(III, 8); diese Ehre gebietet den Gehorsam und beschränkt zugleich 
seine gefährlichen Übertreibungen (III, 10). 

Die Despotie endlich ist die Willkürherrschaft eines einzelnen, 
der zudem bloß durch die Macht seiner alle überragenden Stellung 
verleitet wird, träge, unwissend und genußsüchtig zu werden und 
sich um die Regierungsgeschäfte nicht zu kümmern. Er überträgt, 
um auch Streitigkeiten unter mehreren gleich-hochgestellten Ministern 
zu vermeiden, seine ganze Macht ausschließlich auf den Vezier, 
dessen Einsetzung ein erstes Grundgesetz der Despotie ist. Die 
Despotie ist allein auf die Furcht gestellt (III, 9). Die Untertanen 
müssen daher streng nach dem Gesetzeswillen, die Großen nach der 
Laune des Fürsten gerichtet werden. 

Welche von diesen Regierungsformen gewährleistet nun nach 
Montesquieu die politische Freiheit ? Debattelos scheidet die 
Despotie aus; mit ihrem Wesen verträgt sich Freiheit nicht. Auch 
die imbeschränkte Gewalt des ganzen Volkes darf nicht mit dessen 
Freiheit verwechselt werden, und wie die Demokratie, so ist auch die 
Aristokratie kein Staat, der politische Freiheit garantiert. Politische 
Freiheit findet sich nur bei gemäßigten Regierungen, und zwar auch 
nur dann, wenn in ihnen die Gewalt nicht mißbraucht wird (XI, 4). 
So ergibt sich aus der historisch-kritischen Betrachtung der empirisch 
gefundenen Regierungsformen, daß die vollkommenste Regierung 
in einer solchen Ordnung politischer und rechtlicher Verhältnisse 
besteht, die den Mißbrauch der Gewalt unmöglich macht, und von 
selbst stellt sich das verfassungspolitische Problem: wie kann der 
Mißbrauch der Gewalt in der gemäßigten Regierungsform verhindert 
werden ? Die Lösung dieser Frage war nach Montesquieus Ansicht 
bereits gefunden, und er konnte die Antwort geben, indem er die 
Verfassung Englands analysierte und auf diese Weise die Grundsätze 
der Gewaltenteilung und der Balancierung der getrennten Gewalten 
systematisch darstellte. Freilich war es nicht die wirkliche Ver¬ 
fassung Englands, die Montesquieu zergliederte; er sah vielmehr die 
englische Verfassung durch die Brille John Lockes, dessen beide 
„Abhandlungen über die Regierung“ nachhaltigen Einfluß auf 
Montesquieu ausgeübt haben. 

Montesquieu unterscheidet in jedem Staate drei Arten von 
Gewalten: die gesetzgebende, die ausführende und die richterliche 
Gewalt, und er hat gefunden (XI, 6), daß die politische Freiheit 
in jedem Staate untergegangen ist, wo die gesetzgebende und aus- 
führende Gewalt in einer Körperschaft vereinigt, auch wo die richter¬ 
liche Gewalt nicht von beiden getrennt war. Fürsten, die sich zu 
Despoten machen wollten, fingen stets damit an, alle Behörden 


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in einer Person zu vereinigen; deshalb fordert Montesquieu im 
Interesse der politischen Freiheit eine strenge Scheidung der drei 
Gewalten mit fester Kompetenzabgrenzung. Der Legislative kommt 
es zu, Gesetze zu machen, zu ändern und aufzuheben und über die 
Ausführung der Gesetze zu wachen. Die Exekutive schließt Frieden 
und erklärt den Krieg, entsendet und empfängt Gesandtschaften 
und sorgt für Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit. Die 
Justiz bestraft Verbrechen und richtet über Streitigkeiten. Unter 
den Voraussetzungen, daß nur in den gemäßigten Regierungsformen 
mit Gewaltenteilung politische Freiheit bestehen kann, ist das 
Verfassungsideal Montesquieus jener fein differenzierte Staats- 
Organismus, den wir heute als konstitutionelle Monarchie zu be¬ 
zeichnen pflegen. Auch aus einem anderen Grunde hält Montesquieu 
an der monarchischen Regierungsform fest. 

Die Eigenart der Staatsaufgaben für die Exekutive verlangt 
größtenteils augenblickliche Erledigung, und wie die umsichtige 
Überlegung bei gesetzgeberischen Arbeiten kollegiale Beratung 
fordert, so muß umgekehrt die ausführende Gewalt durch den raschen 
und einheitlichen Entschluß des Monarchen wirken. Dieser Monarch 
ist eine geheiligte Person, die nicht zur Verantwortung gezogen werden 
darf. Ihr zur Seite stehen notwendig als Ratgeber die Minister, die 
für ihren Rat verantwortlich gemacht werden können. 

Auch hinsichtlich der gesetzgebenden Gewalt hat Montesquieu 
in der Geschichte demokratischer Staaten erkannt, daß das Volk 
in seiner Gesamtheit nicht geeignet ist, seine Angelegenheiten selbst 
zu verhandeln, und von diesem Standpunkte aus lehnt Montesquieu 
auch die Möglichkeit eines Volksreferendums für sein Verfassungs¬ 
ideal ab. Er spricht dem Volke nur die Fähigkeit zu, Vertreter zu 
wählen, Vertreter, die von ihren Wählern mit einer allgemeinen 
Anweisung versehen sind, aber nicht an Instruktionen gebunden 
und daher auch nicht von den Wählern zur Rechenschaft gezogen 
werden können. 

Bei der Organisation der Volksvertretung hält Montesquieu fest 
an dem Prinzip der Monarchie, und er eifert dagegen, wenn man 
Bürger von hoher Geburt, großem Reichtum und von Ehre mit dem 
Volk zusammenwerfen will. Die allgemeine Freiheit würde für sie 
Knechtschaft bedeuten, wenn jeder von ihnen nicht mehr als eine 
Stimme hätte. Soll der Anteil des Adels an der Gesetzgebung den 
sozialen Vorzügen seines Standes entsprechen, so muß der Adel eine 
gesonderte Körperschaft innerhalb der gesetzgebenden Gewalt 
bilden. Diese Erwägungen bestimmen Montesquieu für das Zwei¬ 
kammersystem einzutreten, und in seiner Idealverfassung soll sich 
die Volksvertretung zusammensetzen aus einer Adelskammer und 
der Volksvertretung im engeren Sinne. Die Natur des Adelstandes 
verlangt erbliche Sitze; aber dadurch sind rechtlich die Bedingungen 
dazu gegeben, daß die Adelsvertretung nur ihre eigenen Interessen 


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verfolgt auf Kosten des Volkes. Deshalb muß das Volk durch seine 
Vertretung die Adelskammer an der Ausführung von Unternehmungen 
hindern können, die der Gesamtheit des Volkes schädlich oder 

verderblich sind, und andererseits muß der Adelskammer in Steuer¬ 
fragen die Befugnis zu beschließen ganz entzogen werden. Umgekehrt 
erkennt Montesquieu aber auch der Vertretung des Adels das Recht 
zu, Beschlüsse der Volksvertretung unwirksam zu machen. — Die 
Volksvertreter haben ihre Sitze nicht erblich überkommen, sondern 
sind gewählt. Uber das passive Wahlrecht spricht sich Montesquieu 
an keiner Stelle aus; mit Rücksicht auf das aktive Wahlrecht bemerkt 
er, daß alle Bürger in den verschiedenen Bezirken wahlberechtigt 
sein sollen, mit Ausnahme derjenigen, welche sich in so niedriger 
Lebensstellung befinden, daß ein eigener Wille bei ihnen nicht voraus¬ 
gesetzt werden könne. 

Das Verhältnis der Regierung zur Volksvertretung hat 
Montesquieu in mehrfacher Beziehung scharf präzisiert, am 
schärfsten wohl durch das Prinzip der Ministerverantwortlichkeit. 
Schon in seinen „Persischen Briefen“ (CXXVIII) schildert er gern 
die Monarchen als Despoten und die Minister als systemlos, als 
selbstsüchtige Höflinge, die nur auf die fürstlichen Launen Rücksicht 
nehmen. „Mag ein Fürst noch so schlecht sein, ein Minister ist 

immer noch schlechter.Deswegen ist auch der Ehrgeiz eines 

Fürsten niemals so gefährlich wie die nichtswürdige Gesinnung 
seiner Ratgeber“. Ein Minister rechnet bei seiner Amtsführung nur 
mit der Absicht, den fürstlichen Leidenschaften neue Nahrung zuzu¬ 
tragen. Da die Person des Fürsten geheiligt ist, da er nach 
Montesquieu niemals etwas schlecht führt ohne schlechte Ratgeber, 
so müssen die Minister zur Untersuchung und Bestrafung gezogen 
werden können. Die praktische Erfahrung der Demokratien und 
der theoretische Grundsatz, daß die politische Freiheit auch der 
Minister bedroht wird, falls das Volk Kläger und Richter in einer 
Person ist, diese Gründe in Gemeinschaft mit anderen Billigkeits¬ 
rücksichten sind für Montesquieu bestimmend gewesen, die einzige 
und letzte Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Gesetzgebung 
und Regierung überhaupt einem höchsten Gerichtshöfe zu übertragen, 
der aus allen Vertretern der Adelskammer zusammengesetzt ist. 
Die weitere Bestimmung, daß die Volksvertretung vor dem „Ober¬ 
haus“ die Anklage erheben soll, zeigt wiederum das Vorbild der 
englischen Verfassung. 

Die Abhängigkeit der Exekutivgewalt von der Gesetzgebung 
will Montesquieu sorgsam erhalten wissen dadurch, daß die Volks¬ 
vertretung der Regierung die Steuern nicht für immer bewilligt, 
sondern nur auf bestimmte kurze Fristen, nur auf ein Jahr; ebenso 
sollen die Mittel für Land- und Seemacht nur auf dieselbe Zeit bewilligt 
werden. Mit einem Wort: Montesquieu verwirft im Interesse der 
Macht der gesetzgebenden Gewalt die Aufstellung eines eisernen 


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Etats. In diesem Punkte ist die Macht der Gesetzgebung unein¬ 
geschränkt, weil der Exekutive hier nicht einmal das Recht zusteht, 
unliebsame Beschlüsse unwirksam zu machen. 

Aber auch der ausführenden Gewalt kommen gegenüber der 
gesetzgebenden wichtige Rechte zu, die der Exekutive nicht bloß 
eine große Selbständigkeit, sondern im Vergleich mit der gesetz¬ 
gebenden Gewalt eine überragende Stellung sichern. Die Regierung 
bestimmt nicht nur die Zeit der Abhaltung und die Dauer der Ver¬ 
sammlung der gesetzgebenden Körperschaft; sondern sie hat auch 
das verfassungsmäßige Recht, die gesetzgebende Gewalt durch 
Vertagung der Versammlung in Unternehmungen zu hindern, die 
der Exekutive nicht erwünscht sind. Zugrunde liegt hierbei auch 
der Gedanke, daß eine beständige Tagung der Volksvertretung den 
Abgeordneten sowohl als auch der Exekutive lästig werden, sogar die 
politische Freiheit gefährden, wie umgekehrt eine lange parlamentslose 
Zeit zur Despotie oder Anarchie führen würde. Wenn Montesquieu 
ferner der Regierung nicht ausdrücklich das Recht der Initiative 
in Gesetzgebungsangelegenheiten zuschreibt und ihr das Eingreifen 
in die Debatte abspricht, so erklärt sich dies daraus, daß die aus¬ 
führende Gewalt seiner Anschauung nach das Recht besitzt, gefaßte 
Beschlüsse der Legislative zu mißbilligen und Entscheidungen über 
Anträge, die gegen ihren Wunsch sind, zurückzuweisen. 

Von größter Bedeutung für das ganze System gegenseitiger 
Hinderung am Mißbrauch der Gewalt ist die Stellung des Heeres in der 
Verfassung. Das Heer ist das gefährlichste Instrument in der Hand 
der Exekutive. Um der Unterdrückung von seiten der ausführenden 
Gewalt vorzubeugen, schlägt Montesquieu die Organisation eines 
Volksheeres vor, das eines Geistes mit dem Volke ist und mit den 
Bürgern zusammenwohnt, nicht aber in besonderen Lagern, Waffen¬ 
plätzen und Kasernen untergebracht ist. Um der Sicherheit willen 
fordert Montesquieu ferner Stellung von Kautionen durch die Offi¬ 
ziere, die überdies ihr Amt nur auf ein Jahr und durch Wahl erhalten, 
und als letztes entscheidendes Mittel gegen die Exekutive soll der 
gesetzgebenden Gewalt das Recht zustehen, das Heer zu entlassen. 

So ist die Grundlage der Idealverfassung Montesquieus ein 
Staat, dessen gesetzgebende Versammlung aus zwei Körperschaften 
zusammengesetzt ist, von denen jede die andere an der Überschreitung 
der Befugnisse durch Versagen der Zustimmung zu deren Beschlüssen 
in Schranken halten kann; beide werden durch die ausführende Gewalt 
gebunden, welche ihrerseits wieder durch die gesetzgebende Ver¬ 
sammlung von dem Mißbrauche der Gewalt wirksam abgehalten 
wird. Von diesem System gegenseitiger Hinderung befürchtet 
Montesquieu trotzdem nicht eine politische Stagnation; sondern er 
hofft, daß die in der Natur politischer Verhältnisse liegende Kraft 
der Fortentwicklung die beiden Gewalten stets zwingen wird, in 
Eintracht miteinander vorwärts zu gehen. 


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Diese Trennung der Legislative von der Exekutive war in 
der englischen Verfassung gegeben; Montesquieu bereicherte dieses 
System, indem er zu den zwei Gewalten die richterliche Gewalt 
als dritte unabhängige hinzugesellte. Sie ist seiner Meinung nach für 
die Gesundheit des Staatsorganismus von höchster Wichtigkeit. 
Mit Rücksicht darauf, daß in der Gesetzgebung und Regierung 
größtenteils Dinge verhandelt werden, die sich nicht auf einzelne 
Individuen beziehen, können hier ständige Beamte und ständige 
Körperschaften mit der Erledigung der Angelegenheiten beauftragt 
werden. Adders in der Justiz. Dem Amt eines Richters wohnt 
tatsächlich eine große Macht inne, und dazu kommt, daß der einzelne 
sich allzuleicht einbildet, in seinen Richtern Leuten unter die Hände 
gefallen zu sein, die ihm Gewalt antun möchten. Die richterliche 
Gewalt darf deshalb keinem einzelnen Menschen, auch keinem stän¬ 
digen Senate auf die Dauer übertragen werden. Das Amt eines Richters 
soll jeder fürchten, niemand aber die Beamten. Montesquieu fordert 
daher ein populäres Richteramt wie in Athen, und im Interesse der poli¬ 
tischen Freiheit weist er auf die Notwendigkeit hin, daß die Richter 
desselben Standes sind wie der Angeklagte. Sie sollen auf Zeit gewählt 
werden und in genügender Anzahl, so daß für den einzelnen Fall 
bei wichtigen Anklagen vom Kläger und Beklagten die Wahl der 
Richter gewissermaßen gemeinsam vorgenommen wird, indem jeder 
von beiden Parteien das Recht zusteht, gewisse für das Richteramt 
vorgeschlagene Personen abzulehnen. Wenn aber die Gerichte in 
ihrer Zusammensetzung nicht fest bestimmt sein sollen, so müssen 
es dagegen die Urteile in dem Grade sein, daß sie stets dem Wortlaut 
des Gesetzes genau entsprechen. Ranke 1 vermutet, daß Montesquieu 
durch Grotius dazu angeregt worden sei, die richterliche Gewalt als 
unabhängige Gewalt neben die beiden anderen zu stellen. Vielleicht 
hat hierzu auch beigetragen, daß Montesquieu als Mitglied des 
parlamentarischen Adels in Frankreich in der Aufrechterhaltung der 
gerichtlichen Befugnisse der französischen Parlamente und ihrer 
Selbständigkeit eine wesentliche Bedingung der öffentlichen Freiheit 
erblicken mußte. 

Diese hier ausgeführten Gedanken nehmen in der Ideenwelt 
Montesquieus die zentrale Stellung ein. Mit Rücksicht auf den 
Sonderzweck dieser Darstellung können wir uns auf ihre Wiedergabe 
beschränken. Sie lassen Inhalt und Methode von Montesquieus 
politischem Denken deutlich erkennen. 

Montesquieus Name ist in der politischen Geschichte durch 
seine Ausführungen über England mit der Dreiteilung der Staats¬ 
gewalt untrennbar verknüpft. Uns kann hier nicht die Frage inter¬ 
essieren, ob eine solche Teilung der Staatsmacht in drei getrennte 
Gewalten, wie sie Montesquieu in dieser Allgemeinheit empfiehlt, 


1 Ranke, Sämtliche Werke, Band 24, Seite 263. 


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überhaupt durchführbar oder politisch ratsam ist. Indem wir nur 
die politische Bedeutung Montesquieus historisch einzuschätzen 
versuchen, erinnern wir uns, daß schon Aristoteles ähnliche Gedanken 
dargelegt, daß die parlamentarische Praxis dieses Prinzip ausge¬ 
bildet, daß Locke dieses Prinzip zum Teil theoretisch dargestellt 
hat. Montesquieu bietet uns keine Entstehungsgeschichte seines 
Systems; mit der seiner historischen Phantasie eigenen Schwärmerei 
läßt er es in den Wäldern Germaniens erfunden werden. Man hat 
wiederholt über die Trockenheit der allzu theoretischen Konstruktion 
klagen zu müssen geglaubt, sicherlich aber dabei außer acht gelassen, 
wie eng Montesquieu im neunzehnten Buche die Staatsgrundgesetze 
mit dem allgemeinen Geist, den Sitten und den Lebensgewohnheiten 
eines Volkes in Beziehung setzt. Das führt uns auf seine Methode. 

Er gesteht im Vorwort zu seinem Hauptwerke selbst, daß er 
nicht von den Vorurteilen der Vernunft, sondern von der Natur der 
Dinge ausgegangen ist. Dennoch ist er nicht in der historischen 
Empirie stecken geblieben. Er hat abstrahiert, und „seine Abstrak¬ 
tionen werden eine eigene systematische Theorie“, sagt Banke 
von ihm. Aber wenn auch seine Methode in dieser Beziehung eine 
Synthese von Erfahrung und Denken ist, so tritt doch das rationa¬ 
listische Element allzusehr in den Hintergrund, und Rousseau hat 
recht, wenn er sagt, daß sich Montesquieu damit begnügt habe, 
das positive Recht der bestehenden Staaten in den Kreis seiner Be¬ 
trachtung zu ziehen, daß er aber nirgends die Grundsätze des Staats¬ 
rechtes juristisch behandelt habe. Der farblose Begriff des Gesetzes 
zu Eingang seiner Untersuchung, die unklare Nebeneinanderstellung 
von Naturgesetz und positivem Gesetz zeigt gleich anderen Partien 
seines Buches, daß sich Montesquieu in der Behandlung der Frage 
nach dem Urgründe des Rechts stets unbestimmt, ausweichend, 
ja verlegen gezeigt hat. Ihm war „gerade das übermäßig Vernünftige 
nicht immer begehrenswert“, und sein methodisches und zugleich 
politisches Prinzip der sorgsamsten Rücksichtnahme auf die empirisch 
gegebenen Bedingungen hätte vermutlich nicht die Kraft gehabt, 
der Idee der konstitutionellen Monarchie die Länder des zivilisierten 
Europa im Fluge zu erobern, wenn nicht eine andere Theorie das 
Existenzrecht der Grundgesetze aller Staaten rücksichtslos negiert 
hätte. Das war die Theorie Rousseaus. 

3. Kapitel. 

Die Rechtsphilosophie und die Verfassungspolitik Rousseaus. 

Betrachten wir nunmehr gleichfalls unserem Zweck entsprechend 
in möglichster Kürze zuerst Rousseaus rechtsphilosophische und 
dann seine verfassungspolitischen Anschauungen! 

Für uns, die wir von Montesquieu herkommen, ist Klarheit 
über den Charakter des Rousseauschen Problems von grundlegender 

Fickert. 2 


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Wichtigkeit. Wohl streift auch Rousseau an verschiedenen Stellen 
im Contrat social geschichtliche Verhältnisse; aber scharf lehnt er 
eingangs die historische Fragestellung ab. Wie sich die Umwandlung 
der Freiheit in Knechtschaft vollzog, das „weiß“ er „nicht“; aber 
was dem positiven Recht „Rechtmäßigkeit verleihen kann“, diese 
Frage glaubt er beantworten zu können (C. s. 1, 1). Es gilt also nicht 
zu untersuchen, ob das Recht durch einen wirklichen Vertragsakt 
entstanden ist; sondern es handelt sich vielmehr um die Frage, ob 
es ein Recht gibt, dessen Befehlen ich auch ohne innere Zustimmung 
oder gar wider meinen Willen unterworfen bin, oder allgemeiner: 
ob eine rechtsverbindliche Menschensatzung in sicherer Methode 
deduziert werden kann. Deutlicher als im Contrat social hat 
Rousseau in den „Bergbriefen“ diese Grundfrage aufgestellt und 
beantwortet 1 : „Qu’est-ce qui fait que l’ötat est un? C’est l’union 
de ses membres. Et d’ou nait l’union de ses membres ? d’obligation 
qui les lie. . . Mais quel est le fondement de cette Obligation ? Voilä 
oü les auteurs se divisent. . .; j’ai pos6 pour fondement du corps 
politique la Convention de ses membres“. Das verpflichtende, das 
geltendes Recht schaffende Moment ist also hiernach zunächst die 
Einwilligung des Menschen (C. s. IV. 2), und die convention, durch 
welche z. B. der Staat als rechtliche Zwangsordnung geschaffen wird, 
verlangt deshalb absolute Einstimmigkeit (C. s. IV, 2). Aber wie 
Rousseau im Contrat social des näheren ausfuhrt, ein Vertrag, 
der die Sklaverei einrichten würde, selbst unter ausdrücklicher Zu¬ 
stimmung des Versklavten, begründet keinerlei rechtsgültige 
Menschensatzung, weil er mit der Natur des Menschen unvereinbar 
ist, und an der zitierten Stelle der „Bergbriefe“ spricht sich 
Rousseau folgendermaßen aus: „Toutes sortes d’engagements ne 
sont pas valides möme devant les trubunaux humains. Ainsi, pour 
d&erminer celui-ci, l’on doit en expliquer la nature, . . . on doit 
prouver . . ., qu’il n’a rien de contraire aux lois naturelles“. Über 
die Rechtsgültigkeit positiver Menschensatzung entscheidet also 
letzten Endes eine höhere Norm, die von Rousseau loi naturelle 
oder droit naturel genannt wird, weil sie in der psychischen Natur 
des Menschen wurzle. Die rechtsverpflichtende Kraft irgendwelches 
Gesetzes ruht also in einem mehr äußerlichen und in einem mehr 
inneren Kriterium: zu dem Tatcharakter, den das Gesetz durch den 
vorhergegangenen Vertragsabschluß erhalten hat, tritt notwendig 
das Moment hinzu, das in einer genügenden Rechtfertigung des 
Gesetzinhaltes vor der höchsten, dem Menschen angeborenen 
Rechtsnorm liegt. Welches ist aber diese Norm ? Am Anfänge des 
vierten Buches des „Emile“ hat Rousseau die Natur des Menschen 
psychologisch genauer bestimmt als den Inbegriff der Leidenschaften, 
die Gott dem Menschen ins Herz gelegt habe. Die Quelle aller Leiden- 


1 Oeuvres complötes d. J. J. Rousseau, 1790, Tome IX, p. 264 seq. 


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schäften aber, die „Grundursache aller übrigen“, sei „die Selbstliebe, 
diese primitive, angeborene“, „die den Menschen nie verläßt, solange 
er lebt“; sie „ist immer gut“ und legt jedem die Pflicht der Selbst¬ 
erhaltung auf, und diese Pflicht ist und muß deshalb auch jedes 
Menschen erste und wichtigste Sorge sein. Aus eben diesem Grunde 
müssen sich die Menschen gegen die übermächtigen Hindernisse 
des Naturstandes vereinigen (C. s. I, 6). Da jedoch Stärke und Freiheit 
des Menschen die natürlichen Hauptwerkzeuge seiner Selbsterhaltung 
sind, deren er sich nie begeben darf, so stellt sich im Augenblick der 
Einsicht in die Notwendigkeit menschlicher Vergesellschaftung das 
eigenartige Grundproblem: „Wie findet man eine Gesellschaftsform, 
welche mit der ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Ver¬ 
mögen jedes Gesellschaftsgliedes verteidigt und schützt und kraft 
dessen jeder einzelne, obgleich er sich mit allen vereinigt, gleichwohl 
nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie zuvor?“ Aus dem 
vorstehenden ist ersichtlich, daß die oberste Rechtsnorm, der Begriff 
des droit naturel, die stete Rücksicht des Gesetzes auf die Selbst¬ 
erhaltung, Stärke und Freiheit des Menschen fordert. Rousseau 
pflegt die einzelnen Inhaltsbestimmungen des droit naturel aber meist 
nicht samt und sonders aufzuzählen, sondern läßt sie größtenteils 
repräsentiert werden durch den Begriff der Freiheit. So müssen wir 
es verstehen, wenn er zu dem Ergebnis kommt, daß eine positive 
Menschensatzung nur dann rechtsverbindlich ist, wenn sie die Freiheit 
des Menschen unangetastet bestehen läßt. Dabei faßt Rousseau 
unter seinem Begriff der Freiheit aber nicht die rechtliche Möglichkeit, 
seinen eigenen regellosen Willen unbehelligt auszuführen; sondern 
die Freiheit besteht vielmehr darin, keiner fremden Willkür unter¬ 
worfen zu sein. Der Mensch ist also solange frei, als er nicht ge¬ 
zwungen wird, dem Gesetze der Erhaltung, das ihm die Natur ein¬ 
gepflanzt hat, zuwiderzuhandeln, und wer als Gesetzgeber freien 
Menschen rechtsverbindlich befehlen will, muß seine Gebote regeln 
nach diesem Naturgesetz der Erhaltung (C. s. I, 8). Der Gesetzes¬ 
zwang gegenüber einem Menschen, der die gültigen Rechtsbefehle 
nicht befolgt, bedeutet daher nach Rousseau auch nichts anderes, 
als daß man ihn zwinge frei zu sein. Die liberte civile ist daher in 
Wahrheit nicht die Verneinung positiver Rechtssatzung, sondern der 
resultierende Zustand menschlicher Rechtsgestaltung, welcher die 
•Freiheit nicht nur zuläßt, sondern bezweckt. 

Eine solche Freiheit kann aber in einer Gesellschaft nur dann be¬ 
stehen, wenn kein einziges Glied ein Interesse daran und die recht¬ 
liche Möglichkeit dazu hat, einem anderen Rechtsgenossen das Ver¬ 
tragsverhältnis drückend zu gestalten. Diese Bedingung schließt 
daher die Forderung ein, daß die Rechtsverhältnisse aller Glieder der 
Rechtsgemeinschaft völlig gleich sind, eine Forderung, die nur dann 
erfüllt ist, wenn jeder Vertragschließende mit allen seinen Rechten 
vorbehaltlos in die Gemeinschaft aufgeht. Das ist auch der Sinn 

2 * 

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des contrat social: „Jeder von uns stellt seine ganze Kraft unter die 
oberste Leitung des allgemeinen Willens, und wir nehmen jedes Mit¬ 
glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf“ (C. s. I, 6). Die Garantie 
völliger Rechtsgleichheit ist nach Rousseau rechtsphilosophisch gegeben 
in dem Umstande, daß sich die Kontrahenten nicht einem einzelnen 
oder einer Gruppe von Menschen, sondern einem obersten Prinzipe 
unterstellen, daß Rousseau als die volonte generale bezeichnet. 

Die volontö generale ist der Kristallisationskem sämtlicher sozial¬ 
philosophischer Anschauungen Rousseaus. Ihr Wesen liegt, wie 
schon der Name sagt, im Merkmale der Allgemeinheit. Aber diese 
Allgemeinheit ist nach Rousseaus Erklärung (Note I ad 2; IV, 2, 
III, 18; 15) nicht identisch mit absoluter Einstimmigkeit; Stimmen¬ 
mehrheit genügt, wenn nur alle Stimmen der Rechtsgenossen ab¬ 
gegeben werden konnten. Aber die Willensäußerung durch alle macht 
noch nicht das Wesen des allgemeinen Willens aus; sondern — wie 
wir ähnlich oben bereits zwei rechtschaffende Momente konstatieren 
mußten — ist das Merkmal der Allgemeinheit ebenso gedacht mit 
Rücksicht auf die Subjekte der Abstimmung wie mit Rücksicht auf 
das Objekt, auf „das allgemeine Beste“, das im Gegensatz steht zum 
Privatinteresse (C. s. II, 4). 

Rousseau unterscheidet theoretisch mit aller Schärfe die volontä 
generale von der volonte de tous. Beide stellen Mehrheitsbeschlüsse 
dar und können im materiellen Inhalte vollkommen übereinstimmen, 
ohne daß ihre prinzipielle Verschiedenheit damit aufgehoben würde. 
Der „Wille aller“ ist seinem logischen Charakter nach eine mehr zu¬ 
fällige Übereinstimmung der Privatinteressen; der daraus resultierende 
Beschluß hat keinen anderen ethischen Wert als den einer rohen 
Willkürsatzung, weshalb auch die überstimmte Minderheit als ver¬ 
gewaltigt angesehen werden kann. Ganz anders der „allgemeine 
Wille“. Er ist nicht eine Summe einzelner Willensmeinungen, die in 
ihren Ansichten über die Gewinnung von Vorteilen zufällig überein- 
stimmen, sondern ein Prinzip, das eine für alle Gesellschaftsglieder 
gleiche Wirkung des Beschlusses bedingungslos fordert. Aus diesem 
Grunde kann auch der allgemeine Wille niemals falsch sein; denn er 
hat stets im Auge die gemeinsame Erhaltung und die allgemeine 
Wohlfahrt (IV, 1, II, 4 und 3). Bei der tatsächlichen Abstimmung 
über einen Gesetzesvorschlag handelt es sich daher eigentlich nicht 
um dessen Annahme oder Verwerfung, sondern nur um eine Prüfung, 
ob dieser Vorschlag mit dem Prinzip des allgemeinen Willens über¬ 
einstimmt oder nicht. Wohl kann trotz des redlichsten Willens 
der einzelne irren wie ebenso die Gesamtheit; aber richtig bleibt 
nach Rousseau stets das Prinzip, und so bald die Mehrheit unter 
Leitung der volonte g6n6rale sich entschlossen hat, kann von einer 
Majorisierung der Minderheit nach Rousseau mit Recht nicht mehr 
die Rede sein. 1 Nur dieser allgemeine Wille also vermag eine für alle 

1 Vergl. Lettre« 6crites de la montagne, VI und IX; C. s. IV, 2. 


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Rechtsgenossen verbindliche Satzung aufzustellen, und nur diese 
seine Erklärung über einen Gegenstand des Gesamtinteresses nennt 
Rousseau ein Gesetz (C. s. II, 6). 

An dieser Stelle die Frage nach der Person des Gesetzgebers stellen, 
heißt sie schon beantwortet haben. Der vorteilheischende Einzel¬ 
wille vermag zwar mit dem allgemeinen Willen vorübergehend über¬ 
einzustimmen; aber eine Garantie für die Dauer der Übereinstimmung 
zu fordern und zu erhalten, ist schlechterdings unmöglich. Soll die 
Gerechtigkeit aus der egoistischen Natur des Menschen entspringen, 
soll jeder‘Stimmende das allgemeine Wohl wollen, so läßt sich dies 
nur dadurch ermöglichen, daß jeder einzelne bei dem Worte „jeder“ 
nur an sich selber, an sein persönliches Wohl denkt (C. s. II, 4.) Des¬ 
halb kann nur die Gesämtheit der Gesamtheit einen Rechtsbefehl 
auferlegen oder anders ausgedrückt: das Volk muß und nur das Volk 
kann der Souverän sein (C. s. II, 1, u. I, 6), und Rousseau denkt nur 
konsequent, wenn er von seiner psychologisch-ethischen Grund¬ 
anschauung über die wahre Natur des Menschen schließlich zur Lehre 
von der Unveräußerlichkeit der Staatshoheit gelangt (C. s. II, 1)- 
Mit der Feststellung des Begriffes der inalienablen Volkssouveränität 
ist für Rousseau die Möglichkeit *der Übertragung der Staatsgewalt 
auf einen Herrscher durch einen Unterwerfungsvertrag logisch be¬ 
seitigt. Ebensowenig läßt sich mit Rousseaus Lehre das Prinzip der 
Volksrepräsentation vereinen (C. s. III, 15). Es liegt im Begriffe der 
. volonte generale, daß alle Stimmen gezählt werden müssen, und ein 
Gesetz, das vom Volke nicht persönlich bestätigt ist, hat keine rechts¬ 
verpflichtende Kraft, ist null und nichtig. Auch die treueste Pflicht¬ 
erfüllung der Volksvertreter garantiert noch nicht die Unmöglichkeit 
einer Gefährdung der Freiheit der Gesellschaftsglieder, und das glori¬ 
fizierte englische Volk lebt nach Rousseaus Anschauung vom Schlüsse 
der Vertreterwahl bis zur nächsten Wahl in der Knechtschaft der 
Parlamentsmitglieder. Nur das Volk als Gesamtheit repräsentiert 
die volonte g&nerale, und nur als Gesamtheit ist das Volk souverän. 

Die Gesamtheit als solche ist die juristische Person, der sich jedes 
Individuum der Gesellschaft mit seiner Person und seiner ganzen 
Kraft unterstellt und die jedes Mitglied als imtrennbaren Teil des 
Ganzen annimmt. Diese juristische Person entsteht erst in dem Augen- „ 
blicke, in dem alle Individuen den contrat social eingehen (C. s. I, 6), 
und die Gesamtheit erhält erst durch eben diesen Akt ihre Einheit, 
ihr gemeinsames Ich (commun moi), ihr Leben und ihren Willen. 
Rousseau bezeichnet diesen geistigen Gesamtkörper unter verschiedenen 
Gesichtspunkten als Oberhaupt, Staat und Macht (C. s. I, 6), im all¬ 
gemeinen als Republik, womit, ohne Rücksicht auf die Verwaltungs¬ 
form zu nehmen, nur ausgedrückt sein soll, daß dieser Staatskörper 
ausschließlich von Gesetzen im Sinne Rousseaus regiert wird. 

Mit diesen Feststellungen ist auch das Verhältnis zwischen Indi¬ 
viduum und Gemeinschaft in mehrfacher Beziehung bestimmt. Durch 


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die mit dem Gesellschaftsvertrage gegebene Rechtslage ist das Indi¬ 
viduum in staatsbürgerlicher Eigenschaft Teilhaber der öffentlichen 
Gewalt, und als Glied des Staatsoberhauptes nimmt es auch seine 
eigene Verpflichtung zur Untertänigkeit mit an. Wer aber auf dieses 
Vertragsverhältnis jenen zivilrechtlichen Grundsatz anwenden wollte, 
nach welchem die Verpflichtung eines Menschen gegen sich selbst hin¬ 
fällig ist, der würde dabei übersehen haben, daß das Individuum als 
Untertan eine Verpflichtung gegenüber einer Körperschaft einge¬ 
gangen ist, von der es nur ein Teil ist (C. s. I, 7). Daher bleibt der 
durch den Gesellschaftsvertrag konstituierte allgemeine Wille und 
Staat in seiner Herrschgewalt für das Individuum solange zu Recht 
souverän, als der Gesellschaftsvertrag nicht durch den Beschluß 
der volonte g6n6rale aufgelöst ist, und jedes Individuum, das sich 
innerhalb des Staatsgebietes aufhält, ist ihr rechtlich unterworfen 
(C.s.IV,2). Gleichwohl wird nach Rousseau die Zustimmung zum Ge¬ 
sellschaftsvertrage nicht ersetzt durch den Aufenthalt des betreffenden 
Individuums im Staatsgebiete, und da die bürgerliche Gesellschaft 
der Idee nach das reale Ergebnis eines vollständig freiwilligen 
Zusammenschlusses ist, so ist auch niemand verpflichtet, einem 
Staatswesen anzugehören. Aus utilitaristischen Gründen schränkt 
Rousseau aber die Freizügigkeit nicht ganz widerspruchsfrei durch 
die Best imm ung ein, daß sich jedes Individuum der volontö generale 
zu unterwerfen hat, dem die Staatsgewalt durch Erfüllung ihrer 
allgemeinen Pflichten genug Grund zur Dankbarkeit gegeben hat 
(IV, 2 Anm. 1). 

So hat Rousseau auf Grund der psychologischen Erkenntnis der 
menschlichen Natur in umsichtiger Anwendung seines methodischen 
Prinzips die Möglichkeit der Erzeugung allgemeingültiger Rechts¬ 
satzung in der Idee und zwar im großen und ganzen folgerichtig er¬ 
wiesen. In dem Augenblicke, in welchem sich in der Abstimmung aller 
Individuen unter Leitung der volonte generale die Mehrheit für die 
Annahme eines Gesetzesvorschlages entscheidet, ist die Bedingung 
erfüllt, die allein ein positives Recht mit der im Gesamtinteresse not¬ 
wendigen gebieterischen Gewalt allen einzelnen gegenüber begründet 
und rechtfertigt. Voraussetzung eines solchen rechtschaffenden 
Aktes ist der contrat social, durch den das Pr inzi p der volonte generale 
als Garantie der Erhaltung und Freiheit aller Vertragschließenden 
proklamiert und die Volkssouveränität als primäres Rechtsinstitut 
organisiert wird. 

Damit haben wir die Darstellung der für unseren Zweck wichtigen 
Hauptgedanken der Rousseauschen Rechtsphilosophie beendet, und 
bevor wir ihre Bedeutung für die politische Praxis kritisch würdigen, 
betrachten wir notwendig erst noch Rousseaus verfassungspolitische 
Anschauungen. 

Durch den Begriff der volonte generale ist die Kompetenz der 
Volkssouveränität auf die loi beschränkt. Beschlüsse, deren Geltung 


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sich nur auf bestimmte Personen erstrecken, und ebenso der Verkehr 
mit einzelnen Individuen gehören nicht in den Wirkungsbereich des 
Souveräns; denn die stete Beziehung auf die ursprüngliche Natur des 
Menschen verlangt die reinliche Scheidung zwischen dem Beherrscher 
der Menschen und dem der Gesetze (C. s. II, 7). Der dadurch not¬ 
wendig gewordene Körper, der zwischen dem Souverän und den Unter¬ 
tanen vermittelt und mit der Vollziehung und der Aufrechterhaltung 
der Gesetze betraut ist, ist nach Rousseau die puissance executiva, 
die rechtmäßige Ausübung der vollziehenden Gewalt, von Rousseau 
gouvemement (Regierung) oder höchste Verwaltung genannt, deren 
persönlicher Träger den Titel prince (Fürst) oder magistrat (Obrigkeit) 
führt. Die Regierung erhält vom Staatsoberhaupte die Befehle, welche 
sie dem Volke übergibt. Die Regierung hat somit keinen eigenen 
Willen; sie übt die Macht aus im Namen und Auftrag des Souveräns, 
der die Macht, sobald es ihm gefällt, beschränken, abändern oder ganz 
zurücknehmen kann (C. s. III, 1 und 18). Die Häupter der Regierung 
sind also nichts anderes als einfache Beamte des souveränen Volkes, 
und wie in jeder der periodisch aus eigener Kraft zusammentretenden 
Versammlungen des souveränen Volkes regelmäßig darüber abgestimmt 
werden muß, ob das Oberhaupt damit einverstanden ist, die gegen¬ 
wärtige Regierungsform beizubehalten, so hat es auch stets darüber 
abzustimmen, ob den mit der Regierung Beauftragten auch fernerhin 
die höchste Verwaltung überlassen bleiben soll. Hieraus erhellt, daß 
die Einsetzung der Regierung nicht auf einem Vertrage beruht, son¬ 
dern eine gesetzgeberische Verfügung ist (C. s. III, 16), weshalb denn 
auch die erste durch Beschluß des allgemeinen Willens eingeführte 
Regierungsform notwendig die reine Demokratie ist (C. s. III, 17). 

Ist auf diese angegebene Weise einmal festgestellt, daß die Sou¬ 
veränität stets der Gesamtheit des Volkes, die Ausführung und An¬ 
wendung der Gesetze aber der Regierung zukommt, so stellt sich von 
selbst das Problem der Verfassungspolitik, durch welche Regierungs¬ 
form die Ausführung der Gesetze am besten gewährleistet wird. 
Rousseau ist sich der Eigenart dieses Problems voll bewußt ge¬ 
wesen und hat deshalb nicht eine einzige, allgemeingültige Lösung 
zu geben versucht (C. s. III, 9 und 3), und es macht sich der metho¬ 
dische Einfluß Montesquieus ziemlich deutlich geltend, wenn 
Rousseau diese Frage von Fall zu Fall unter Berücksichtigung aller 
jeweiligen Bedingungen gelöst wissen will. Nur allgemeine Prin¬ 
zipien für die Verfassungspolitik will Rousseau aufstellen, und er 
glaubt diese zu finden in dem Verhältnis zwischen der Größe des 
Staates und der Stärke bez. Form seiner Regierung und in dem 
politisch zu fordernden Abhängigkeitsverhältnis der Regierungsform 
von der natürlichen Bodenbeschaffenheit des Staatsgebietes. 

Rousseau unterscheidet 3 Grundformen der Regierung nach der 
Zahl der obrigkeitlichen Personen: die Demokratie, in welcher das 
ganze Volk oder wenigstens mehr als die Hälfte der Bürger mit Re- 


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gierungsgeschäften betraut ist, die Aristokratie, nach deren Prinzip 
die Regierung in den Banden wenigerer Bürger liegt, und schließlich 
die Monarchie, deren Wesen ihr Name offenbart. Jede von den drei 
Formen kann überdies wiederum in verschiedenen Schattierungen 
auftreten, und nicht selten kommt es vor, daß die verschiedenen Teile 
einer und derselben Regierungsform nach imgleichen Prinzipien orga¬ 
nisiert sind. Rousseau bemüht sich nun, eine feste innere Beziehung 
aufzufinden zwischen den Regierungsformen einer- und der Größe des 
Staates andererseits, und zwar glaubt er auf dem Wege mathematischer 
Proportion feststellen zu können, daß der Einfluß des Individuums 
auf die Regierung und demzufolge auch die individuelle Freiheit mit 
der wachsenden Zahl der Staatsbürger abnimmt (C. s. III, 1), und da 
gleichfalls die Kraft der Interessengemeinschaft im umgekehrten 
Verhältnis steht zur Zahl ihrer Glieder, so muß die Regierung mit der 
wachsenden Volkszahl stärker werden. Damit will aber Rousseau 
offenbar nicht ausdrücken, daß in großen Staaten die Regierung den 
Souverän überflügeln dürfe; sondern ausdrücklich bemerkt er (C. s. 
III, 13), daß das Volk seine Souveränität desto häufiger zeigen muß, 
je kräftiger die Regierung ist. 

Die Stärke der verschiedenen Regierungsformen ist also nach 
Rousseau nicht gleich, und diese Ungleichheit ist bedingt durch 
die Art ihrer Zusammensetzung. Von denselben psychologisch¬ 
ethischen Prämissen aus, aus denen er sein rechtsphilosophisches 
System abgeleitet hat, kommt Rousseau in seiner Verfassungs¬ 
politik zu dem Ergebnis, daß eine Regierungsform um so schlaffer 
wird, je mehr die Zahl der obrigkeitlichen Personen zunimmt, daß 
unter den drei Regierungsformen die Monarchie am kräftigsten ist, 
während in der Demokratie die Regierung das relative Minimum 
ihrer Stärke erreicht. 

Das Organisationsprinzip für die Festsetzung der Regierungsform 
liegt daher für Rousseau in dem Grundsätze, daß sich die Regierung 
immer mehr zusammenziehen müsse, je mehr sich der Staat vergrößert. 
Daher hält Rousseau im allgemeinen die Demokratie für die ge¬ 
eignetste Regierungsform kleiner Staaten, in denen sich das Volk 
leicht versammeln kann. Aber bei näherem Eingehen auf die Eigen¬ 
art der Demokratie ist er sich doch gleich Montesquieu bewußt, 
daß eine „so vollkommene Regierungsform wie die Demokratie“ 
ganz auf der Tugend beruht und daß die Demokratie in Wahrheit 
nicht für die Menschen, so wie sie sind, paßt und umgekehrt über¬ 
flüssig wäre für sie, wenn sie wären, wie sie sein sollten. Weil Rousseau 
an die Existenzmöglichkeit einer wahren Demokratie nicht glauben 
kann, so hält er es für das Beste und Natürlichste, daß die Weisesten 
die Masse regieren. Aber die Unterarten der Aristokratie sind ihm 
nicht gleichwertig. Die Erbaristokratie scheint ihm die schlechteste,, 
die Wahlaristokratie dagegen die beste von allen möglichen Regierungs¬ 
formen zu sein (C. s. III, 5). Selbst eine gewisse Ungleichheit der 


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Staatsbürger an Stand und Vermögen, Recht und Macht scheint ihm 
in der Aristokratie nicht unangebracht zugunsten der mit den Re¬ 
gierungslasten Betrauten, während er sonst in der sozialen Gleich¬ 
heit das Ideal erblickt. Daher stellt er die Aristokratie nicht auf die 
Tugend schlechthin, sondern fordert die Mäßigkeit der Reichen und 
die Zufriedenheit der Armen. Dagegen bedürfte es für Rousseau 
nicht einmal der Mängel der monarchischen Regierungsform, die in 
der Person des menschlichen Königs liegen, dazu, daß er diese Re¬ 
gierungsform nur mit Verachtung betrachtet, eben weil die allzu 
große soziale ELluft zwischen dem Fürsten und dem Volke nur durch 
ein ganzes System bürgerlicher Ungleichheit überbrückt werden kann. 

Das führt uns hin zu Rousseaus Anschauungen über das Eigen¬ 
tum, die bisher noch nicht einheitlich ausgelegt worden sind. Wenn 
Rousseau (C. s. I, 9) für den Staat das Obereigentumsrecht in 
Anspruch nimmt in der Form, daß das Gebotsrecht des Staates 
dem Recht des Individuums über sein Eigentum übergeordnet und 
der einzelne bedingungslos verpflichtet ist, dem Staate die zu dessen 
Erhaltung geforderten Vermögensmittel zu gewähren, so kann man 
diese Idee nur dann antiindividualistisch interpretieren, wenn man 
geflissentlich nicht Rücksicht nimmt auf eine andere Stelle 
desselben Kapitels: „Das Sonderbare bei dieser Veräußerung liegt 
daran, daß das Gemeinwesen durch Übernahme der Güter der 
einzelnen letztere derselben nicht etwa beraubt, sondern ihnen 
gerade erst den rechtmäßigen Besitz dieser Güter in- Wahrheit 
sichert, die Usurpation in ein wahres Recht und den Genuß in 
Eigentum verwandelt.“ 

Auch aus einer anderen Stelle des Discours (S. 105) glaubte man 
Rousseaus Feindschaft gegen das Eigentum herauslesen zu müssen: 
„Der erste — so heißt es dort — der ein Stück Land eingefriedigt 
hatte, sich erdreistete zu sagen: „Das gehört mir!“ und Leute fand, 
simpel genug, dieses zu glauben, war der wahre Gründer der bürger¬ 
lichen Gesellschaft. Wieviel Verbrechen, Kriege, Mordtaten, wieviel 
Unglück und Schrecken wären dem menschlichen Geschlecht erspart 
geblieben, falls jemand die Grenzpfähle ausgerissen oder den Graben 
ausgefüllt und den Seinigen zugerufen hätte: „Hütet euch, auf diesen 
Betrüger zu hören! Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die 
Früchte allen und die Erde niemand gehört!“ Diese Stelle besagt 
aber nichts anderes, als daß vor der Einführung des Privateigentums 
keine Sonderrechte an die Dinge von seiten des Individuums er¬ 
hoben wurden, und wenn auch das Eigentumsrecht die Verant¬ 
wortung für vieles Unheil in der Welt trägt, so will doch Rousseau 
hier nur zeigen, daß mit der Einführung des Privateigentums die 
Notwendigkeit der Vergesellschaftung und die Staatsgründung ge¬ 
geben ist. Rousseau beantwortet selbst (Discours S. 138, Anm.) 
die scheinbar naheliegende Frage: „Nun soll man also die Gesell¬ 
schaft zerstören, das Mein und Dein aufheben und in die Wälder 


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zurückkehren . . . ?“ mit den Worten: „Das wäre eine Folgerung 
nach der Art meiner Gegner.“ Offensichtlich will also Rousseau 
die aus dem Privateigentumsrecht hervorfließenden Mangel, Un¬ 
ruhen und Mißstände durch die Rechtsorganisation des Staates 
beseitigt, das Eigentum an sich und damit die soziale Ungleichheit 
aber durch die Staatsgewalt erhalten wissen. 

Nachdem wir nunmehr Rousseaus rechtsphilosophische und 
verfassungspolitische Anschauungen in den Hauptzügen kennen 
gelernt haben, ist es im Interesse der vorliegenden Frage notwendig, 
auch kritisch zu ihnen Stellung zu nehmen. 

Man hat nicht selten 1 Rousseau zum Vorwurfe gemacht, daß 
er mit der Statuierung der Volkssouveränität die Despotie des Mehr¬ 
heitswillens und mit seinem Contrat social gleich Hobbes den 
schrankenlosen Staatsabsolutismus proklamiert habe. Dabei hat 
man aber nicht beachtet, daß sich das Individuum, indem es sich 
der Gesamtheit unterwirft, wenigstens in der Idee der volonte 
genärale unterstellt, und daß der allgemeine Wille die Volks¬ 
souveränität nicht bloß begründet, sondern auch wiederum in der 
Idee auf das genaueste und entschiedenste beschränkt (C. s. II, 4). 
Es herrscht letzten Endes das unpersönliche Prinzip der Rücksicht¬ 
nahme jedes auf jeden. Wenn sich auch erklärtermaßen das Staats¬ 
oberhaupt nicht gegen sich selbst verpflichten kann (C. s. I, 7), wenn 
es für das Verhalten des Staatskörpers kein bindendes Grundgesetz 
geben kann, so ist doch der Souverän durch das, was er ist, stets 
so, wie er sein muß (C. s. II, 3; I, 7), und das Recht, das der Contrat 
social dem Souverän überträgt, überschreitet in keinem Falle die 
Grenzen des Gesamtwohles und der Übereinkunft (C. s. IV, 8; II, 4); 
denn die Kompetenz des souveränen Volkes erstreckt sich einzig 
und allein auf die loi. In dieser Beschränkung, die in der Natur 
des allgemeinen Willens begründet ist, ist auch zugleich theoretisch 
die Unmöglichkeit ausgesprochen, daß der Souverän über einzelne 
Menschen und über Privatinteressen ein rechtsverbindliches Urteil 
fällt. 

So steht und fällt Rousseaus ganzes System mit dem Begriff 
der volonte generale. Welche Stellung aber nehmen wir zu diesem 
Begriffe ein? Zwar ist Rousseau in seiner rechtsphilosophischen 
Gedankenentwicklung von einer intuitiven Psychologie ausgegangen; 
aber indem er eben die Selbstliebe in ihren Eigenheiten und Folge¬ 
erscheinungen aus der staatlichen Gesellschaft zu e l i m inieren versuchte, 
abstrahierte er notwendig von den naturgegebenen Bedingungen der 
Wirklichkeit und im besonderen auch von jedem persönlichen 
Vertreter der Staatsgewalt. Infolgedessen erhielt die volonte generale 
eine Wesensbestimmtheit, deren Umsetzung in die Praxis psycholo¬ 
gisch nicht ohne Schwierigkeiten denkbar ist. Ja auf den ersten 

1 Bluntschli, Seite 349; Girardin, „Rousseau“ II, 385. 


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Augenblick muß es befremden, wenn Rousseau an der einen Stelle 
das Wesen der volonte generale bezeichnet mit den Worten: „Jeder 
soll stets auf das gemeine Wohl Rücksicht nehmen“, und an der anderen 
Stelle mit den Worten: „Jeder soll immer nur an sich selbst denken“. 
Die Selbstliebe, die den Menschen nie verläßt, solange er lebt, soll den 
Menschen immer leiten, und doch soll jede Abstimmung nach Rousseau 
nur eine logische Prüfung darüber sein, ob der Inhalt des Gesetzes¬ 
vorschlages mit dem Vernunftprinzip der volonte generale über- 
einstimmt oder nicht. Rousseau jst sich dieser Gegensätzlichkeit 
bewußt gewesen und fordert daher eine ungeheure Umwälzung im 
Denken, Fühlen und Wollen jedes einzelnen. Rechnet man den 
oben erwähnten Ausdruck von der lebenslangen Dauer der Selbstliebe 
der gefühlsstarken Augenblickssprache Rousseaus zu und wertet 
man dagegen seine Ausführungen über die sittliche Umbildung des 
Menschen im „Emile“ und „Contrat social“ ungleich höher, so hebt 
sich dieser eine Gegensatz im zeitlichen Nacheinander und in dem 
Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung auf. Rousseaus gesamte 
Erziehung will die angeborenen Begierden und Leidenschaften 
ändern, will sie veredeln in der Richtung auf das allgemeine Beste. 
Mit Plato ist Rousseau überzeugt, daß der Mensch zum „Bürger“ 
hinaufgeläutert werden kann, und allen denen, die Pia tos Staat 
nur in Utopien lokalisieren wollen, hält Rousseau entgegen, daß 
Lykurg es erreicht habe, den Menschen seiner ursprünglichen Natur 
zu entkleiden. Rousseau will jedes Individuum zu einer Tugend 
erzogen wissen, von der er sagt: „La vertu n’est que cette conformitä 
de la volont6 particuliöre ä la gönörale“. 

Läßt sich so zwanglos dieser Gegensatz pädagogisch aufklären, 
so bleibt trotzdem die Natur der volonte generale in Unbestimmtheit. 
Meist erscheint die volonte generale als ein sittliches Prinzip, ähnlich 
dem kategorischen Imperative Kants, als ein sittliches Prinzip, das 
sich als solches auch nicht einmal durch das Mittel der politischen 
Abstimmung auswirkt, und gehört als solches vor das Forum der 
Ethik; ein anderes Mal tritt der psychologische Charakter des all¬ 
gemeinen Willens insofern mehr hervor, als die volontä generale 
die ursprüngliche Leidenschaft im geläuterten Menschen ersetzen 
soll, und der allgemeine Wille erscheint in solchen Gedanken¬ 
zusammenhängen als eine psychische Disposition und Funktion, die 
durch Ideen und Urteile geleitet wird (C. s. II, 12), und da nach 
Rousseaus eigenen Bemerkungen das Urteil oft nicht einmal 
„erleuchtet“ ist, das den allgemeinen Willen leitet, da das Volk 
leider allzuoft „eine blinde Menge“ ist, die selten weiß, was ihr dien¬ 
lich ist, so nimmt Rousseau in Momenten vorübergehender Ver¬ 
zweiflung über die Idealität seiner Voraussetzungen seine Zuflucht 
sogar zu einem deus ex machina, der als „öffentliche Vernunft“ 
die Person eines Gesetzgebers als Werkzeug benutzt und das Gesetz 
durch ein Wunder in die Gesellschaft bringt. So schielt der Begriff 


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der volonte gänerale sogar ins Gebiet des Metaphysischen hinüber. 
Sehr oft tritt allerdings die politische Nüchternheit dieses Begriffs klar 
zu Tage als Mehrheitsbeschluß über Gesetze, die die Interessen 
aller Gesellschaftsglieder in gleicher Weise berühren. Dieses Schillern 
des Begriffs vom allgemeinen Willen macht seine Beurteilung zu 
einem ziemlich verwickelten Problem; insonderheit ist Bousseaus 
Unterscheidung der volonte generale von der volonte de tous vom 
ethischen Gesichtspunkte aus ebenso berechtigt als in psychologischer 
Beziehung unklar und ist darum für die politische Praxis nicht bloß 
nutzlos, sondern — das hat die Revolutionsgeschichte mit er¬ 
schreckender Deutlichkeit bewiesen — sogar gefährlich: politische 
Leidenschaft der Wirklichkeitsmenschen konnte in Rousseaus 
Theorie nur eine Heiligsprechung des schrankenlos herrschenden 
Mehrheitswillens sehen. 


4. Kapitel. 

Montesquieu» und Rousseaus Ideen im Vergleich unter sich 
und in ihrer Wirkung auf die französische Revolution. 

Vergleichen wir in einem zusammenfassenden Rückblick Rous¬ 
seaus Anforderungen an eine Verfassung mit Montesquieus Staats¬ 
ideal, so erkennt man unschwer den tieferen Grund für die Unter¬ 
schiede in ihren Anschauungen. Während Montesquieu die eng¬ 
lische Verfassung deshalb lobt, weil sie die englische Freiheit zum 
Prinzipe hat, die Teilung der Gewalt als einziges Mittel zur Erhaltung 
dieser Freiheit empfiehlt, ist bei Rousseau von einer Teilung der 
Gewalt nicht im mindesten die Rede. Die Regierung ist zwar für 
Rousseau auch Exekutive, aber nicht Exekutive zu eignem Rechte 
und mit selbständiger Gewalt wie bei Montesquieu, sondern ist 
der gesetzgebenden Gewalt absolut untergeordnet in völliger Beamten¬ 
eigenschaft und hat demzufolge gegenüber den Beschlüssen der gesetz¬ 
gebenden Versammlung kein Vetorecht. Auch die Vereinigung von 
Justiz und Verwaltung in dem gouvernement mixte gefährdet nach 
Rousseau das politische Leben der Bürger keineswegs. Vielmehr 
ist die politische Freiheit nur und schon dann genügend verbürgt, 
wenn kein einziges Glied der Gesellschaft die Möglichkeit hat, dem 
anderen die Zugehörigkeit zum Staate drückend zu gestalten, d. h. 
genügend verbürgt mit der Statuierung der Volkssouveränität. So 
bezwecken beide, Montesquieu wie Rousseau, durch ihre Insti¬ 
tutionen die politische Freiheit; aber während Montesquieu die 
Idee der politischen Freiheit unmittelbar mit der Teilung der Gewalt 
verbindet, bedarf Rousseau zur rechtsphilosophischen Ableitung 
der Volkssouveränität von der Idee der politischen Freiheit noch 
der Vermittlung des Gleichheitsprinzips, hinter dem schließlich 
die Freiheitsidee so stark zurücktritt, daß man fast der Freiheit 
Montesquieus die Rousseausche Gleichheit entgegensetzen kann. In 


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dieser Verschiedenheit der Organisationsprinzipien kommt auch der 
methodische Unterschied im Denken der beiden Staatsrechts¬ 
theoretiker prägnant zum Ausdrucke. Der historische Empirismus 
Montesquieus glorifiziert die Verfassung Englands, weil man dort 
die politische Freiheit „sehen kann“. Dabei entbehrt der Begriff 
der politischen Freiheit jeder scharfen logischen Bestimmung, und 
Montesquieu hat die Frage nach dem Urgründe des Rechts deshalb 
nicht gestellt und gelöst. Anders Rousseau. Tatsächlich greift er 
mit seinem Contrat social als citoyen de Genfeve zu Gunsten der 
Wünsche der Genfer Bürger in bezug auf die Reform ihrer republi¬ 
kanischen Verfassung in den politischen Kampf ein; aber es ist doch 
charakteristisch für ihn, daß er auf ein konkretes Vorbild aus der 
Geschichte seiner Zeit nicht hinweisen kann. Sein Rationalismus 
führt ihn zur Aufstellung der volonte generale, und indem er von 
logisch und psychologisch haltbaren Prämissen aus mit aller metho¬ 
dischen Vorsicht und Umsicht in der Anwendung seines Gleichheits¬ 
prinzips sein System aufbaut, kommt er zu jener ungemein scharfen 
Definition des Begriffs der loi und den zersetzend wirkenden Kriterien 
rechtsgültiger Menschensatzung, die seinen Kamen berühmt und 
berüchtigt gemacht haben. — 

Die Einwirkung, die Montesquieu und Rousseau auf die 
große französische Revolution ausgeübt haben, war darin begründet, 
daß jeder aufgeklärte Franzose am Ende des achtzehnten Jahr¬ 
hunderts auch einen Montesquieu und einen Rousseau in seine 
Bibliothek aufgenommen hatte. Als das französische Volk bei der 
Berufung der Generalstände zur Äußerung seiner reformatorischen 
Gedanken und Wünsche aufgefordert wurde, zogen die meisten ihren 
Montesquieu und Rousseau zu Rate. „Rousseau machte mehr 
Schüler, aber Montesquieu lieferte mehr Zitate: Rousseau ent¬ 
wickelte ein System, das seine; Montesquieu führte alle diejenigen 
vor, welche die Geschichte aufwies,“ sagt Sorel 1 . Die tatsächliche 
Einwirkung des „Geistes der Gesetze“ offenbarte sich in der Vorliebe 
des Adels für die monarchische Freiheit, die auf seinen Privilegien 
beruhen sollte; aber der Adel kam nicht zur Geltung. Sieyös hatte 
in seiner Schrift „ Qu’est-ce que le tiers etat?“ dem dritten Stande 
dazu verholfen, aus seiner alten politischen Unbedeutendheit heraus 
und in eine neue Position einzutreten, in der er schließlich „alles“ 
war. Es kann nicht in meiner Absicht liegen, die Einwirkung 
Montesquieus und Rousseaus auf die Verfassungsexperimente und 
Parteiverhältnisse während der großen französischen Revolution 
erschöpfend zu schildern. Es genügt m. E., an zwei typischen Bei¬ 
spielen diesen Einfluß zu erkennen. 

Die geistigen Führer der revolutionären Bewegung hielten es 
„für Pflicht, die Ideen, die sie als eine Reihenfolge von Grund- 


1 Sorel, Montesquieu Seite 133. 


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Batzen über die Konstitution eines großen Staates anseben, in 
einem Werke zusammenzustellen“ 1 . Diese Ideen sind ihrer Meinung 
nach „ein natürlicher Zusatz zu Bousseaus Gesellschaftsvertrag, 
ein Zusatz, der um so nötiger ist, als man unaufhörlich in diesem 
trefflichen Werke Grundsätze sucht und nicht allemal darin findet, 
die auf die Einrichtung eines weit ausgedehnten Beiches. . . 
anwendbar wären 2 “. Gudin, der Verfasser dieses Werkes, 
das betitelt ist „Zusatz zu Bousseaus Gesellschaftsvertrag“, geht 
aber schon in seiner Ansicht über den Hauptbeweggrund der Ge¬ 
sellschaft über Rousseau insofern hinaus, als der Mensch in der 
Gesellschaft nicht nur die angeborenen Naturrechte behaupten, 
sondern auch die Fähigkeiten ausdehnen und stärken will. Gleich¬ 
wohl steht im Mittelpunkte der Erörterungen Gudins nicht die 
politische Freiheit, sondern die Gleichheit; aber man erkennt doch 
in Gudin den Parteigänger der Gironde, wenn er feststellt, daß es 
auch von Natur keine vollkommene Gleichheit gäbe. „Gleichheit der 
Bechte macht die wahre konstitutionelle, die einzige Gleichheit, die 
der Gesetzgeber festsetzen kann.“ Genießen aber die Bürger alle 
eben dieselben Bechte, so besitzen sie auch zusammen „alle Eigen¬ 
schaften und alle Macht der Souveränität“; denn „das versammelte 
Volk ist souverän“. „Ist aber das Volk auseinandergegangen, so ist 
die Souveränität aufgelöst.“ Mit dieser letzteren, von Bousseau 
abweichenden Meinung verbindet Gudin die Überzeugung, daß sich 
das Volk in großen Staaten nie im ganzen versammeln kann, daß es 
nur „besondere Versammlungen bilden“ kann, „wovon keine der 
Souverän ist“. „Hat also — so schließt Gudin weiter — ein großes 
Volk, das sich nicht versammeln kann, den Wunsch, seine Freiheit 
beizubehalten, so muß es eine moralische Person zu bilden suchen, 
deren Entscheidungen der Ausdruck des allgemeinen Willens, der es 
bewegt, sein sollen. Dazu kann es aber nur dann gelangen, wenn es 
abgesonderte Versammlungen bildet, wovon jede ihren eigenen Willen 
und ihre Stimme hat. Eine jede kann durch einen Abgeordneten 
vorgestellt werden. Vereinigen sich die Abgeordneten einer jeden 
wieder, so werden sie eine gesetzliche Versammlung bilden. Bei dieser 
wird jeder Abgeordnete die Gesinnungen, die Meinungen und die 
Bedürfnisse der besonderen Versammlung, die ihn erwählt hat, mit 
Eifer verfechten, und eben aus diesen Verfechtungen werden 
Besultate entstehen, die in der Tat den allgemeinen Willen ausdrücken 
und Staatsgesetz werden können.“ So verknüpft Gudin die Idee 
der unveräußerlichen Volkssouveränität mit Montesquieus Be- 


1 Im folgenden beziehe ich mich auf ein Buch, das in deutscher Über¬ 
setzung von Dr. Hübner 1792 erschienen ist unter dem Titel „Zusatz 
zu Bousseaus Gesellschaftsvertrag, inwiefern er insbesondere bei großen 
Nationen anwendbar ist, von P. Ph. Gudin“. Das französische Original 
habe ich leider noch nicht erlangen können. 

2 Hübner-Gudin, Zusatz Seite 12. 


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präsentationsidee in einer Weise,'durch die Rousseaus Idee stark 
eingeschränkt wird; denn „ein so geteiltes Volk kann sich... von allen 
Teilen der Souveränität nichts Vorbehalten als das Recht, seine Ab« 
geordneten zu erwählen; alle anderen Rechte überläßt es der Ver¬ 
sammlung dieser Abgeordneten.“ Deshalb tritt Gudin auch mit 
aller Entschiedenheit für die direkte Wahl ein. „Man bedarf keines 
Mittelsmannes zwischen dem Volk und seinen Repräsentanten.“ 
In der Lehre vom allgemeinen Willen steht Gudin ganz auf dem Boden 
der Rousseauschen Gedanken. „Der tiefsinnige Verfasser des Ge¬ 
sellschaftsvertrages hat die charakteristischen Kennzeichen dieses 
Willens aufgefunden und angegeben; sie sind so, daß man sie unmög¬ 
lich verkennen kann“ 1 . Unter ausdrücklicher Verweisung auf die 
Kapitel 1 und 3 des zweiten Buches vom Contrat social gibt Gudin 
das Wesentliche der dortigen Ausführungen Rousseaus imgeändert 
wieder. Daher stimmt Gudin auch mit Rousseau in der Charak¬ 
teristik des Gesetzes überein, soweit sich nicht schon durch die Rück¬ 
sichtnahme auf die territoriale Größe Frankreichs Abweichungen 
von Rousseaus Theorien notwendig ergeben. Auch für Gudin und 
seine Parteigenossen ist das Gesetz „ein Ausfluß des allgemeinen 
Willens und eine Handlung der Souveränität“ 2 , und es muß über¬ 
einstimmen „mit der Gerechtigkeit und der Ordnung, welche die 
Natur dem Menschen und den verschiedenen Wesen, die sie erschuf, 
eingepflanzt hat,“ und muß „die Totalsumme der Bürger“ angehen. 
Die in der territorialen Ausdehnung Frankreichs bedingte Abweichung 
von Rousseau liegt darin, daß das Gesetz nur vom „gesetzgebenden 
Korps“ beschlossen wird, dann aber von der „Tribunsgewalt“ sank¬ 
tioniert werden muß. Der Ausdruck „Tribunsgewalt“, der altrömischen 
Verfassung entnommen, bezeichnet aber nicht (wie in Fichtes Ver¬ 
fassungskonstruktion das Ephorat) eine Behörde, deren Macht und 
Zweck lediglich in der Verhinderung des Gewaltmißhrauches liegt; 
sondern mit dem Ausdruck „Tribunsgewalt“ soll das gegenseitige 
Verhältnis zwischen der gesetzgebenden Körperschaft und der Ver¬ 
waltung charakterisiert werden. Wenn auch Gudin nicht mit seinem 
ganzen Herzen und nicht mit Begeisterung auf Seiten MontesquieUs 
steht, so sieht er sich doch gezwungen, die Verfassungseinrichtungen 
der Revolution zu berücksichtigen; aber schon an der Art, wie er die 
Idee der Gewaltenteilung in sein System einführt, läßt den Wider¬ 
willen deutlich erkennen. Er führt aus: die gesetzgebende Versamm¬ 
lung gibt Gesetze, schafft „nach ihrer Wahl die Glieder, durch die 
sie handeln, und die Organe, durch welche, sie ihren Willen mitteilen 
und die nötigen Verfügungen zu ihrer Erhaltung treffen soll. Diese 
Glieder empfangen von ihr die einzige vollstreckende Gewalt... 
Aber die Glieder des politischen Korps sind häufigen Zuckungen 
unterworfen; kaum sind sie erschaffen, so fühlen sie schon ein natür- 

1 Hübner-Gudin, Seite 19. 

* Seite 38. 


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liebes Streben, die Seele, der sie ihr Dasein verdanken, zu zerstören 
und sich der gesetzgebenden Gewalt zu bemeistern, welche die Seele 
derselben ausmacht. Fast in allen Republiken setzt man diese Glieder 
einander gegenüber; man vervielfältigt sie ohne Not, damit ein jedes 
von ihnen weniger furchtbar sei..., und diese Kunst, die Gliederung 
des politischen Korps einander entgegenzusetzen, nennt man das 
Gleichgewicht der Gewalten 1 .“ „Überall, wo die vollstreckende 
Gewalt von der gesetzgebenden wohl unterschieden und abgesondert 
ist, muß also jede von diesen Gewalten das Veto gegen die andere 
haben und also eine jede die Tribunsgewalt ausüben, die eine, um 
nicht genötigt zu sein, das zu vollstrecken, was ihr gefährlich scheinen 
und was sie also übel ausführen würde; die andere, um sich gegen die 
Fallen zu sichern, welche ihr die Geschäftsmänner der vollstreckenden 
Gewalt zu legen niemals ermangeln werden 2 .“ So verbindet — nicht 
organisch, sondern gezwungen — Gudin Rousseaus Idee der Volks- 
Souveränität mit Montesquieus Idee der Gewaltenteilung. Dabei 
beruft sich Gudin mehrfach auf den „weisen Locke“, auf Voltaire 
und Montesquieu, meist auf Rousseau, wie es auch schon der 
Titel des Buches ausspricht. 

Die Ansichten der Jacobiner mögen hier repräsentiert werden 
durch eine kurze Darstellung der politischen Anschauungen Robes- 
pierres. Über sein Verhältnis zu Rousseau liegt die Dissertation 
von Schatz vor, nach dessen Ansicht Taine („La revolution“, III, 
L. I, ch. III) „nicht ganz mit Unrecht“ gesagt hat: „Les id6es de 
Robespierre ne sont que decalque de J.-J. Rousseau.“ Nur will 
Schatz dem Historiker Taine nicht in der Meinung beipflichten, 
daß Robespierre ein blinder Dogmatiker der Lehre Rousseaus ist, 
und Schatz betont daher die kluge Diplomatie auf Grund des 
Rousseauschen Systems. Robespierre hat diesen Forschungen nach 
von Rousseau die Volkssouveränitätslehre mit nur ganz geringen 
Abweichungen übernommen. Er forderte und vertrat daher das all¬ 
gemeine gleiche Wahlrecht und rechtfertigte die Zensur der Regierung 
durch das souveräne Volk auf den Galerien und im Sitzungssaale der 
Volksvertreter. Sein Staatsideal war die demokratische Monarchie, 
in der der König als citoyen im Sinne Rousseaus und die Regierung 
als der gesetzgebenden Gewalt völlig untergeordnet zu gelten hat; 
deshalb räumte Robespierre auch dem König kein Vetorecht ein. 
Das stark betonte Gleichheitsprinzip überträgt Robespierre gleich¬ 
falls vom politischen auf das soziale Leben, und mit Rousseau will 
er die sozialen Extreme zu gunsten eines kräftigen Mittelstandes aus¬ 
geglichen wissen. 

Die politischen Grundsätze, wie sie in Gudins „Zusatz zu 
Rousseaus Gesellschaftsvertrag“ und von Robespierre vertreten 
werden, sind die Prinzipien für die Verfassungen von 1791, 1793 und 

1 Hübner-Gudin, Seite 44. 

2 Hübner-Gudin, Seite 22. 


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. 

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1795 geworden, und sieht man die Ideen der Volkssouveränität 
Rousseaus und der Gewaltenteilung Montesquieus an unter dem 
obersten Gesichtspunkte des Verhältnisses zwischen Regierung und 
Gesetzgebungsversammlung, so muß man sagen, daß sie in der 
Revolution nach 1789 sogar parteibildend gewirkt haben. Die Beant¬ 
wortung der Kardinalfrage nach dem Veto des Königs zeigt in dieser 
Beziehung auf der Linken und im linken Zentrum den entschiedenen 
Einfluß Rousseaus, während vom rechten Zentrum ab der Einfluß 
Montesquieus deutlich hervortritt. Zeitlich ist der Einfluß beider 
auf die große französische Revolution wohl stets vorhanden gewesen, 
wenn auch nicht immer gleich stark. Als man nach Lafayettes Antrag 
am 26. August und am 3. November 1789 Rousseaus Gedanken als 
allgemeine Menschenrechte formulierte und verkündigte, mußte 
Montesquieus Prinzip der Monarchie zurücktreten, und nach dem 
großen Umschwung von 1793 trat Rousseau nicht mehr ausschließlich 
hervor, bis endlich in der Verfassung von 1799 Montesquieus Prinzip 
der Gewaltenteilung von Sieyös bis zum Extrem durchgeführt wurde. 

Diese wenigen Hinweise auf Montesquieus und Rousseaus Be¬ 
deutung für die große französische Revolution werden genügen, um 
zu erkennen, daß die Revolution von 1789 tatsächlich ein wichtiges 
Bindeglied sein kann zwischen Montesquieu und Rousseau einerseits 
und dem vormärzlichen Liberalismus andererseits. 

5. Kapitel. 

Die Entwicklung der Naturrechtsideen bis zum Beginne 
des 19. Jahrhunderts. 

Die Lehre von der Volkssouveränität geht in ihren Anfängen bis 
ins 11. Jahrhundert zurück, und im 13. Jahrhundert stellte man 
bereits das Axiom auf, daß der Rechtsgrund aller Herrscher in der 
freiwilligen und vertragsmäßigen Unterwerfung der beherrschten Ge¬ 
samtheit liege, daß dem Volke allein die Ernennung des Oberhauptes 
zukomme. Bisweilen gab man dieser Lehre einen religiösen Anstrich: 
Aber auch ohne Rücksicht auf die Wendung ins Religiöse war die' 
päpstliche Hierarchie an der Ausbildung der Lehre von der Volks¬ 
souveränität lebhaft interessiert, weil sie die Superiorität der geist¬ 
lichen Gewalt gegenüber weltlichen Herrschaftsansprüchen erweisen 
wollte, und wie man sich in den geistigen Machtkämpfen zwischen' 
Kirche und Staat zur Rechtfertigung der politischen Stellungnahme 
geflissentlich auf diese Theorie berief, zeigen die Ausführungen des 
Jesuitengenerals Lainez auf dem Tridentiner Konzile 1 . Schon in 
der Theorie Lainez’ und seines Ordensbruders Bellarmin trat 
schärfer der Gedanke hervor, daß sich „die Gemeinheit“ durch Über¬ 
tragung der Gewalt auf den Herrscher ihrer Souveränität nicht 

1 Rankes s&mtl. Werke, Band XXIV, Seite 227. 

Fickert. 


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begeben habe« und als jesuitische Gewissenhaftigkeit die Lehre vom 
Tyrannenmorde moralisch rechtfertigen zu müssen glaubte, faßte 
Mariana alle wesentlichen Momente der Lehre zusammen und 
bildete so die Theorie über den Ursprung und die Attribute der könig¬ 
lichen Gewalt mit voller Anschaulichkeit in allen Einzelheiten aus. 
Mariana nimmt einen besonderen Vertragsakt der Gesellschafts¬ 
bildung an, und erst nach dieser Vereinigung läßt er durch Übertragung 
der Gewalt auf die Einzelperson die königliche Macht und Würde ent¬ 
stehen. Dabei konnte er sich die Einführung der erblichen Thronfolge 
besser erklären durch die Annahme, daß das Volk über diese Tatsache 
und ihre Bedeutung hinweggesehen oder sich nicht zu widersetzen 
gewagt habe, als durch den ausgesprochenen Willen und die freie Zu¬ 
stimmung aller. 

Seitdem Hugo Grotius und Johann Althusius die mittelalter¬ 
liche Bechtslehre in dieser Form in ihre Systeme übernommen hatten, 
galt allgemein die Annahme und Unterscheidung des Gesellschafts¬ 
und Herrschaftsvertrages als eiserner Bestand der Naturrechts¬ 
theorien. Dagegen war man über die Bedeutung und den Inhalt des 
Herrschaftsvertrages unter den Vertretern des Vemunftrechtes nicht 
einig. Sollte das Volk wirklich seine Rechtsgewalt unwiderruflich ver¬ 
äußert haben, oder aber kann nur von einer provisorischen Übertragung 
zu Verwaltungszwecken die Bede sein ? Viele waren geneigt, von einer 
bloßen concessio imperii zu sprechen, und indem Althusius den 
Souveränitätsbegriff wesentlich verschärfte, zog er daraus nur die 
Konsequenz, wenn er den Herrschaftsvertrag zu einem bloßen Be¬ 
amtenvertrage ausgestaltete. Aber dadurch, daß man auf Grund 
einer solchen Anschauung Volk und Herrscher fortgesetzt als zwei 
obligatorisch verbundene Bechtssubjekte dachte, war man begrifflich 
zu einer Spaltung der Staatspersönlichkeit gekommen, von der manche 
glaubten, daß sie die Kraft des Staates schwächen würde. Trat 
Milton mit einer solchen von Althusius stark beeinflußten Theorie 
in dem Kampfe zwischen Königtum und Parlament in England für 
die demokratische Bepüblik ein, so wollte Thomas Hobbes 1 diese 
dualistische Schwächung der Staatsgewalt hindern durch Eliminierung 
des Volksrechtes. Mit ganzem Herzen auf Seiten der Stuarts stehend, 
schuf er in Kampfstimmung seine Theorie, nach welcher die juristische 
Person der Vertragschließenden in dem Augenblicke stirbt, in welchem 
die absolute Herrschgewalt dem Fürsten bedingungslos übertragen 
worden ist. Es war auf jene erwähnte Interpretationsfrage eine Ant¬ 
wort, die der des Althusius gerade entgegengesetzt war. 

Zwischen diesen beiden Extremen gab es auch eine vermittelnde 
Bichtung. Als ihr Vertreter kann Samuel Pufendorf gelten. Er 
übernimmt manche Lehren von Hobbes, weiß sich aber zum größeren 
Teile von Grotius abhängig. Auch Pufendorf erkannte die Unab- 


1 Gierke, Althusius, Seite 76/86; Ranke a. a. O., Seite 246 f. 


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hängigkeit der souveränen Gewalt vom Volke im Interesse der staat¬ 
lichen Einheit und Macht als notwendig an; aber indem er für den 
Monarchen eine höchste, vom Volke unabhängige Gewalt in Anspruch 
nahm, schränkte er zugleich den Gebrauch der höchsten Gewalt durch 
eine ideelle, aber politisch nicht erzwingbare Verpflichtung auf die 
Landesgesetze ein 1 . Hatte Grotius jedem Menschen von Natur aus 
das Recht auf Leben und Freiheit im allgemeinen zugesprochen, so 
präzisierte Pufendorf diese Forderung dahin, daß der unverantwort¬ 
liche Monarch keinen Bürger zu etwas zwingen dürfe, was nicht zum 
Nutzen der Allgemeinheit unbedingt nötig sei, und der Monarch über¬ 
schreitet nach Pufendorf schon die Grenzen seiner Gewalt, wenn er 
bloß daran denkt, seine Bürger zu etwas anzuhalten, was dem Heile 
des Staates und dem natürlichen Rechte jedes einzelnen widerspricht. 
Aber das imperium limitatum bleibt nach Pufendorf nur dann eine 
unverstümmelte höchste Gewalt, wenn bei aller verfassungsmäßigen 
Gebundenheit in letzter Instanz der freie Wille des Herrschers den 
Staatswillen allein repräsentiert 2 . 

So kam man allmählich zur Formulierung von unveräußerlichen 
Menschenrechten, die nicht durch den gewaltsamen Eingriff des 
absoluten Monarchen verletzt werden durften. Die Philosophie der 
Aufklärung gefiel sich zudem in eudämonistischen Ideen, und daher 
darf es auch nicht wundemehmen, wenn ihre Anhänger den Inhalt der 
unverletzlichen Menschenrechte in diesem Sinne erweiterten. In allen 
diesen Anschauungsweisen aber kommt zum Ausdruck, daß das Staats¬ 
ziel auf die Beförderung des Gesamtwohles, auf die Glückseligkeit der 
Staatsbürger geht und daß der Monarch nur der Diener der Gesamt¬ 
heit ist. Wenn sich auch manche Fürsten diesen Gedanken zu eigen 
machten, so blieb er doch nur auf die Idee beschränkt; praktische 
Garantien für die Verwirklichung dieser Idee im politischen Leben 
forderten alle diese Theorien nicht. -Sollte man überhaupt dem 
Monarchen die absolute Gewalt ohne reale Garantien für den aus¬ 
schließlich zweckmäßigen Gebrauch übertragen ? Diese naheliegende 
Frage war in der Geschichte bereits gestellt und beantwortet. Als die 
englischen Könige zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Absolutismus 
auch in England durchführen wollten, ging das Königtum in der 
Revolution zugrunde, und die sonderbare Eigenart der politischen 
Ereignisse um das Jahr 1654 bahnte die Trennung der gesetzgebenden 
Gewalt von der Exekutive an, und damit war die Garantie für eine 
Verhinderung des Gewaltmißbrauches praktisch möglich geworden. 
Als Locke dann in seinen beiden Abhandlungen die Gewaltenteilung 
beschrieb, erlebte die literarische Welt den äußerst seltenen Fall, daß 
ein Schriftsteller behauptete, es gäbe einen Wirklichkeitsstaat, der 
den hohen Anforderungen der theoretischen Vernunft genüge. Freilich 
trug das „Wirklichkeitsbild“ der englischen Verfassung, wie es Locke 

1 Gierke a. a. O., Seite 183 und 114. 

2 ibid., Seite 183. 

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gezeigt hatte, viele ideale Züge. Seine Ausführungen übernahm 
Montesquieu, ohne sie zu kopieren. Er vereinigte Lockes Exekutiv- 
und Förderativgewalt zu einer ausführenden Gewalt, koordinierte 
diese der Gesetzgebung und gesellte als dritte unabhängige Macht die 
richterliche Gewalt hinzu. Dennoch war die Naturrechtslehre nicht 
abgeschlossen. In Rousseau erhob sich die Vernunft des natürlichen 
Menschen, entriß dem Monarchen den letzten Rest selbstherrlicher 
Gewalt und machte ihn dauernd abhängig vom Willen des souveränen 
Volkes. Man könnte deshalb Rousseau mit Althusius zusammen¬ 
stellen, wenn nicht andere viel tiefere Unterschiede ihn von dem 
Herbomer Naturrechtslehrer trennten, dessen Lehre bei weitem nicht 
so scharf ausgeprägt ist wie Rousseaus Theorie. Was niemand bis 
dahin getan hatte, wagte Rousseau. Indem er in seinem Contrat social 
die Vertragstheorie aller historischen Züge entkleidete, die seine Vor¬ 
gänger ihr angeheftet hatten, und indem er die rechtsphilosophische 
Frage rein als solche beantwortete, predigte er mit dem Ansprüche auf 
logische Unfehlbarkeit Grundsätze zur Beurteilung empirischer Staats¬ 
formen, Grundsätze, die alles positive Recht negieren mußten, und 
die revolutionierende Kraft einer solchen Theorie haben die Vorgänge 
in Frankreich am Ausgange des 18. Jahrhunderts mit überzeugender 
Deutlichkeit erwiesen. 

Den rechtsphilosophischen Grundgedanken und die wesentlichsten 
Züge des Rousseauschen Systems zu erhalten und ihnen doch eine 
möglichst sittliche Wirkung auf das politische Leben im Interesse 
einer ruhigen Fortentwicklung des Staatswesens zu sichern, war das 
Verdienst, das sich Kant um die Ausbildung der Staatsrechtstheorie 
erworben hat. 

Es ist begreiflich, daß ein Mann, der die volonte generale als Quelle 
aller Gesetze ansah und zum ausschließlichen Prinzip für das Handeln 
jedes einzelnen Staatsbürgers erhob, der erklärte „Liebling“ des 
Philosophen sein konnte, dessen Name mit dem kategorischen Impe¬ 
rativ untrennbar verknüpft ist. War die Lehre von der Autonomie 
des sittlichen Willens aufgestellt, dessen Maxime „zugleich als Prinzip 
einer allgemeinen Gesetzgebung“ gelten kann, so war damit auch die 
Lehre von der Volkssouveränität moralisch gerechtfertigt 1 . Das Volk 
ist souverän in dem Staate, der der Idee nach vernünftig und allein 
rechtmäßig ist, und wenn Kant die Gesetzgebung, Verwaltung und 
Justiz als „allerpersönlichste Rechte“ für das Volk in Anspruch nahm, 
so war damit auch die Souveränität als unveräußerliches Recht erklärt. 
Damit ist auch weiter trotz der Übernahme der Idee der Dreiteilung 
der Gewalten 2 für Kant eine wichtige Abweichung von der Theorie 
Montesquieus notwendig gegeben. Nach Kant ist der Regent ebenso 
„Organ“ der Rechtsgemeinschaft wie die gesetzgebende Repräsen¬ 
tantenversammlung und die Person des Richters; deshalb gilt der 

1 Imm. Kants sämtl. Werke, Band VI, Seite 227 f.; VII, 131 f. 

2 Kant a. a. O., VII, Seite 131 und 159. 


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Herrscher nur solange als „Agent des souveränen Volkes“, als er den 
allgemeinen Willen repräsentiert. Darum ist der Fürst in der Idee 
verantwortlich und absetzbar 1 . Infolge dieser Übereinstimmung mit 
Rousseau fordert Kant ferner die republikanische Verfassung im 
Sinne des „Bürgers von Genf“, und mit ihm hält er auch den Unter¬ 
schied der Staatsformen für nicht wesentlich, mit Ausnahme aller¬ 
dings der „essentiellen“ Unterscheidung zwischen Despotie und 
Republik 2 * * . So hat Kants „Staat in der Idee“ eine Verfassung, die 
auf der Grundlage der allgemeinen Volkssouveränität errichtet ist und 
von den drei Säulen der geteilten Gewalt getragen wird, eine Ver¬ 
fassung, die insofern und auch in anderen Beziehungen eine Ver¬ 
schmelzung aller Wesensmomente der Lehren Rousseaus und Montes- 
quieus darstellt. 

So dachte sich Kant den Staat in der Idee, nicht aber den empi¬ 
rischen Staat seiner Zeit. In einem großen Staate müssen dagegen nach 
Kant Repräsentanten kraft allgemeiner Zustimmung aller genügen, und 
für den empirischen Staat ist das Repräsentativsystem das einzige Mittel 
zur Herstellung der idealen Republik. Ferner war Kant davon über¬ 
zeugt, daß die gegebene Staatsgemeinschaft, was auch immer der 
Inhalt ihrer rechtlichen und politischen Ordnung sein mag, doch stets 
die Voraussetzung des Fortschritts zum Besseren ist, der mit ihrer 
Beseitigung mindestens in Frage gestellt würde. Daher, so fordert 
Kant, dürfen die bestehenden Grundlagen niemals preisgegeben 
werden. Deshalb verwirft er jedes Recht auf Ungehorsam, Widerstand 
und Revolution gegen die bestehende Staatshoheit, und der Unzu¬ 
friedenheit über das positive Recht will er eine stark sprudelnde Quelle 
verstopfen, wenn er dem Volke das Vernünfteln über den wirklichen 
Ursprung der einmal bestehenden obersten Gewalt untersagt. Der 
Souverän des empirischen Staates muß daher als der rechtliche 
Inhaber der Souveränität im vollen Umfange anerkannt werden, und 
der jeweilige Herrscher ist nach Kant verpflichtet, die Gesetze so zu 
geben, und das Volk verpflichtet, sie so zu empfangen, ab ob sie aus 
dem vereinigten Willen des ganzen Volkes entsprungen wären 8 . 

Mit diesen ethisch notwendigen Forderungen will aber Kant die 
bloße Selbstbehauptung nicht ab etwas sittlich Gutes oder auch nur 
sittlich Indifferentes hinstellen. Indem Kant vom Standpunkte der 
Idee der höchsten sittlichen Gemeinschaft aus den bestehenden Staat 
negativ kritisierte und gleichzeitig von eben diesem Standpunkte aus 
die Form der Entwicklung der Staatsgemeinschaft bestimmte, verwarf 
er die Revolution und forderte er die Evolution, forderte er die Ent¬ 
wicklung zum republikanischen Ideale hin, wo das zur Höhe der 


1 ibid., Seite 134 f. 

2 Kant a. a. O., Band VI, Seite 418. 

8 Kants sämtl. Werke, Band VI, 223 f.; 330 f.; 449 f.; VII, 136 f.; 

158 f. 


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reinen Vernunft erhobene Volk seine Souveränitätsrechte wirklich 
voll ausübt. 

Mußte so Kants Staatsrechtsauffassung ihrem theoretischen 
Inhalte nach mäßigend auf das aufgeklärte politische Denken wirken, 
so trägt Fichtes Idealismus das entschiedene Gepräge der revolutio¬ 
nären Gewaltsamkeit. Wie Rousseau unterscheidet auch Fichte den 
allgemeinen Willen vom Willen aller, und da seiner Meinung nach der 
gemeinsame Wille aller Staatsbürger die gegenseitige Sicherung und 
nur diese bezwecken darf, so ist die Berücksichtigung aller anderen 
Interessen aus dem Vertrage prinzipiell ausgeschlossen. Deshalb ver¬ 
spricht nach Fichtes Auffassung jeder Kontrahent durch den Staats¬ 
vertrag, Person und Eigentum seiner Rechtsgenossen niemals zu ver¬ 
letzen, stets zu beschützen und sich zu diesem Zwecke mit ihnen zu 
vereinigen. Inhaltlich besteht daher auch Fichtes Staatsvertrag aus 
drei Verträgen, aus einem Eigentumsvertrag, einem Schutzvertrag und 
einem Vereinigungsvertrag. 

Mit dem Moment des allgemeinen Willens eignet sich Fichte auch 
Rousseaus Lehre von der Volkssouveränität auf das entschiedenste 
an 1 , und die Frage nach der politischen Berechtigung der Volks¬ 
erhebung lehnte Fichte schon als falsche Fragestellung ab; denn eine 
Volkserhebung, die vom Volke ausgeht, ist ihm keine Rebellion, weil 
das Volk in der Tat und nach dem Rechte die höchste Gewalt hat und 
allein Gott verantwortlich ist. 

Das souveräne Volk behält nach Fichte die konstitutive Gewalt*, 
und so entschieden stellt sich Fichte auf Seiten Rousseaus, daß er 
den Mißbrauch der Gewalt ausschließlich durch den Machtspruch des 
ganzen Volkes beseitigt wissen will. Der Widerspruch gegen Montes- 
quieus Gewaltenteilung steigerte sich bei Fichte zur vollen Ver¬ 
achtung dieses verfassungsmäßigen Hinderungsmittels, von dem er 
sagt, daß es so „unter aller Kritik“ sei, daß es kein verständiger 
Deutscher in den Mund nehmen könne*. Zur Wahrung der verfassungs¬ 
mäßigen Rechte bestellt Fichte dafür die Ephoren mit absoluter 
Negierungsgewalt. Sie können durch ihre Erklärung die mit der Ver¬ 
waltung beauftragte und verantwortliche Regierung der verfassungs¬ 
mäßigen Repräsentation des souveränen Gesamtwillens augenblick¬ 
lich entkleiden, und das souveräne Volk entscheidet darnach über die 
vorliegende Streitfrage. Fichte hat zwar späterden Ephorengedanken 
gemildert, schließlich ganz zurückgenommen; aber in seinem Natur¬ 
rechte ist das Ephorat eine der wichtigsten Einrichtungen im Staats¬ 
körper. 

So steht Fichte, ähnlich wie Kant, fest auf Rousseaus Schultern. 
Freilich darf nicht übersehen werden, daß Fichte im ersten Teile 
seines Naturrechts auch von den Anschauungen der älteren Natur- 

1 Fichtes sftmtL Werke, Band III, Seite 164 f. 

1 Fichte; ibkh, Seite 164 f. 

8 Zeller, Hist. Zeiteohr. IV., Seite 19. 


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rechtetheoretiker, wie Hobbes und Pufendorf, beeinflußt erscheint. 
Aber von allen diesen Denkern unterscheidet er sich besonders dadurch, 
daß er sich klar, wenn auch zunächst anonym für die Revolution, ihre 
Rechts mäßig keit und ihre Zweckmäßigkeit ausgesprochen hat. Durch 
seine „Beiträge zur Berichtigung der Ansichten über die französische 
Revolution“ suchte er mit philosophischer Gründlichkeit und dialek¬ 
tischer Schärfe das Denken der politisch Interessierten zu kräftigen 
und ihnen ein politisches Zukunftsprogramm vor die Seele zu stellen. 

So zeigt sich, daß viele Anschauungen in den Staatsrechtstheorien 
Montesquieus und Rousseaus nicht ausschließlich ihren Systemen 
eigentümlich sind und daß es meist auf die Beobachtung der feineren 
Ausprägung der Gedanken ankommen wird, um die literarische Quelle 
der liberalen Ideen aufzufinden. Von großer Wichtigkeit aber für die 
weitere Untersuchung ist die bereits gewonnene Erkenntnis über das 
Verhältnis, in dem sich Kant und Fichte zu den beiden großen 
französischen Politikern des 18. Jahrhunderts wissen. 

II. Tea. 

6. Kapitel. 

Die Anfßnge des deutschen Liberalismus im allgemeinen 
und der badische Liberalismus von 1815—1830. 

Indem wir nunmehr dazu übergehen, die Anschauungen des vor¬ 
märzlichen Liberalismus Badens in seinem Verhältnisse zu den Ideen 
Montesquieus und Rousseaus darzustellen, empfiehlt es sich, zu¬ 
nächst das Wesen des Liberalismus und die Entwicklungsgeschichte 
seiner politischen Anschauungen von Anfang an in einigen allgemeinen 
Strichen zu zeichnen. 

Der ältere deutsche Liberalismus ist eine Bewegung, die auf Be¬ 
seitigung des fürstlichen Absolutismus zu Gunsten einer rechtlich 
geordneten Freiheit aller Bürger im Staate abzielt. Mit der Idee der 
Beseitigung des Absolutismus verbindet sich zugleich die Forderung 
politischer Gleichheit vor dem Gesetz, im besonderen die Aufhebung 
der Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit auf der einen und die 
Beseitigung sozialer Gebundenheit auf der anderen Seite. Ferner ver¬ 
knüpft sich mit diesen Ideen der Ruf einer Verbesserung der Rechts¬ 
pflege und eine gleichfalls als dringend notwendig empfundenen 
Gerichtsverfassungsreform. 

Mit diesen Skizzenstrichen kann und soll das Wesen des Liberalis¬ 
mus nicht erschöpfend charakterisiert sein, auch um deswillen nicht, 
weil die Natur dieser geistig-politischen Bewegung nicht durchweg 
homogen ist. Dem psychologischen Betrachter gibt sich dieser 
Liberalismus zuweilen als eine allgemeine Stimmung, zuweilen als 
klar erkannte Idee und als theoretisch bis ins einzelne ausgebildetes 


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Programm, und innerhalb der Zeit vom Beginne des 19. Jahrhunderts 
bis zum Jahre 1848 trägt dieser Liberalismus in seiner greifbareren 
Form nicht bloß innerhalb der verschiedenen Territorien ein verschie¬ 
denes Gepräge; sondern er wandelt sich auch in seinen Einzelerschei¬ 
nungen ab, bis sich gegen Ende dieser Periode durch allmähliche Klärung 
der Geister sogar verschiedene politische Richtungen deutlich von¬ 
einander abscheiden. Wenn man trotzdem diese geistigen Strömungen 
unter einem einheitlichen Namen als Liberalismus zusammenfaßt, 
so hebt man damit einmal hervor, daß sich die Vertreter dieser poli¬ 
tischen Richtung nach dem Vorbilde der konstitutionell gesinnten 
Abgeordneten der spanischen Cortes vom Jahre 1812 selbst ab Liberale 
bezeichnet haben, und zum anderen, daß sie allesamt geschlossen dem 
Absolutismus gegenübertreten und um das Jahr 1848 die Strahlen 
.ihrer Kraft und Wirksamkeit in einem politischen Brennpunkte 
sammeln. 

Die Wurzeln dieser liberalen Bewegung liegen teib auf rein wissen¬ 
schaftlichem Gebiete, teib in den politischen Ereignissen und Verhält¬ 
nissen jener Geschichtsperiode. Hatten während des Befreiungs¬ 
krieges die literarischen Fehden größtenteib geruht, so brachen kurz 
darnach die alten Kämpfe zwischen Rationalismus und religiösem 
Gefühl, zwischen Kritik und Mystik, zwischen Volkstum und Welt¬ 
bürgertum wieder aus; einen besonders breiten Raum aber nahmen 
die Kämpfe zwischen Naturrecht und hbtorischem Rechte ein 1 . 

Ab der Heidelberger Pandektenlehrer Thibaut in einer kleinen 
Schrift auf die heillosen Folgen der Rechtszersplitterung in Deutsch- 
.land und auf die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts 
für das gesamte Vaterland hingewiesen hatte, antwortete Savigny 
in einer Gegenschrift „Über den Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung“, 
daß die Rechtsentwicklung nicht bestimmt werde durch subjektive 
Ideen, sondern einzig und allein durch „individuelle völkische Ver¬ 
anlagung“, daß das Recht einen ähnlichen Prozeß der Ausbildung habe 
wie die Sprache, die mit dem Glauben, den Sitten und den gebtigen 
Vermögen eines Volkes in innigster Kausalverkettung steht. Der 
politische Grundsatz, daß eine Staatsverfassung nie „gemacht werden“ 
könne, das vieldeutige Wort von der „organbchen Fortentwicklung 
.alles Rechts“ verurteilte die Patrioten mit ihren wohlmeinenden 
.Rechtsbestrebungen zum politischen Quietismus und zwang sie, mehr 
auf der Seite des Naturrechts Stellung zu nehmen, und so entspann 
sich ein heftiger Kampf, der wissenschaftlich und politisch zugleich 
war; denn unter solchen Verhältnissen hatte eine stattliche Anzahl 
politisch interessierter Laien an dieser juristischen Streitfrage not¬ 
wendig auch ein lebhaftes Interesse gewonnen, was nur wenige Jahr¬ 
zehnte früher vermutlich nicht eingetreten wäre. Der Grund hierzu 
lag in der Veränderung der gesamten politischen Zeitlage. 

1 Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrh., Band II, 
Seite 14 f. 


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Zum Beginne des 19. Jahrhunderts floß das politische Leben 
Deutschlands in unzähligen kleinen Bächen dahin. Die gelehrte Welt 
in ihrem kosmopolitischen Humanismus war bis dahin zufrieden, wenn, 
wie der Vater Theodor Körners schrieb, ihre „circuli nicht turbieret“ 
würden, und man dünkte sich zu vornehm, um gegen politische Unter¬ 
drückung auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Die einzige 
Reaktion gegen die Eingriffe des mißliebigen Staates bestand darin, 
daß man ihn ignorierte, und gebildete Männer, die sich mit politischen 
Fragen beschäftigten, fanden darum keinerlei Beachtung. Daher kam 
es auch, daß z.B. „die staatstheoretischen Anschauungen eines Fichte 
und Rousseau, sowie die Lehren der französischen Revolution in 
Sachsen während der Jahre 1806—12 nicht wirksam waren“ 1 , obgleich 
Männer wie der Leipziger Nationalökonom und Historiker Pölitz und 
die Redakteure der Leipziger Zeitung (Bergk und Seume) von 
Rousseaus Lehre der Volkssouveränität ausgingen und die Forderungen 
nach Gleichheit und Freiheit inj. Staate als zu Recht bestehend an¬ 
erkannten und demzufolge die Abschaffung der Privilegien, Steuer¬ 
freiheit und Frondienste energisch forderten. Auch die breiten Massen 
des Volkes hatten für solche Fragen weder Verständnis noch Interesse, 
und ähnlich berichtet auch Weech in seiner „Geschichte der badischen 
Verfassung“, daß eine lebhafte Empfänglichkeit der Bevölkerung für 
politische Bestrebungen am Anfänge des Jahrhunderts nirgends wahr¬ 
zunehmen gewesen sei. 

Erst der Appell der deutschen Fürsten an die breiten Massen des 
Volkes und dann besonders dessen Bewußtsein, aus eigener Kraft 
einen großen, entscheidenden Sieg errungen, sich von einer Gewalt 
befreit zu haben, aus der Fürstengewalt sich selbst nicht zu retten 
vermocht hatte, dies erst rüttelte das Volk aus dem politischen Schlafe 
auf und das erwachte Selbstbewußtsein des Volkes sprach seine poli¬ 
tischen Wünsche vernehmlich aus, besonders an den Festfeierlich¬ 
keiten zur Wiederkehr des Leipziger Siegestages und während des 
Wiener Kongresses. Dabei ist auffällig, daß das politische Interesse 
in Süd- und Westdeutschland um diese Zeit ungleich reger war als 
im Norden. Im Süden, besonders in Baden, verlangte das Volk von 
den Herrschern, die zu Wien versammelt waren, die Begründung eines 
neuen dauernden Reiches der Volkswohlfahrt und Volksbeglückung; 
doch tadelte man auch die „verblendete Staatskunst“ und den „vor¬ 
nehmen Dünkel“ der Regenten, die „nur Pöbelweisheit in dem zu 
hören sich vermaßen“, was „Gottes Stimme und der Völker Stimme“ 
ihnen laut entgegenriefen 2 . Wenn der Süden und das Rheinland den 
Übergang zum Konstitutionalismus stürmisch forderten, so hatte dies 
vor allen Dingen in den Neuorganisationen der zu Napoleons Zeiten 
vereinigten Territorien seinen Grund, wobei das einseitige Vorgehen 

1 Bühlmann, Die öffentliche Meinung in Sachsen während der 
Jahre 1806/12, Seite 27 f. 

* Aus Liebensteins Bede vom 19. Oktober 1816. (SohriftL Nachlaß.) 


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der Regierung eine Opposition hervorrief. In einem unveröffentlichten 
Aufsatze aus dem Jahre 1817, überschrieben „Einige Worte über das, 
was Deutschland not tut“, bemerkt der Freiherr von Liebenstein: 
„Es wird fortdauernd viel in Zeitungen, Journalen und Flugschriften 
über die Angelegenheiten Deutschlands geschrieben; weniges aber 
zeigt das Gepräge ruhiger, leidenschaftsloser Vernunft. Das meiste 
tragt die Farbe der Parteien, welche gegenwärtig das große Wort 
genommen haben. Das sind die souveränen Regierungen und der 
mediatisierte hohe und niedere Adel. Wenn der Adel um Wieder¬ 
herstellung alter, im Strom der Zeit unwiederbringlich untergegangener 
Vorrechte ringt, so kämpfen die souveränen Regierungen ebenso eifrig 
und beharrlich für die Erhaltung ihrer unumschränkten Gewalt. Wenn 
der Adel Zeitwidriges herzustellen begehrt, so ist doch auch keinem 
Unbefangenen verborgen, wie die Regierungen ebenso Zeitwidriges zu 
erhalten streben. Niemand, der Augen hat zu sehen, kann sich darüber 
täuschen, wie begierig einige vom Adel begangene Mißgriffe von den 
Regierungen aufgefaßt wurden, um die Sache ihrer absoluten Gewalt 
als Sache des Volkes hinzustellen. Außer den souveränen Regierungen 
und dem alten Adel gibt es aber noch eine dritte Partei in Deutschland.“ 
Sie ist die geistreichste von allen; „denn sie besteht aus dem edlen, 
kräftigen, über sein wahres Zeitinteresse wohl aufgeklärten Volke“. 
Zu dieser letzten Endes von Napoleon bewirkten politischen Erregung 
des Volkes in allen seinen Schichten kam ferner hinzu, daß in den 
ehemaligen Rheinbundstaaten die konstitutionelle Doktrin schon tiefe 
Wurzel gefaßt hatte. Die hieraus erwachsene Stimmung schildert 
Görres zu Eingang seiner Schrift „Teutschland und die Revolution“ 
im Jahre 1819: „Nach vier Jahren eines heftigen Parteikampfes, eines 
unsinnigen Widerstandes gegen die Ansprüche der Zeit und teilweisen 
Einräumungen von der einen Seite und mancherlei Übertreibungen 
von der anderen ist es endlich dahin gediehen, daß eine allgemeine 
Gärung aller Gemüter durch ganz Deutschland sich bemeistert und 
eine Stimmung eingetreten ist, wie sie wohl großen Katastrophen in 
der Geschichte voranzugehen pflegt.“ Er stellte fest 1 , „daß die ganze 
Masse der Streitenden sich zuvörderst in einen großen Gegensatz 
verteilt, wovon der eine hauptsächlich das in geschichtlicher Be¬ 
gründung bestehende geltende Recht, der andere das werdende, was 
durch selbsttätiges Schaffen an die Stelle des Mangelhaften gesetzt 
werden muß“, zur Grundlage seiner Ausführungen machte, und die 
Anschauungen der letztgenannten Partei führt er auf die Idee des 
Contrat social zurück*. Hierin zeigt sich, daß man sich in jener Zeit 
selbst des Zusammenhangs mit den Anschauungen Rousseaus bewußt 
war. Immerhin war dieser Liberalismus, der allmählich weitere Kreise 
für sich gewann, ein Liberalismus der Theorie, nicht der Tat. Den 
spezifischen Parteicharakter nahm er begreiflicherweise zuerst dort 

1 Görres, Teutschland und die Revolution, Seite 133. 

* Görres a. &. O., Seite 106 f., zitiert in Kapitel X, Seite 142. 


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— 43 — 


an, wo sich die Meinungen frei äußern konnten, in den Landtagen der 
süddeutschen Staaten und vor allem im badischen Landtage. 

Die süddeutschen Staaten bedurften zur Erhaltung ihrer neuen 
Einheit besonderer politischer Kammern, und von der Einführung 
des Parlamentarismus erwarteten ihre Fürsten im Interesse der Selbst* 
erhaltung eine Stärkung des Partikularismus gegenüber der Einheits¬ 
bewegung. Für Baden kam im besonderen noch dazu, daß es der 
Ländergier des bayerischen und österreichischen Hofes die ent¬ 
schiedene Stimme der öffentlichen Meinung in Presse und Landtag 
entgegensetzen wollte, und als der kinderlose Großherzog den Grafen 
Leopold von Hochberg 1817 zum Thronfolger ernannt hatte, suchte 
der badische Hof die unbegründeten Rechtseinwände des bayerischen 
Königs gegen die abgeänderte Thronfolgeordnung Badens dadurch 
unwirksam zu machen, daß er das ins Stocken geratene Verfassungs¬ 
werk, in das das neue Hausgesetz als Teil des Staatsgrundgesetzes 
aufgenommen wurde, zum raschen Ende führte. So waren es keines¬ 
wegs naturrechtliche Grundgedanken, die den sterbenskranken Gro߬ 
herzog am 22. August 1818 zur Unterzeichnung einer Verfassungs¬ 
urkunde bewogen, die die Einigkeit aller Bürger und das geschlossene 
Auftreten Badens nach außen durch eine weitgehende Anpassung an 
die Wünsche des liberalen Bürgertums erkaufte. Nebenius, der 
gelehrte Verfasser dieses politischen Werkes, hatte auch die berech¬ 
tigten Wünsche der Standesherren und des Adels durch Errichtung 
einer ersten Kammer befriedigt, in der aber auch das Bildungswesen 
durch bürgerliche Vertreter der beiden Universitäten und Landes¬ 
kirchen vertreten war. Aber das politische Schwergewicht lag doch 
in der zweiten Kammer, weil nach N ebenius’ Überzeugung in der Ver¬ 
tretung des Volkes das Moment der Bildung vorherrschen sollte, so 
wurden nach dem Wahlgesetze die 14 Städte durch 22 und die weit 
stärker bevölkerten Wahlbezirke des platten Landes nur durch 41 
Abgeordnete vertreten. Auch insofern entsprach die neue Verfassung 
den liberalen Wünschen, als sich die breite Masse der seßhaften Bürger 
mit geringen Ausnahmen an den Urwahlen politisch betätigen konnte. 
Waren beide Kammern auch sonst gleichberechtigt, so wußte doch 
die Öffentlichkeit das Vorrecht der zweiten Kammer in Finanz¬ 
angelegenheiten hochzuschätzen, und daß die Verfassung den Grund¬ 
satz der Ministerverantwortlichkeit aussprach und die eingehende 
Regelung dieser Staatseinrichtung durch ein neues Gesetz schon jetzt 
verhieß, tröstete viele über die Tatsache hinweg, daß die Initiative 
in Gesetzgebungsangelegenheiten nach dem Wortlaut der Verfassungs¬ 
urkunde ausschließlich bei der Regierung lag, zumal da auch den 
Kammern das Recht ausdrücklich Vorbehalten war, die Regierung um 
Vorlegung eines Gesetzes zu bitten. Der grenzenlose Jubel bei der 
Veröffentlichung der Verfassungsurkunde im August 1818 wie auch 
die Wahlen im Januar des folgenden Jahres bezeugten das allgemeine 
und rege Interesse, mit dem das Volk der politischen Neuordnung 


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— 44 — 


folgte. Freilich die großen Hoffnungen wurden bald getäuscht, und 
die hochgehende Begeisterung des Volkes wurde bald gedämpft, als 
nach den Kammerverhandlungen über das Adelsedikt und nach der 
Entdeckung des von der Regierung verschleierten Defizits und 
besonders nach den Abstrichen der Kammer am Militäretat Minister 
und Regent sich einigten, die Kammer am 28. Juli 1819 ungnädig zu 
vertagen. Die Regierung beauftragte die Unterbehörden, die heim¬ 
geschickten Abgeordneten zu bewachen und politische Versammlungen 
zu verbieten, und nach Wiederzusammentritt des Landtags am 26. Juni 
1820 zeigte sich, daß die Regierung acht im Staatsdienste befindlichen 
und gefürchteten Rednern der liberalen Opposition den Urlaub zum 
Landtage versagt hatte. Schließlich wurde die Regierung aber 
gezwungen, den versagten Urlaub zu erteilen, und als der erste Land¬ 
tag am 5. September 1820 geschlossen wurde, stellte der Großherzog 
in seinem Abschiedswort dem Landtage „das öffentliche Zeugnis 
treuer Pflichterfüllung“ aus. 

Unter den 63 Abgeordneten, aus denen die zweite Kammer des 
badischen Landtages bestehen mußte, waren für den ersten badischen 
Landtag 37 Beamte, Bürgermeister, Vögte und Amtsmänner gewählt 
worden; die übrigen waren Bürger und Bauern. Die geistige Führung 
in den Kommissions- und Plenarsitzungen lag bald in den Händen 
folgender Liberaler: Stadtrat Deimling, Universitätsprofessor 

Dr. Duttlinger, Kreisarzt Dr. Kern, Dekan Fecht, Oberhofgerichtsrat 
Dr. Fetzer, Regierungsrat und Oberamtmann Föhrenbach, Freiherr 
von Gleichenstein, Oberamtmann Freiherr von Liebenstein, Fabrik¬ 
besitzer Völcker, Geheimer Referendar Ludwig Winter aus Karlsruhe, 
Buchhändler Winter aus Heidelberg, Hofgerichtsrat Ziegler, Gast¬ 
wirt Knapp. 

Für unsere Untersuchung ist es wichtig, Stimmungen und An¬ 
sichten der Abgeordneten dieses Landtages festzustellen und in 
ihrem Verhältnis zu Montesquieu und Rousseau zu kennzeichnen. 

Zu Beginn des 1. Landtages ist es der Geist des Naturrechtes, der 
alle beherrscht. Dafür ist folgender Vorfall charakteristisch. Die 
Dankadresse der zweiten Kammer an den Großherzog, mit dichte¬ 
rischer Glut von dem rhetorisch stark begabten Freiherm von 
Liebenstein verfaßt, pries als „den erquickenden Strahl ver¬ 
fassungsmäßiger Freiheit“ „den großen Grundsatz der Gleichheit 
der Rechte und Pflichten aller Staatsbürger vor dem Gesetz“. Im 
Entwürfe dieser Dankadresse war besonders hervorgehoben worden, 
daß die badische Verfassungsurkunde „in und außer den Grenzen 
des deutschen Vaterlandes so laut gepriesen“ worden sei, „weil sie 
diesen erhabenen Grundsatz nicht nur feierlich anerkennt, sondern 
auch alle Mittel seiner unverletzlichen Erhaltung gewährt“. Als ein 
Abgeordneter auch die Anerkennung der übrigen Vorzüge der Ver¬ 
fassung ausgesprochen wünschte und Liebenstein deshalb vor¬ 
schlug, in den Nebensatz hinter die Worte „weil sie“ einzuschieben 


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„allen freisinnigen Ideen des Zeitalters huldigend“, wünschte der 
Abgeordnete Ziegler die Bestimmung „des Zeitalters“ wegzulassen, 
da „freisinnige Ideen ewige Grundsätze“ seien, und dieser Antrag 
wurde einstimmig angenommen. 

Was war nun aber der Inhalt der freisinnigen Ideen dieses Zeit¬ 
alters? Das sprachen die Abgeordneten aus, die am 30. April 1819 
der Regierung in Sachen der Gesetzgebung die Initiative in einem 
wahren Motionssturme aus den Händen rissen. An diesem Tage 
wurden 7 Anträge eingebracht, die Regierung um Vorlegung von 
Gesetzesvorschlägen zu bitten, deren Inhalt die ganze Breite des Ver- 
fassungs-, Rechts- und Wirtschaftslebens umfaßte, und aus den 
schwungvollen Begründungen dieser Anträge ging zur Genüge hervor, 
in wie innigem Zusammenhänge alle diese Anträge gedacht und wie 
sie alle von dem einen Gedanken getragen waren, die Verfassung 
weiter auszubauen, um sie zu einer „Wahrheit“ zu machen. Die Re¬ 
formen forderten auf juristischem Gebiete die Einführung des öffent¬ 
lichen und mündlichen Gerichtsverfahrens, Einführung der Ge- 
schwomengerichte und „gänzliche Trennung der Justiz von der 
Administration“. Es entsprach ganz dem liberalen Geiste, daß man 
die Geschwomengerichte im Hinblicke auf England als einen der 
„Hauptpfeiler“ bezeichnete, „auf welche jede freisinnige Verfassung 
sich stützen müsse“, und wenn Liebenstein hierbei den Gedanken 
Deimlings „vom Palladium der Volksfreiheit“ weiter ausführte, 
so hat er nicht, wie Treitschke meint 1 , eine rein juristische Frage 
zur politischen Parteisache gemacht, sondern einen Gedanken ge¬ 
würdigt, der schon dem Verfasser des Werkes vom „Geist der Gesetze“ 
am Herzen lag. Die Geschwomengerichte hatte Liebenstein „als 
eine Ergänzung des unmittelbar vorhergegangenen“ Antrags auf Ein¬ 
führung des öffentlichen mündlichen Gerichtsverfahrens beantragt. 
In seiner Begründung verknüpft er den Grundsatz der Öffentlichkeit 
unter ausdrücklichem Hinweis auf Frankreich und England mit einer 
pädagogischen Idee, und das ganze Gewicht seiner Gründe für diese 
notwendigen Neuerungen faßt er im Hinblick auf die. vorbildlichen 
Einrichtungen dieser beiden Länder „in die eine Bemerkung zu¬ 
sammen“: „Man versuche es, den Völkern, welchen die Wohlfahrt 
öffentlicher Rechtspflege schon zuteil geworden ist, dieses unschätz¬ 
bare Gut zu entreißen, und ein Schrei der Entrüstung wird aus dem 
Munde aller Glieder des Volks erschallen. Man reiße unser ganzes 
Gebäude der Rechtspflege nieder, und nicht eine Stimme beklagender 
Teilnahme wird aus den Reihen des Volks laut werden“ 2 . Lieben¬ 
stein kam in diesem Zusammenhänge auf die Teilung der Staats¬ 
gewalt zu sprechen, und daß er das System der Gewaltenteilung durch 
Montesquieus Brille anzuschauen sich gewöhnt hatte, ging bei dieser 
Gelegenheit daraus hervor, daß er hier in bezug auf die Trennung 

1 Treitschke a. a. O., II, Seite 513. 

2 B. L. V. 1819, II. K. I., Seite 122. 


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der Justiz von der Administration von der „Trennung beider Ge¬ 
walten“ redet, abweichend von der Verfassung Englands und von 
Bottecks weit verbreiteter Anschauung, wonach es ein „juristischer 
Unsinn“ ist, die Justiz nach Montesquieu ab eine von drei „Gewalten“ 
hinzustellen. 

Auch die vier speziell gehaltenen Anträge zur Verbesserung der 
Bechtspflege, die der Abgeordnete Föhrenbach einbrachte, atmeten 
den gleichen Gebt liberaler Beformen. Er zielte ab auf „größere 
Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens“ durch Mitteilung der Ab¬ 
schriften aus den Akten an die Parteien des Zivilprozesses und andere 
Mittel, und in diesem Zusammenhang empfing der Grundsatz der 
Öffentlichkeit im Hinblick wiederum auf England eine fast heilige 
Weihe. „Alles, was im Dunkeln schleicht, was den Tag scheut, bt 
verdächtig und wirklich böse,“ „Öffentlichkeit bt das Palladium des 
Bechts,“ „bt Licht“. Freilich äußerte sich schon hierbei in der zweiten 
Kammer erstmalig etwas, was später des öfteren selbst in Zeiten hef¬ 
tiger Debatten zu merken war: in Fragen allgemeiner politischer oder 
rechtlicher Natur stimmten die Liberalen jener Tage fast immer über¬ 
ein; aber sobald es sich um die praktische Durchführung ihrer 
liberalen Grundsätze handelte, zeigte sich eine abgrundtiefe Ver¬ 
schiedenheit in ihren Ansichten, und was dann die einen noch ab 
ethischen Grundsatz anerkannt wissen wollten, verwarfen die anderen 
ab erwiesenen Irrtum. So bekämpfte mit Hilfe eines neuen, von ihm 
selbst eingebrachten Antrages auf „Verbesserung der Bechtsver- 
waltung“ 1 der Abgeordnete Oberhofgerichtsrat Walz die Anträge 
auf Einführung der Öffentlichkeit im Gerichtsverfahren und die 
Trennung der Justiz von der Verwaltung auf Grund seiner eigenen 
Erfahrung. Von seinem Standpunkte aus erschien ihm auch „die in 
diesen Tagen so hoch gepriesene Frage“ der Trennung der Justiz von 
der Adminbtration „immer problematischer“, da eine derartige 
Neuerung nur eine nutzlose und kostspielige Behördenvermehrung 
herbeiführe. Deshalb redet Walz auch dem Geschwomengerichte 
nicht das Wort, und er erhebt nur die Forderung nach einer „ein¬ 
fachen“, „geschwinderen“, „weniger kostspieligen“, gleichwohl 
„gründlichen Bechtsverwaltung“. Man könnte versucht sein, Walz 
und seine wenigen Gesinnungsgenossen ab nicht zu den Liberalen 
gehörig zu betrachten. Indessen Walz bekennt sich selbst zum Natur¬ 
rechte und äußert u. a.: „Nur unter wohlhabenden und gebildeten 
Völkern . . . können auch philosophische Bechtslehrer auftreten, 
welche ihre Gesetzesvorschläge auf allgemeine Vemunftgrundsätze 
begründen, die ab ewige Normen der Gerechtigkeit anerkannt werden 
müssen“ 8 , und der Einfluß, den Montesquieu sichtlich auf Walzens 
Denkweise ausgeübt hat, gibt sich darin zu erkennen, daß Walz aus 
der Gleichheit der deutschen Staaten in Klima, Beligion, Sitte und 

1 B. L. V. 1819, n. K., IV, Seite 47, 56 f., 121, 141 bis 162. 

* B. L. V. 1819, II. K., IV, Seite 141. 


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Industrie und „nach dem obersten Grundsätze“ die Forderung nach 
einem allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuche für ganz Deutschland 
ableitet. So wie Walz hier mit Montesquieu» Grundgedanken „den 
verhaßten Code Napoleon“ bekämpft, der sich den politischen» 
kirchli chen und sittlichen Verhältnissen Deutschlands nicht organisch 
anpaßt, so energisch beruft sich Walz umgekehrt zur Bekämpfung 
der Geschwornengerichte Montesquieu» auf die Autorität Napoleons 1 . 

Es sei gestattet, in diesem Zusammenhänge auch der Stellung der 
richterlichen Beamten zu gedenken, obgleich davon in diesen Gesetz¬ 
anträgen nicht die Bede war. Erst das Staatsdieneredikt vom 30. 
Juni 1819 sollte die allzu häufigen Klagen der Beamten wegen will¬ 
kürlicher Versetzungen und Entlassungen organisatorisch beseitigen. 
Die Lösung dieser Frage war nicht leicht, da Justiz und Verwaltung 
noch nicht getrennt waren. Die ständige Anstellung aller Staats¬ 
diener sollte nach der Regierungsvorlage erst nach Ablauf von 5 Probe¬ 
jahren statthaben. Liebenstein schlug vor, eine Unterscheidung 
zwischen Justiz- und reinen Administrativbeamten zu machen. Bei 
der Abstimmung über die Unabsetzbarkeit der jüngeren Beamten 
stimmten daher 13 Abgeordnete dafür, daß „der Dienst bei denjenigen 
weltlichen Zivildienem, deren Dienstzeit unter 5 Jahren beträgt“, 
nicht widerruflich sein dürfe, da eine unparteiische Justiz die Unab¬ 
setzbarkeit auch dieser Beamten verlange. Die Majorität von 42, 
die für die Absetzbarkeit der Staatsbeamten gestimmt hatte, sprach 
aber „vorläufig .... nur die Überzeugung“ aus,daß der ewige Grund¬ 
satz von der Unabsetzbarkeit der Richter, der „Grundpfeiler der 
bürgerlichen Freiheit“, nicht erschüttert werden dürfe und daß daher 
die Justizbeamten auch in den ersten 6 Jahren nicht entlaßbar sein 
sollten. 

So spiegelte sich in diesen Reformgedanken der zweiten Kammer 
ein gut Teil naturrechtlicher Grundanschauungen wieder, und im 
besonderen weisen die Ideen, Gedankenzusammenhänge und Betrach¬ 
tungsweisen zuweilen ein naturrechtliches Gepräge auf, wie es nur 
dem Verfasser des Werkes vom Geist der Gesetze eigen ist. Charak¬ 
teristischerweise setzte man alle Reformen in Beziehung zur politischen 
Freiheit, und man führte alles zurück auf die ewige Idee, „daß nie¬ 
mand zugleich Richter und Partei sein könne“ und daß man „nicht 
die Person des Richters fürchten“ dürfe, auf Gedanken also, die doch 
nur Übersetzungen sind aus dem Esprit des lois*. Auch die spezi¬ 
fische Auffassung Montesquieu» von der Dreiteilung der Gewalt wird 
vertreten. Gleichwohl sind sich die Liberalen über die praktische 
Durchführung ihrer Grundsätze nicht vollkommen einig, und infolge 
zwiespältigen französischen Einflusses äußern sich hier einander 
entgegengesetzte Anschauungen. Der Einfluß Montesquieu» macht 

1 B. L. V. 1819, H. K., IV, Seite 147. 

* B. L. V. 1820, I. K., L, 74 bis 82; UI, Seite 487 bis &12; V, 749 
bis 752. 


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sich, wie ersichtlich, daher in verschiedenem Maße in dieser Einzel¬ 
frage bei den Liberalen geltend, während von Rousseaus unentschiede¬ 
nen Ideen über die Bedeutung der Justiz in diesen Verhandlungen 
keinerlei Einfluß zu spüren ist. 

Am 30. April hatte ferner der Abgeordnete Deimling einen An¬ 
trag über die Verantwortlichkeit der Minister und der übrigen Staats¬ 
diener eingebracht, damit im verfassungsmäßigen Wege die Fälle der 
Anklage, Grade der Ahndung, die Zusammensetzung der beurteilen¬ 
den Behörde und die Prozedur bestimmt würden. Der diesbezüg¬ 
liche Regierungsentwurf, der dem Landtage erst 1820, und zwar 
zunächst der ersten Kammer vorgelegt wurde 1 , zeigte nichts von kon¬ 
stitutionellem Denken der Regierungsvertreter. Daher erfuhr die Re¬ 
gierungsvorlage schon der ersten Kammer eine derartige Umgestaltung, 
daß der Kommissionsbericht der zweiten Kammer 2 auf „die von dem 
tief und gründlich gehenden Berichterstatter der ersten Kammer an¬ 
geführten Gründe“ verwies und den von der ersten Kammer abge¬ 
änderten Entwurf nach seinem ganzen Inhalte anzunehmen vorschlug. 
Diese seltene Einmütigkeit zwischen den beiden Kammern war darin 
begründet, daß auch das Herrenhaus der Meinung war, „daß die Ver¬ 
antwortlichkeit der obersten Staatsbeamten ... die Grundbedingung 
und gleichsam der Lebensodem der ganzen Verfassung“ sei, und mit 
Rotteck warf man dabei „einen Blick in das tiefste Wesen der 
Repräsentativverfassung“ 8 . Das geschah in der Weise, daß man in 
beiden Kammern immer auf die Einrichtungen Englands und Frank¬ 
reichs hinwies 4 , getreu der Methode Montesquieus Ähnlichkeiten 
und Verschiedenheiten zwischen Baden und den Vorbildstaaten erwog 
und daß sich die Mehrheit jeder der beiden Kammern schließlich 
darauf einigte, die Ministeranklage vor einer obersten Justizbehörde 
zu erheben. Freilich Rotteck betrachtete die Frage „bloß vom Stand¬ 
punkte der reinen Theorie“; seine abstrakte philosophische Begrün¬ 
dung machte Rousseaus Methode alle Ehre; sie ging aus von dem Ge¬ 
danken, daß die Richter Diener der Gesamtheit und zwar „Mittel der 
Leitung des Gesamtwillens“ seien. Für den Fall der Entzweiung im 
Körper der Gesamtheit — so schloß Rotteck weiter — befänden 
sich Regierung und Volk im rein naturrechtlichen Verhältnisse, und 
„der auf dem Wege des Vergleichs unausgeglichene Streit“ könne nur 
durch ein Gericht entschieden werden, das von der Gesamtheit von 
vornherein und zwar vertragsmäßig hierzu bestimmt sei. Das könne 
nur ein„Geschwornengericht in der höchsten und edelsten Bedeutung, 

1 B. L. V. 1820, I. K., I, 74 bis 82; III, Seite 487 bis 512; V, 749 
bis 752. 

2 B. L. V. 1820, II. K., VIII, 135 bis 138. 

8 B. L. V. 1820, I. K., IV, 631 und 634. 

4 a. a. O., I. K., III, 500 f., IV, 641; II. K., IX, 125, u. a. Lieben¬ 
stein: „Auf ein für uns neues Feld gestellt, mußten wir die Erfahrungen 
anderer Staaten benutzen und dort unsere VorbUder suchen. Wir mußten 
unsere Blicke auf Frankreich und England richten“. 


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ein möglichst zuverlässiges Organ der allgemeinen Menschenvernunft 
und des ewigen Rechts“ sein. Im übrigen machte sich in dieser Dis- • 
kussion ein Geist des Mißtrauens gegen die Minister geltend, wie er 
dem parlamentarischen Regime Englands fremd ist, und Nebenius 
erklärte 1 * * : „Das furchtbare Bild des Mißbrauchs der Gewalt durch 
die Minister ist zweifellos keine Kopie der Wirklichkeit, sondern eine 
Ausgeburt der gereizten Phantasie.“ Dieses Mißtrauen erinnert an 
Montesquieus Überzeugung, daß der „Ehrgeiz der Fürsten niemals 
so gefährlich ist wie die nichtswürdige Gesinnung seiner Ratgeber“ 
und daß die Minister die Gesetze hassen. Deshalb wünschte die 
Kommission, daß alle Staatsdiener Badens auf die Verfassung ver¬ 
pflichtet werden Bollten und daß die Minister „nicht bloß für die 
Tat“, sondern auch „für den Rat“ die volle Verantwortung tragen 
müßten. Deshalb wurde auch in der ersten Kammer die Pflicht der 
Gegenzeichnung des verantwortlichen Ministers in den Regierungs¬ 
entwurf eingefügt*. Die zweite Kammer nahm den von der ersten 
Kammer lungearbeiteten Gesetzentwurf mit 47 gegen 4 Stimmen an. 
Duttlinger und v. Gleichenstein lehnten ab, weil dieses Gesetz 
zu mild sei, und auch viele andere Kammermitglieder waren von der 
Mangelhaftigkeit dieses Gesetzentwurfes überzeugt. Gleichwohl 
stimmten sie für die Annahme, weil sie nach Liebensteins Worten* 
der Ansicht waren, „daß man das minder Gute nicht deswegen ver¬ 
werfen müsse, weil man das absolut Beste auf der Stelle nicht er¬ 
reichen könne“. 

Deutlich offenbarte sich auch in dieser Angelegenheit, wes Geistes 
Kinder die Liberalen waren. Nicht ideelle Beschränkung der Macht, 
sondern reale Garantien forderte man, und man teilte Montesquieus 
Überzeugung, daß die Freiheit durch die Ministerverantwortlichkeit 
gewährleistet werde. Von Montesquieu übernahm man auch den 
Geist des Mißtrauens gegen die Minister, die auch für Tat und Rat 
die Verantwortung tragen sollten. Es ist charakteristisch, daß sich 
der Einfluß Montesquieus hierbei geltend machte bei Männern wie 
Liebenstein, die mehr historisch als abstrakt rationalisierend ; 
politisieren und deshalb meist auf Frankreich und England hinweisen. 
Wenn sie dabei von dem Wirklichkeitsvorbilde Montesquieus ab¬ 
weichen in wesentlichen Punkten, so geschieht es, weil sie Montesquieus 
Methode für die Rezeption fremder Staatseinrichtungen ganz in 
dessen Sinne anwenden. Dagegen läßt sich Rousseaus Art, rechts¬ 
politisch zu denken, bei Rotteck unbeschadet des Kantischen Ein¬ 
flusses 4 nach weisen, der darum auch von den in der Wirklichkeit ge¬ 
gebenen Bedingungen gänzlich absieht. 


1 B. L. V. 1819, II. K-, VII, Seite 82. 

* B. L. V. 1820, I. K., ID, 601. 

* B. L. V. 1820, H: K., IX, 86. 

4 Siehe Kapitel 8. 

Fickert. 4 


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Unter den Anträgen vom 30. April 1819 standen die Anträge 
Völckers und Liebensteins auf Abschaffung der Fronden und 
Zehnten wieder in innigem Zusammenhänge unter sich und mit dem 
Prinzip der politischen Freiheit 1 . Die Wirkungen einer freien Ver¬ 
fassung, die Montesquieu anschaulich schildert, sind es, die den Ab¬ 
geordneten Völcker und Liebenstein vorschweben bei der Be¬ 
gründung ihrer Forderungen. Die Kommissionsberichte stellten 
sich auf den Standpunkt der besonnenen Reform, und der Abge¬ 
ordnete Ziegler berief sich dabei auf englische und schottische 
Lehren, wie sie vorgetragen seien in Craigh, Grundsätze der Politik, 
Teil III. Der Abgeordnete Föhrenbach äußerte frondherm- 
freundliche Bedenken gegen die geforderten Reformen, wollte 
deshalb die endgültige Entscheidung über die grundsätzliche Auf¬ 
hebung der Herrenfronden verhindern und die Aufhebung der Staats¬ 
fronden aus finanziellen Gründen zeitlich verschieben. Er wollte 
nicht beweisen, daß der Zehnte wünschenswert sei, aber — so führte 
er aus — „er besteht, hat Jahrhunderte bestanden, tiefeingewurzelt 
in das innere Leben des gesellschaftlichen Vereins . . . Wer möchte 
es wagen, ohne die klarste Überzeugung von der ihm sicheren Er¬ 
reichung eines notwendigen höheren Zweckes und ohne das Bewußt¬ 
sein der gewissenhaftesten Beachtung jedes Rechts Hand zu legen 
an ein solches Institut“ 8 . Föhrenbach verlangt volle Entschädigung 
der Frond- und Zehntberechtigten. Rotteck war nicht zufrieden 
mit der zweiten Kammer, weil sie den hochwichtigen Gesetzentwurf 
nicht in die richtige Beleuchtung gerückt habe. Während Liebenstein 
und andere Liberale mit mehr historisch gerichtetem Denken auf das 
Prinzip der Freiheit zurückgingen, stellte Rotteck die ganze Sache 
auf das Prinzip der Gleichheit, und weiter behauptete er: „Die Fronden 
sind der Regel nach eine ungerechte, also vernunftgemäß ungültige 
Verpflichtung.“ Den Beweis erbrachte er nach der Art Rousseaus. 
Er führte aus, „die Präsumption eines rechtlich gültigen Ursprungs“ 
könne er unmöglich anerkennen; „der Geist der erleuchteten Zeit 
hat sich wider die Fronden erklärt, d. h. nichts anderes als: es ist ihm 
klar geworden ..., daß die Fronden rechtlich nicht aufgekommen sein 
können, oder rechtlich nicht aufgekommen sind .... Wenn Fronden 
in vereinzelten Fällen auf rechtlichem Wege entstanden seien, so 
könne das nicht den Rechtszustand aller derjenigen verschlimmern, 
welchen eine . . . Verbindlichkeit durch Gewalt oder Anmaßung auf¬ 
gebürdet“ sei, zumal da „die Geschichte durch ihre tausendstimmigen 
Zeugnisse dartue, daß sehr viele, ja wohl die allermeisten solcher 
Verhältnisse durch Unrecht gegründet wurden, also eine moralische 
Gewißheit... für die rechtliche Ungültigkeit derselben streite“*. 
Hierin äußert sich deutlich der Radikalismus der Rousseauschen 

1 B. L. V. 1819, H. K., I, 93, 99 f., 109. 

1 B. L. V. 1819, H. K., V, 134. 

» B. L. V. 1819, I. K., H, 380; HI, 364. 


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Fragestellung nach dem Urgründe des Rechts: von der Vernunft 
wird entschieden, was rechtens ist, und was ethisch unzulässig ist, 
darf auch nicht rechtlich als wirklich gelten. Wohin die Rotteckschen 
Gedanken bei folgerechter Weiterbildung führen mußten, war allen 
klar, und in der Diskussion der ersten Kammer wurde deshalb auch 
gegen Rotteck der schwere Vorwurf erhoben, daß seine rechts¬ 
politischen Grundsätze eine allgemeine Rechtsunsicherheit zur Folge 
haben oder gar zu einem Zustande der Rechtlosigkeit führen müßten. 

Interessant ist es, in den mündlichen Verhandlungen über fliese 
wichtige Frage die Gruppierung der Abgeordneten zu beobachten. 
Clavel und Seyfried erklärten von vornherein: „Sie würden be¬ 
dauern, wenn man durch Motionen dieser Art beim Volke Hoffnungen 
erregte, die zu erfüllen wir imvermögend sein müßten.“ Föhrenbach 
und seine Anhänger befleißigen sich der zartesten Rücksicht auf 
die bestehenden Rechtsverhältnisse. Ihnen gegenüber steht der 
Abgeordnete Duttlinger mit einem philosophischen und juristischen 
Grundsatzliberalismus, der zu Rotteck in naher Verwandtschaft 
steht. Zwischen diesen Ansichten vermittelt Liebenstein mit den 
meisten Anhängern. Er erkennt bei der Beratung des Regierungs¬ 
entwurfes den „trefflichen Bericht eines geistvollen Mitgliedes der 
ersten Kammer“ an, stellt sich aber auf den Standpunkt des praktischen 
Politikers und folgt der Stimme „der Klugheit, welche im öffent¬ 
lichen Leben neben der Stimme des Rechts immer gehört werden 
darf“. Dabei erhellt von selbst, daß sich auf diese Schattierungen 
im badischen Kammerliberalismus der Einfluß Montesquieus und 
Rousseaus ungleich verteilt. Die stürmisch vorwärtsdrängenden 
Liberalen, geführt von Rotteck und Duttlinger, orientieren ihre An¬ 
sichten ganz nach Rousseaus Grundprinzip und Denkweise. Ihr 
Radikalismus wird nur insofern nicht offen revolutionär, ab sie die 
Beseitigung der alten Rechtsverhältnisse durch die Beschlüsse der 
gesetzgebenden Versammlung ausgesprochen wissen wollen. Bei 
den anderen Liberalen der Kammer herrscht das von Montesquieu 
hervorgehobene Prinzip der politischen Freiheit und die historische 
Denkweise vom Geist der Gesetze vor. — 

Auch für die geistige Freiheit trat der badische Liberalismus ein. 
Am 2. Juni 1819 brachte der Abgeordnete Winter-Heidelberg auf 
Liebensteins Anregung einen Antrag auf Freiheit der Presse 
ein 1 , einmal, um „die Staaflbeinrichtungen zu einer höheren Voll¬ 
kommenheit zu bringen“, und zum andern, weil „der entschiedene 
Charakter der badischen Verfassung, die Öffentlichkeit“, sich „ohne 
Preßfreiheit gar nicht denken läßt“. Den Kommissionsbericht er¬ 
stattete von Liebenstein, der darin die wesentlichen Gedanken 
wiedergab aus seinen „Bemerkungen über den Aufsatz vom freien 
Geistesverkehr“, die er schon früher konzipiert hatte. Er stellte 


1 B. L. V. 1819, n. K., IV, 88, 109 f., 122, 152 und 164. 

4* 


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im Eingänge zu seinem Kommissionsberichte den Ideenzusammenhang 
her zwischen seiner Forderung und den großen politischen Fragen, die 
„seit 30 Jahren die ganze gesittete Welt beschäftigen“, und des 
weiteren bemerkte er: „Daher ist es längst von allen Aufgeklärten 
und denkenden Menschen als politisches Axiom anerkannt, daß ohne 
Preßfreiheit jede repräsentative Verfassung nur ein Schatten ohne 
Körper ist“. Seine Ausführungen 1 lassen sich am besten zusammen¬ 
fassen in die Worte, die Montesquieu ausspricht: „Um die Freiheit 
zu gtnießen und zu bewahren, muß jedem gestattet sein, zu sagen, 
was er denkt; in diesem Staate würde also ein Bürger alles sagen 
und schreiben, was die Gesetze ihm nicht ausdrücklich zu sagen und 
zu schreiben verboten haben.“ Die wenigen Äußerungen einiger 
Abgeordneter verraten, daß man sich in allen wesentlichen P unk ten 
mit Liebenstein einig wußte, und zeigen, daß man so, gleichviel 
ob bewußt oder nicht, von Montesquieu nachdrücklich beeinflußt 
war; denn die Gedankenparallelen zwischen Liebenstein und 
Montesquieu liegen so offen zu Tage, daß man diese Behauptungen 
nicht erst durch den Hinweis auf den Aufsatz zu stützen braucht, 
in dem sich Liebenstein mit Macchiavell und Montesquieu 
beschäftigt. 

Mit der Freiheit in wirtschaftlichen Dingen beschäftigten sich 
noch andere Anträge der liberalen Abgeordneten. Die erste von 
allen eingegangenen Motionen zielte auf „freien Handelsverkehr im 
Innern der deutschen Staaten“ ab, der die Einnahmen des Volkes 
erhöhen sollte. Das Ausland wollte der Antragsteller v. Lotzbeck 
nach dem Grundsätze der Reziprozität behandelt wissen. Der 
Kommissionsbericht sagte in einem geschichtlichen Abriß über die 
Zolleinnahmen: „Die größten Staaten, Österreich und Preußen, 
ahmten zuerst den Eingriff Englands in die natürliche Freiheit des 
menschlichen Verkehrs nach, und die einfachen Grundsätze, daß eine 
Nation nicht stets kaufen kann, sondern auch verkaufen muß, daß 
die Natur ihre Gaben teilweise gespendet hat und daß eine Menge 
einzelner Ereignisse und Bestimmungen die vorteilhafte Hervor¬ 
bringung der Tausenden von Bedürfnissen eines Europäers an ver¬ 
schiedene Gegenden geknüpft hat, wurden ebenso sehr vergessen 
als die Lehre, daß gegenseitige Beschränkungen Feinde einer wohl¬ 
berechneten Staatswirtschaft sind. Liebenstein wies in seiner 
Rede auf das Vorbild der Nordamefikanischen Union und ihre 
riesenhafte Entwicklung zu Macht und Größe, Reichtum und Ruhm 
hin. Vergleicht man diese Anschauungen der Kammerliberalen 
mit Montesquieu, so fällt der Gegensatz der Meinungen sofort ins 
Auge. Nach Montesquieus Ansicht besteht die Handelsfreiheit nicht 
in der „den Kaufleuten eingeräumten Befugnis, zu tun, was sie 
wollen“; seiner Meinung nach belästigt das, „was den Handel- 

1 B. L. V. 1819, II. K., VIII, Beilage A, Seite 1—49, besonders 
Seite 9f. 


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treibenden belästigt, deshalb noch nicht den Handel“. „Wo Handel 
ist, sind Zölle. Der Zweck des Handels ist die Einfuhr und die Ausfuhr 
zum Vorteil des Staates, und der Zweck der Zölle ist eine bestimmte 
Abgabe auf diese Ausfuhr und Einfuhr gleichfalls zum Vorteil des 
Staates“ 1 . Montesquieu hat diese seine Meinung den Verhältnissen 
des von ihm so hoch geschätzten England seiner Zeit direkt auf den 
Leib geschrieben, und der Kommissionsbericht kann seine Abweichung 
von Montesquieus Meinung nicht deutlicher aussprechen, als daß 
er die Nachahmung auch der englischen Praxis verwirft. Seine 
Auffassung und ihre weitere Begründung stimmt inhaltlich überein 
mit der Lehre Adam Smiths. 

Fassen wir die Anschauungen der Liberalen im ersten badischen 
Landtage über die Freiheit zusammen, so ergibt sich folgendes. Das 
Prinzip der Freiheit erstreckt sich sowohl auf das rein politische 
Verfassungsrecht als auch auf die Gebiete des geistigen Lebens, des 
Ackerbaues, des Handels und auch der Industrie. Mit Montesquieu 
stimmt man überein in der Wertschätzung der politischen Freiheit 
und in der Auffassung ihrer Bedeutung für das Kulturleben und die 
Kulturentwicklung eines Volkes. In Bezug auf die Preßfreiheit ist 
die Übereinstimmung völlig. Die Aufhebung der Fronden und 
Zehnten setzte man gleichfalls in Beziehung zur politischen Freiheit; 
freilich nahmen in diesen Debatten Untersuchungen über die Rechts« 
Verbindlichkeit der bestehenden Frond- und Zehntverhältnisse einen 
so breiten Raum ein, daß Montesquieus Einfluß merklich hinter 
den Rousseaus zurücktrat. Man berief sich ferner auf Craighs 
Grundsätze, und in bezug auf den Handel klangen die Ideen der 
englischen Freihändler an. 

Wie verhält sich nun der Freiheitsbegriff der liberalen Abge¬ 
ordneten zu ihrer Auffassung von der Staatsgewalt? Die Freiheit 
des Staatsbürgers wird gewährleistet ihrer Meinung nach durch 
die Teilung der Gewalt und die Anteilnahme des Volkes an der 
Gesetzgebung; dadurch ist zunächst der Mißbrauch der Gewalt so 
gut wie ausgeschlossen. Dieser Gedanke Montesquieus wurde jedoch 
noch ergänzt durch die Grundidee des Rousseauschen Systems. Unter 
fast allgemeiner Zustimmung der Abgeordneten führte Duttlinger 
in der Budgetberatung aus 2 , daß „die verfassungsmäßige Wirksamkeit 
der Kammer, insbesondere ihre Anteilnahme an der Gesetzgebung, 
ihrer Natur nach souverän sei . . .; sie erkenne keine anderen 
Schranken als die allgemeinen Prinzipien der Gesetzgebung überhaupt 
und die besonderen positiven Gesetze an, welche die Verfassungs¬ 
urkunde vorzeichne“. Nebenius erläuterte diesen Gedanken noch 
weiter und sagte u. a.: „Es sei wahr, der Form nach sei die gesetz¬ 
gebende Gewalt unbeschränkt, d. h. was die drei Zweige der Gesetz¬ 
gebung beschließen, sei positiv geltend. . . Obgleich aber im Fache 

1 Montesquieu, Geist der Gesetze, Buch 20, Kap. 12 und 13. 

2 B. L. V. 1819, II. K., VIII, 45. 


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der (Gesetzgebung eine unabhängige, souveräne Gewalt bestehen 
müsse, so könne sie in der Idee doch nicht anders gedacht werden 
als beschränkt durch die Natur der Dinge und durch den Zweck 
des Staates. Sie dürfe die Rechte, zu deren Schutz das ganze Staats¬ 
gebäude aufgeführt sei, nicht verletzen, ohne despotisch zu werden. 
Sie dürfe über einzelne Personen und Eigentumsrechte nicht willkür¬ 
lich verfügen. . . Ein Gesetz, das individuelle Rechte kränke, könne 
nie das Wohl des Ganzen bezwecken“ 1 . So tritt zu den realen 
Garantien durch die Gewaltenteilung die ideelle Beschränkung durch 
den Staatszweck und den Begriff des Gesetzes, und es offenbart sich 
in dieser Anschauung deutlich genug, daß der Freiheitsbegriff der 
Liberalen eine Synthese der Grundgedanken Montesquieus und 
Rousseaus darstellt. 

Betrachten wir noch in möglichster Kürze den letzten von den 
sieben am 30. April 1819 eingebrachten Anträgen! 

Ala der badische Staat aus den Gebieten der mediatisierten 
Fürsten und den Erblanden des Zähringer Hauses zusammengefügt 
worden war und die badische Regierung eine einheitliche Verwaltungs- 
Organisation des neuen Landes anstrebte, entstand ein heftiger Kampf 
zwischen der Regierung und dem Adel, den der Großherzog durch 
das Edikt über die Rechtsverhältnisse der ehemals reichsunmittel¬ 
baren Standes- und Grundherren vom 23. April 1818 beendigen 
wollte. Er stellte dies Edikt unter den Schutz der neuen Verfassung 
vom 22. August 1818. Der damit unzufriedene Adel benutzte seine 
Familienbeziehungen zu den regierenden Herrschern Europas dazu, 
einen Druck auf die badische Regierung zu Gunsten des Adels ausüben 
zu lassen, und am Vorabend der Eröffnung des ersten Landtages 
wurde deshalb das von der badischen Regierung revidierte Adels¬ 
edikt mit dem Datum vom 16. April 1819 erlassen. Die Rechts¬ 
auffassung der Abgeordneten der zweiten Kammer vertrug sich nicht 
mit diesem Vorgänge, und der Abgeordnete Gastwirt Knapp stellte 
den Antrag, den Großherzog zu bitten, das Edikt nicht in Vollzug 
setzen zu lassen. Den Kommissionsbericht erstattete Ludwig 
Winter-Karlsruhe in so umfassender Weise, daß man daraus erkennen 
konnte, daß die Naturrechtstheoretiker verschiedener Jahrhunderte 
auf ihn eingewirkt hatten, daß er die politische Aufgabe seiner Zeit 
im Geiste Rousseaus erfaßte und lösen wollte und daß er sich zu 
den historisch erwachsenen Rechtsordnungen des Landes ablehnend 
verhielt. Die Diskussion der zweiten Kammer wurde eröffnet durch 
eine Rede 2 , in der v. Liebenstein darlegte, wie sehr dieses Edikt 
gegen das oberste Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz* und 


1 B. L. V. 1819, IL K., Vin, 47. 

* B. L. V. 1819, IL K., V, Seite 166—175. 

* VergL § 31 in bezug auf Steuerprivilegien,( § 37 durch Zuschüsse 
aus der Staatskasse zur Patrimonialjurisdiktion, § 61 Bevorzugung der 
Söhne von Standes- und Grundherren beim Militär. 


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gegen den ewigen Grundsatz, daß niemand zugleich Richter und 
Partei sein könne, verstoße. Nach heftigen Debatten mit den 
Regierungsvertretem, in denen vor allen Dingen Duttlinger die 
Widersprüche des Edikts mit der badischen Verfassung, deren Vorzüge 
er rühmte, mit juristischer Schärfe nachwies, beschloß die Kammer 
gegen eine Stimme, dem Anträge Knappe beizutreten. In der 
ersten Kammer erstattete Freiherr v. Türckheim 1 den Kommissions¬ 
bericht über dasKommunikat,und er benutzte Winters Kommissions¬ 
bericht als Leitfaden für seine Ausführungen; u. a. kam es ihm 
darauf an, darzutun, daß auf den Rheinbund ein neuer Rechts¬ 
zustand gefolgt sei, und er fuhr fort: „Es hat also durch denselben 
nicht, wie in der oft erwähnten Berichterstattung gesagt wird, das 
sogenannte herkömmliche Recht zu wirken aufgehört; es ist nicht 
eine aus allgemeinen Grundsätzen hergeleitete Verfassung an die 
Stelle der geschichtlichen getreten.» Das Verständnis für die Be¬ 
deutung dieser politischen Kernfrage bereitete v. Türckheim 
außerordentlich geschickt und sachlich zutreffend durch eine fein¬ 
sinnige Betrachtung der Parteiverhältnisse in der zweiten Kammer 
vor und zwar von dem Gesichtspunkte aus, wie sich die Abgeordneten 
zu den historischen Grundlagen ihrer Zeit bewußt stellen. Wir 
werden uns damit weiter unten zu beschäftigen haben. 

Es war klar, daß Rotteck mit Türckheims Kommissions¬ 
bericht zu Gunsten des Adels nicht zufrieden sein konnte, und in 
seinem Berichte beantwortet er parteilos, aber nicht ganz frei „von 
der verführerischen und unwillkürlichen Befangenheit geliebter 
Grundsätze“*, in Wirklichkeit in voller Übereinstimmung mit 
Rousseau die Frage: „Kann der Gesamtwille die anerkannten Rechte 
eines einzelnen aufheben ?“ mit den Worten: „Eine solche Aufhebung 
wäre dem allgemeinen und höchsten Gesamtinteresse durchaus 
entgegen.“ Er fordert deshalb den Adel auf, sich zu einem Vergleiche 
zu bequemen, und mit naturrechtlichen Gründen sucht er den Adel 
von dieser Notwendigkeit zu überzeugen. Seine Ausführungen 
begründen seine Abweichung von dem Zweikammersystem Englands 
und Montesquieus. „Wenn der Adel und die Bürger in einer Kammer 
säßen, so würden diese Verhältnisse klar einleuchten. . . Rechtlich 
wird das Verhältnis nicht geändert, wenn jetzt der Adel auch in einer 
besonderen Kammer sitzt, wohl aber faktisch. . . Nämlich jetzt ist 
es in des Adels physischer oder politischer Macht, den Beschluß der 
Bürgerlichen unwirksam zu machen. Aber die Adligen würden 
ebenso unrecht tun, solche Macht zu gebrauchen, als zum Beispiel 
die Städter unrecht tun würden, falls sie in einer besonderen Kammer 
säßen und die Verteilung der rechtlich-allgemeinen Frondlast auch 
auf die Stadtbürger hindern wollten.“ Dieser Gedanke ist nur eine 

iB.LV. 1819, I. K., ID, 463f., bes. 479. 

* Leonh. Müller, Bad. Landtagsgesch., Band I, Seite 196 schreibt 
das Gegenteil. 


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Anwendung des anderorts entwickelten Grundsatzes, daß der Gesamt¬ 
wille nur ein „natürliches Organ“ haben könne und müsse. Zum 
Schlüsse weist Botteck zur Verstärkung seiner Gründe auf die 
Betrachtungen hin, „welche mit freierer Stimme, als die politischen 
Verhältnisse einem Mitglied der Kammer gewähren, durch das 
Organ der Presse werden ausgerufen werden“ 1 . Da heißt es unter 
anderem: „Auch die Regierungsrechte . . . sind Volksrechte. Der 
Regent kann damit nicht nach Belieben schalten, und wenn er auf¬ 
gestellt ist, die Gesetze zu verwalten, Recht zu sprechen usw., so 
kann er diese Pflicht keinem anderen übertragen ohne Bewilligung 
des Volkes.“ Dieses Naturrecht ist, wie aus einer anderen Betrachtung 
hervorgeht, „aus Vertrag mit dem Volke abgeleitet“. In der vierten 
Betrachtung löst Rotteck das Dilemma zwischen Artikel 13 und 14 
der deutschen Bundesakte. „Gesetzt, die Artikel 13 und 14 müßten 
wegen ihrer gegenseitigen InkoApatibilität in nichts zerfallen. Was 
würde Rechtens sein? Antwort: Das was natürlichen und ewigen 
Rechtes ist 1 . Hiernach blieb doch der Hauptinhalt von Artikel 13 
kräftig, aber der Artikel 14 fiel hinweg.“ 

Auf dieser Basis war es selbstverständlich für die Regierung 
nicht ratsam, mit der Kammer zu verhandeln, und sie schnitt eine 
weitere Diskussion über die heikle Frage ab durch die Erklärung, 
vor der Hand, ehe der Bundestag gesprochen habe, könne weder 
vom Vollzug noch von Abänderung des Ediktes die Rede sein. 

Überblicken wir in Kürze die KammerveThandlungen zum Adels¬ 
edikt, so fällt auf, daß von einer inalienablen Volkssouveränität im 
Sinne Rousseaus nirgends im bejahenden Sinne, niemals von der 
Demokratie und der völligen Unterordnung der Regierung unter die 
gesetzgebende Gewalt gesprochen wird. Die von Rotteck vor¬ 
getragene Lehre vom Gesamtwillen nimmt zwar die Regierungsrechte 
als Volksrechte in Anspruch und knüpft so wichtige Beschlüsse an 
die Bewilligung des Volkes; aber sie redet eben doch von einem Vertrag 
zwischen Regent und Volk, der nicht einseitig aufgehoben werden 
darf und deshalb dem Regenten eine Macht zu eigenem Rechte 
zuweist. Auch Winters Bericht enthält zwar viel von Rousseaus 
Geiste, aber ohne die Lehre der Volkssouveränität jemals zu bejahen. 
Diese Umgehung der Rousseauschen Kembegriffe hier bei Rotteck 
und Winter wie auch sonst in anderen Verhandlungen der Kammer 
bedeutet aber zweifellos mehr als eine bloße politische Vorsicht oder 
als eine Anpassung an die bestehende Stäatsform; denn die Idee 
der inalienablen Volkssouveränität läßt sich — das wird sich in 
der Darstellung des theoretischen Liberalismus deutlich zeigen — 

1 Leonh. Müllers Art zu zitieren erhellt aus folgendem Satz seiner 
bad. Landtagsgeschichte, Band 1, Seite 197: „Mit freierer Stimme, als 
die politischen Verhältnisse einem Mitglieds der Kammer gestatten, be¬ 
handelt er (Rotteok) jetzt ein ganzes Dutzend Fälle: . ,“ vergl. B. L. V. 
1819, I. K., m, Seite 643. 


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in das Gedankengewebe der fahrenden Politiker dieses Landtags 
nicht widerspruchsfrei einf&gen. Die Staatsverfassung, von der 
man hier wie immer mit größter Hochachtung spricht und an deren 
weiterem Ausbau man freudig und besorgt arbeitet, ist die 
verfassungsmäßige Monarchie mit dem durchgefährten Prinzip 
der Gewaltenteilung Montesquieus, von dem freilich einige Männer 
wie Rotteck in Einzelheiten, in bezug auf die Zahl der Kammern 
und der selbständigen Gewalten, abweichen. Wenn aber Rotteck 
und seine Anhänger von einer Teilung der Gewalt unter zwei 
Persönlichkeiten sprachen, so hatten sie doch die Bedeutung einer 
unabhängigen Rechtspflege klar erkannt, und im besonderen 
huldigten sie dem Grundsatz Montesquieus, daß niemand zugleich 
Richter und Partei sein könne. Winter weist zwar auf die Natur¬ 
rechtspolitiker verschiedener Jahrhunderte hin; aber der Inhalt 
der Verhandlungen zeigt hauptsächlich Beziehungen zu den 
detaillierten Anschauungen Montesquieus und Rousseaus, und auch 
die Auffassung über die politische Freiheit und besonders über die 
Gleichheit, die bei dieser Gelegenheit besonders stark und einmütig 
betont wird, zeigen in Verbindung mit verfassungsmäßigen Garantien 
wiederum die intimen Beziehungen zu Montesquieu und Rousseau auf. 

Mit der letzten Behauptung soll indessen nicht ausgesprochen 
sein, daß nicht auch anderwärts die politische Gleichheit betont 
wird. Der große Vorzug der badischen Verfassungsurkunde, daß 
sie das Gleichheitsprinzip als Gesetz proklamiere, werden die Ab¬ 
geordneten nimmer müde zu preisen, und nicht bloß einmal 1 wird 
der Ausdruck „konstitutionell“ schlechthin identifiziert mit „gleich 
an Rechten und Pflichten“. Von diesem Gesichtspunkte aus wurden 
auch andere wichtige Anträge gestellt, z. B. der Antrag auf „Steuer- 
peräquation“ und auf Verbesserung der Wahlkreiseinteilung. So 
einig die Kammer aber war in der Anerkennung des Gleichheits¬ 
grundsatzes, so uneinig waren die Abgeordneten oft in der Behandlung 
der praktischen Fragen, in denen das Prinzip der Gleichheit nun 
angewendet werden sollte. Besonders das Gemeindeverfassungsgesetz 
bot in dieser Beziehung eine Fülle schwierigster Fragen. Schon 1819 
sprach sich der Kommissionsberichterstatter Föhrenbach 8 folgender¬ 
maßen aus: „Man muß anerkennen, daß es eine schöne, auf höherem 
Standpunkte gefaßte Idee ist, wenn unser Gesetz Gleichheit aller 
Gemeindemitglieder in allen Beziehungen ausspricht; allein wenn die 
Kommission dieser Idee in ihrer ganzen Ausdehnung nicht huldigen 
konnte, so ist es darum, weil sie solche mit dem Recht unvereinbar 
hielt“ 8 . Obgleich z. B. in der Schutzbürgerfrage L. Winter, 
Liebenstein, Fecht, Knapp u. a. energisch für die politische 
Gleichheit eintraten, obgleich v. Liebenstein ausdrücklich darauf 

1 B. L. V. 1819, IL £, m, 55. 

* B. L. V. 1819, H. BL, IV, 7. 

• VergL B. L. V. 1820, IX K., IH, Anhang Seite 8 f. 


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aufmerksam machte, daß die Kammer die durch die Verfassung 
proklamierte Freiheit durch die einzelnen Gesetze wieder zurück* 
nähme, so wurde doch mit „entschiedenster Mehrheit“ der 
Regierungsentwurf mit der peinlichen Unterscheidung von Orts-, 
Schutz- und Ehrenbürgern angenommen. Auch in der Judenfrage 
konnte Duttlinger vorwurfsvoll darauf hinweisen, „mit welcher 
Härte man in einem Staate, dessen Verfassung allen Bürgern die 
Gleichheit der Rechte zusichere, die Juden hinter die Christen 
zurückstoße“ 1 . Gleichwohl siegten die „Illiberalen“ mit 47 gegen 
15 Stimmen 8 . 

Aus diesen Tatsachenbeispielen ist ersichtlich, wie sich viele 
Abgeordnete der zweiten Kammer zu Theorie und Praxis stellten, 
und eine Gruppierung der Abgeordneten nach dieser verschiedenen 
Stellungnahme deckt sich im wesentlichen mit der Parteigruppierung, 
wie sie Freiherr v. Türckheim nach dem Verhältnis der liberalen 
Abgeordneten zu den historischen Grundlagen der damaligen Rechts¬ 
verhältnisse zutreffend festgestellt hat. 

Freiherr v. Türckheim sagt in seinem Kommissionsberichte 8 : 
„Es gibt zwei Parteien unter jenen, welche die Notwendigkeit einer 
mit den Bedürfnissen der Zeit fortschreitenden Ausbildung der 
Verfassungen anerkennen. . .; die einen halten die Grundlage ge¬ 
schichtlich gebildeter Rechtsverhältnisse an sich nicht für verwerflich, 
sondern suchen sie nur mit den unwandelbaren Grundsätzen des 
natürlichen Rechtes und den zwar wandelbaren, aber gerechten 
Forderungen des Zeitalters in Einklang zu bringen; die anderen 
wollen, daß die Gegenwart von der Vergangenheit abgeschnitten, 
rein aus sich selbst hervorgehen soll und nach allgemeinen Begriffen 
aufgebaut werde“. Die Anschauungen der erstgenannten Partei 
faßt v. Türckheim unter der Bezeichnung „SyBtem der idealen 
Politik“ zusammen und setzt diese in Gegensatz zum „allgemeinen 
natürlichen Rechte“. Während nach dieser Unterscheidung das 
„allgemeine natürliche Recht“ „unumschränkt über alle positive 
Erscheinung“ herrscht, in der Wirklichkeit alle historisch erwachsene 
Erscheinung durch negative Kritik „verwirft“, stellt das „System 
der idealen Politik“ „gewisse Einrichtungen als dem Zweck und dem 
Wohl der bürgerlichen Gesellschaft zuträglich auf und kann darum 
wohl die Grundlage derselben, Festhaltung des erworbenen wie 
angeborenen Rechtes, nicht angreifen“. Die Fortentwicklung des 
Staatswesens erfolgt nach den Anschauungen dieser gemäßigten 
Gruppe ausschließlich auf dem Wege der Vereinbarung, und „der 


1 B, L. V. 1820, H. K., V, Seite 72. 

8 Diese 15 überstimmten verlangten namentliche Aufführung im 
Protokoll; es waren Duttlinger, Griesbach, Sievert, Winter-Heidelberg, 
Winter-Karlsruhe, v. Ehren, v. Gleichenstein, Fecht, Hitzig, v. Liebenstein, 
Knapp, Blankenhom, Frieß, Schlundt und Völcker. 

* B. L. V. 1819, I. K., V, 463—509, besonders Seite 465. 


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Kampf der idealen Politik mit den geschichtlich gebildeten Ver¬ 
fassungen" ist der Kampf einer friedlichen Reform. Wenn die 
Anhänger dieses Systems von einem Staatsvertrage sprechen, so 
bedeutet dies nichts anderes als die Tatsache, daß das Volk das 
Geschenk der Verfassung angenommen hat, welches ihm die Regierung 
mit Rücksicht auf den ungehemmten Fortschritt der Zeit zu machen 
sich moralisch gezwungen gesehen hat; denn die naturrechtliche 
Grundlage dieses Systems fordert gleichfalls die Anerkennung der 
„ewigen und unwandelbaren Grundsätze“ und „der unveräußerlichen 
Rechte des Menschen“. Der Begriff des Gesamtwillens, der auch 
dem System der idealen Politik nicht fehlt, ist allerdings mit fataler 
Unbestimmtheit gezeichnet. 

Aus allem ist ersichtlich, daß diese Partei „der idealen Politik“ 
sich zu den politischen Zielen des Zeitgeistes bekennt, aber weder 
im rechtlichen Denken, noch im politischen Handeln jenen 
Radikalismus aufzeigen kann, der Rousseau eigen ist. Das politische 
Ideal ist beschlossen in der Verfassung, wie sie Montesquieu dargestellt 
hat, und auch die Methode und vermittelnde Art, ein fremdes Ideal 
zu übernehmen, erinnert an die Methode vom „Geist der Gesetze“. 
Dagegen ist die Partei „des allgemeinen natürlichen Rechtes“ dadurch 
charakterisiert, daß sie vielfach von empirisch gegebenen Bedingungen 
absieht, die politischen Probleme begrifflich und an der Wurzel 
erfaßt und folgerichtig zu Ende denkt, politische Grundsätze möglichst 
ohne Ausnahmen zu verwirklichen sucht und alles Unvernünftige 
im Denken und Handeln ablehnt. Wenn dieser theoretische 
Radikalismus zunächst nur als entschiedener Liberalismus erscheint, 
so liegt dies einmal daran, daß die Vertreter dieser Richtung alles 
auf dem Wege verfassungsmäßiger Gesetzgebung zu erreichen streben 
und sich dem Mehrheitsbeschluß der gemäßigten Liberalen unter¬ 
werfen, und zum anderen daran, daß sozialistische Elemente ihren 
Anschauungen fremd sind. In den theoretischen Einzelheiten, in 
der Lehre vom Gesamtwillen und Staatsvertrag, in der Auffassung 
des Verhältnisses zwischen Volk und Regierungsrechten und in der 
Meinung über die Kriterien der Rechtsgültigkeit pflegen die Ver¬ 
treter dieser Partei die innigste Beziehung zu Rousseau. Eine ganze 
Reihe politischer Fachausdrücke ihrer Sprache, wie „Verfassung“, 
„konstitutionelle Monarchie“, „monarchisches Prinzip“ 1 , decken 
Begriffsinhalte, wie sie erstmalig von Rousseau als „republikanische“ 
Prinzipien gefaßt worden sind. Gleichwohl weichen diese entschiedenen 
Liberalen auch von Rousseaus Theorie ab, weil sie das Ideal in dem 
von Rousseau verworfenen Repräsentativstaate Montesquieus sehen. 
Es sei der weiteren Untersuchung Vorbehalten, festzusteUen, wie sich 
diese folgerichtig denkenden Politiker dieses Mischsystem errichten 
konnten, und es mag darum genügen, den Freiherm v. Liebenstein 


1 VergL Kap. X dieser Untersuchung, S. 98. 


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als einen Vertreter des Systems der idealen Politik, von Rotteck 
und L. Winter als Vertreter der Partei des allgemeinen natürlichen 
Reohts hinzustellen. 

Zusammenfassend läßt sich darum sagen, daß der erste badische 
Landtag tatsächlich von Montesquieu und Rousseau beeinflußt ist. 
Aber während Montesquieus Einfluß sich gleichmäßig auf beide 
Richtungen erstreckt, weil er das Gerüst des politischen Ideals 
liefert, beschränkt sich Rousseaus Einfluß mehr auf die Anhänger 
des natürlichen allgemeinen Rechts. Die Denkmethode der gemäßigten 
Liberalen stimmt mit dem methodischen Prinzip vom „Geist der 
Gesetze“ meist überein. Zu diesen Einflüssen treten noch die Ein¬ 
wirkungen „anderer Naturrechtstheoretiker verschiedener Jahr¬ 
hunderte“, und in Sachen der Handelspolitik klingen die Anschauungen 
der englischen Freihändler an. 

Diese politischen Überzeugungen des ersten badischen Landtags 
beherrschen den badischen Liberalismus noch durch die zwanziger 
Jahre hindurch. Freilich in der Zeit der europäischen Kongreß- 
und Konferenzpolitik wurden die Liberalen zu längerem Still¬ 
schweigen gezwungen; ja unter dem politischen Druck der reaktionären 
Großmächte wurde sogar im Jahre 1825 die badische Verfassung 
verstümmelt. Als sich aber unter Rottecks und Itzsteins Führung 
die badischen Liberalen in der Stille gesammelt hatten, konnten sie 
nach der französischen Julirevolution geschlossen hervortreten und 
auf dem Landtage von 1831 imumwunden die Bekenntnisse ihres 
naturrechtlichen Liberalismus ablegen. 

7. Kapitel. 

Der badische Liberalismus von 1830 bis 1847. 

Als der badische Landtag von 1831 am 17. März zusammentrat, 
machten sich die Einwirkungen der französischen Julirevolution und 
der Regenten- und Systemwechsel in der badischen Regierung auch 
in der zweiten Kammer geltend. L. Winter-Karlsruhe, jetzt Chef 
des Ministeriums des Innern, hatte getreu seiner politischen Über¬ 
zeugung sich entschlossen, „von allen Versuchen, auf die Wahlen 
zu influieren, gänzlich abzustehen, den Ständen mit aller Offenheit 
und Aufrichtigkeit entgegenzutreten und alles zu vermeiden, was 
einer Schikane und Intrigue gleich sieht“. Die Zusammensetzung 
der zweiten Kammer offenbarte deutlich, daß die führenden Geister 
im politischen Leben Badens fast alle eine gelehrte Bildung empfangen 
hatten und daher auch meist dem höheren Beamtenstande angehörten. 
Neben v. Rotteck zog Karl Theodor Welcker in die Kammer ein, 
und um diese beiden scharten sich nun alle Bekenner des liberalen 
Vemunftrechts wie Adam von Itzstein, Mittermaier, 
Duttlinger, Beck und andere. Als am letzten Sitzungstage, am 


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30. Dezember 1831, der Kammerpräsident Föhrenbach 1 einen 
fibersichtlichen Rückblick auf die geleistete politische Arbeit warf, 
waren unter den 44 Gesetzentwürfen, welche die Regierung vorgelegt 
hatte, 38 von der Kammer beraten und angenommen worden. Von 
den 32 Motionen, die in der zweiten Kammer begründet und beraten 
worden waren, hatten freilich nicht alle Erfolg. Dazu kamen die 
Beratungen von 6 Adressen und die Erledigung von ungefähr 
1600 Petitionen. Es ist eine ungewöhnlich große Menge von 
gesetzgeberischer Arbeit, die von diesem Landtag bewältigt worden ist; 
aber es darf nicht verhehlt werden, daß manche Ergebnisse nicht in 
gleichem Maße bedeutend oder praktisch waren. Die Begründungen, 
Berichte und Debatten werfen allerdings ein helles Licht auf die 
öffentlichen Zustände Badens und auf weitverbreitete politische 
Anschauungen. 

Um diesen Landtag zunächst im allgemeinen zu charakterisieren, 
sei bemerkt, daß er in seinen Forderungen als ein politischer Fortbau 
auf dem Fundament des Landtags von 1819 erscheint. „Die Groß- 
wftrdenträger des Zeitgeistes“ waren dieselben wie 1819. Dafür 
sprachen Itzsteins Motion auf Wiederherstellung der Verfassung 
in ihrer ursprünglichen Gestalt, Welckers Motion auf Herstellung 
der Preßfreiheit, Knapps Antrag auf Ablösung der Herrenfronden, 
Rottecks Motion auf Abschaffung des Zehnten; Mittermaier 
nahm den Antrag des 1824 verstorbenen Freiherm v. Liebenstein 
auf Trennung der Justiz von der Verwaltung wieder auf; Duttlinger 
forderte wichtige rechtliche Bestimmungen zur Ministerverantwort¬ 
lichkeit; das schon dreimal vergeblich besprochene Gemeinde¬ 
verfassungsgesetz kam auf diesem Landtag endlich zustande, und 
die Zivilprozeßordnung und weitere von der Regierung vorgelegte 
„Entwürfe über die Grundbestimmungen der künftigen Gerichts¬ 
verfassung“ boten hinreichend Gelegenheit, die alten Forderungen 
nach Geschwornengerichten usw. zu begründen. Uber die Wünsche 
des Landtags von 1819 ging die „zweite Kammer im großen Jahre“ 
hinaus, als Welcker „eine konstitutionellere, wohlfeilere und mehr 
sichere Wehrverfassung“ verlangte, Itzstein die Ergänzung des 
Armeekorps durch Rekrutierung von den Kammern abhängig und 
die „Rekrutierung zur Verfassungssache“ gemacht wissen wollte, 
und Aschbach erhob unter allgemeiner Zustimmung die „Ver¬ 
eidigung der Staatsbeamten und Offiziere auf die Verfassung“ zum 
Gegenstand eines Antrags. 

Fragen wir zunächst nach dem Verhältnis des Landtags von 1831 
zu den historisch erwachsenen Staats- und Rechtsordnungen! In 
dieser Beziehung lassen sich bei genauerem Zusehen drei verschiedene 
Auffassungen feststellen. Wenige Abgeordnete schlossen sich der 
Meinung des Abgeordneten v. Tscheppe 2 an, daß nicht das Recht, 

1 B. L. V. 1831, H. K., XXVH, Seite 294 f. 

2 B. L. V. 1831, n. K., V, 146. 


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sondern nur die Klugheit und die Politik die geplanten Neuordnungen 
wie die Ablösung der Herrenfronden fordere. Die zweite Richtung 
wurde geführt von Mittermaier. Er äußerte 1 * * : „Das positive 
Recht, leider nicht immer im Einklang mit dem Vemunftrechte, ist 
das Produkt der Verhältnisse, aus denen es hervorgegangen. Solange 
die Verhältnisse dauern, solange die Volksmeinung sie mit Achtung 
betrachtet, besteht dasselbe auch als zweckmäßig. Aber unaufhaltsam 
schreitet die Zeit und der menschliche Geist vorwärts. Überall um 
uns her bemerken wir Veränderungen. . . Institutionen, die im 
Mittelalter weise und den damaligen Verhältnissen angemessen 
erscheinen, stehen jetzt als hohle Formen bedeutungslos und ohne 
Achtung da“. Mittermaier betont hier wie oft das entwicklungs¬ 
geschichtliche Moment im Rechtsleben, und deshalb wünscht er die 
Verbesserung auf dem „Wege ruhiger, besonnener Prüfung, auf dem 
Wege der Mäßigung, auf dem man zwar langsam fortschreitet, aber 
auch das Bestehende in der Art ändert, daß am wenigsten Rechte 
gekränkt und verletzt werden“ 8 . Ausdrücklich mahnt er: „In dem 
Festhalten an dem Rechte, das ich predige, liegt ein Zuruf an die 
Bürger, das Gesetz zu befolgen, solange es besteht“. Indem 
Mittermaier die Notwendigkeit des Fortschritts aus den Grund¬ 
sätzen des Rechts ableitet, trennt er sich von der ersten Richtung; 
von einer dritten Richtung aber muß er geschieden .werden, weil er 
von den Kriterien rechtsverbindlicher Menschensatzung vielmehr 
den consensus omnium betont als den Inhalt des Rechts. Dadurch 
ist er imstande, das positive Recht solange in Schutz zu nehmen, 
bis es in allen rechtlich nötigen Formen abgeändert wird 8 . In dieser 
Beziehung gehen Rotteck und seine Gesinnungsgenossen über ihn 
weit hinaus. In der Diskussion über die Herrenfronden 4 erklärte 
Rotteck, „daß mit Nachdruck dargetan werden muß, daß die 
persönlichen Herrenfronden ... dem öffentlichen Rechte oder genauer 
dem öffentlichen Unrechte angehören, das heißt, daß sie dem öffent¬ 
lichen Unrechte entflossen sind, welches aber in den heutigen Ver¬ 
hältnissen gar keine Anwendung mehr hat oder nicht angewendet 
werden kann, ohne schreiendes Unrecht zu begehen . . . Nun ergibt 
sich aber . . . der klarste Beweis der Unrechtmäßigkeit der Last aus 
der Natur derselben. . . . Wenn sich auch nur ein Einzelner für sich 
durch einen Vertrag zum Leibeigenen gemacht hätte, so wäre der 
Vertrag ungültig und der Titel des Privatrechts ohne Wirkung, 
weil die Verpflichtung innerlich null und nichtig wäre“. Die in diesem 
Einzelbeispiele direkt an Rousseau gemahnende Beweisführung 
wandte auch Rindeschwender an auf das Recht oder Unrecht 


1 B. L. V. 1831, n. K., V, 115. 

8 B. L. V. 1831, n. K., V, 116. 

* B. L. V. 1831, II. K., V, 112 u. 114. Vergl. auch Gerbeis Ansicht 
V, 252 f. 

4 B.L. V. 1831, V, 140 f. 


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der Kammer, „die Verfassung alsdann abzuändem, wenn dadurch 
dem Volke Rechte geschmälert werden, ja wenn dadurch die Verfassung 
selbst vernichtet wird“ 1 . Da Rotteck immer den Grundsatz vertrat: 
„Was vernünftig und recht ist, ist auch ausführbar“*, so war seine 
Verachtung alles positiven Rechts, das innerlich im Widerspruch 
mit den ewigen Ideen stand, praktisch nicht ungefährlich, und er 
mußte sich wiederholt gegen den Vorwurf des Radikalismus ver¬ 
teidigen. Aber was konnte es für die große Masse des Volkes bedeuten, 
wenn er „wiederholt die falsche Deutung“ rügte, daß er „ja nicht 
von der äußeren strengen Rechtsgültigkeit, sondern nur von der 
inneren . . . sprach*“. So zeigt sich deutlich, daß der Rousseausche 
Radikalismus gegenüber dem positiven Rechte nur bei der von 
Rotteck geführten Richtung vorhanden ist. 

Gleichwohl ist es nicht möglich, diese drei Richtungen schlechthin 
als Parteien hinzustellen; in anderen ebenso wichtigen Grundfragen 
verteilen sich die Abgeordneten nicht in derselben Weise, so in bezug 
auf die Durchführung des Gleichheitsprinzipes. Deutlich zeigte 
sich bei der Beratung des Gemeindegesetzes, daß man den großen 
Grundsatz der Gleichheit überall hervorhob, und Knapp konnte 
sich freuen, daß er nicht wie 1822 bei der Abstimmung über den 
Unterschied zwischen vollberechtigten Orts- und minderberechtigten 
Schutzbürgem mit der Minorität für die Abschaffung dieser 
Ungleichheit stimmen mußte 4 . Auch der Wahlzensus für die Wahl¬ 
berechtigung innerhalb der Gemeinden wurde mit 38 gegen 19 Stimmen 
verworfen. Allein die Auffassung des Grundsatzes der Rechts¬ 
gleichheit entsprach dennoch nicht dem Sinne Rousseaus; die Idee 
der rechtsphilosophischen Notwendigkeit der Gleichheit trat oft 
genug hinter die Klugheitsprinzipien zurück. Viele sahen wie Martin 
ein, „daß es schwer ist, Gesetze zu machen. Regeln aufzustellen, 
ohne Ausnahmen dabei festzusetzen“. Andere erkannten, „daß 
die Durchführung des Grundsatzes der absoluten Gleichheit gerade 
zu großen Ungleichheiten führen müßte“; wenige allerdings be¬ 
gründeten ihre Ansicht so ausführlich wie Rotteck, der in der 
Abstimmung über die Wahlberechtigung innerhalb der Gemeinden 
für den Wahlzensus eingetreten war. Er berief sich auf die „reifen 
Überlegungen weiser Männer alter und neuer Zeit“, als er von der 
Wahlberechtigung diejenigen ausgeschlossen wissen wollte, die nach 
ihrem gar geringen Vermögen fast naturgemäß keinen selbständigen 
Willen haben“ 6 . Des weiteren konstruierte Rotteck zu den Privat- 
und öffentlichen Rechten, auf die ein jeder Anspruch erheben dürfte, 
noch eine dritte Gattung von Rechten hinzu, die „nicht wegen eines 
in ihnen selbst begründeten Anspruchs erteilt, sondern bloß im In¬ 
teresse der Gesamtheit“ verliehen' würden. Er nannte sie „politische 

1 B. L. V. 1832, H. K., I, 28. 4 Vm, 179. 

• X, 197. 

8 III, 206. 


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6 B. L. V. 1831, H. K., X, 142; 
XVI, 30; IX, 63, 69, 60. 


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Rechte“. Seine Beweisführung trug in dieser Beziehung alle Eigen¬ 
schaften Rousseauscher Deduktion, obgleich sie den Standpunkt 
Montesquieus in dieser Frage rechtfertigen wollte. Auch andere 
Abgeordnete wie Duttlinger stimmten Montesquieu zu; nur wollten 
sie diese Wahlbeschränkung nicht durch Festsetzung eines Wahlzensus, 
sondern durch namentliche Aufführung der Berufsstellung im 
Gesetze ausgedrückt haben. 

In bezug auf das Freiheitsprinzip wiederholt der Landtag von 1831 
alle Ansichten und Schlagworte von 1819. Man führte den Gedanken 
Montesquieus aus, daß die Verfassung den Grundsatz der Freiheit 
zum Zwecke haben müsse; man feierte die Freiheit als angeborenes 
Menschenrecht und nannte dabei im Rückblick auf die „Entwicklung 
der Zivilisation“ jene großen Männer wie Friedrich II., Joseph II. 
und Earl Friedrich von Baden; man führte nach Rousseaus Art den 
Beweis, daß kein Gesetz Rechtsverbindlichkeit besitze, wenn es 
die Freiheit des Menschen beengt oder aufhebt 1 . Zu den Gedanken 
über die Preßfreiheit brachte man neue Zitate aus den Werken 
Jean Pauls oder Schillers hinzu. Auch anderen Schriftstellern 
deutscher wie fremder Zunge wurden eifrig Beweisstellen entnommen, 
und sogar der Apostel Paulus wurde von Itzstein zur Erhärtung 
seiner Gründe herangezogen. Deutlich sah man, wo die Liberalen 
Hilfe im Streite gefunden hatten: in der Bibel, in der Literatur und 
Geschichte der deutschen Aufklärung, bei Engländern, Franzosen 
und bei Amerikanern, am meisten aber bei Montesquieu und Rousseau. 

Es lag etwas Doktrinäres in allen diesen Reden und eine fast 
religiöse Weihe über diesem Landtag, und da alle diese liberalen 
Grundsätze ihren rechtlichen Niederschlag gefunden hatten und 
finden sollten in dem „konstitutionellen, d. h. dem Vernunftrecht 
mit Prinzipien und Einrichtungen huldigenden Staate“, so trug „die 
Liebe zur Verfassung . . . einen Charakter der Religiosität an sich 2 “. 

Welche Auffassung hatte man aber auf dem Landtage von 1831 
über den konstitutionellen Staat? Itzstein, der den Antrag auf 
Wiederherstellung der Verfassung gestellt hatte, beantwortete diese 
Frage folgendermaßen 8 : „Sie (die Verfassung) ist in der Idee die 
durch den Gesamtwillen des ganzen Volkes best immt e Form des 
gesellschaftlichen Lebens, die durch den Gesamtwillen des ganzen 
Volkes ausgesprochene Gewährleistung aller kostbarsten Rechte des 
in den Staatsverband getretenen Menschen und Bürgers. Sie ist — 
mag ihr historischer oder rein faktischer Ursprung sein, welcher er 
will — in der Idee vorausgehend dem Fürsten und dem Untertan und 
die alleinige rechtliche Entstehungsart von Regierung und Unter¬ 
tanenschaft; sie wird sodann zur unzweideutigen Kundmachung 

1 B. L. V. 1831, H. K., XH, 86; XVII,' 169 f.; XII, 93; 98; 142; 
88; 86 f.; 97; 93. 

* IV, 11; VI, 162. 

1 II. Beilagenheft 43 f. 


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und festeren Sicherstellung ihres rechtskräftigen Bestandes durch 
einen zwischen Fürst und Volk, zwischen Regierung und Regierten 
oder zu Regierenden feierlich geschlossenen Vertrag bestätigt und 
ins wirkliche Leben gerufen. Ihre Natur ist Grundgesetz und Vertrag 
zugleich.“ Bevor wir das Verhältnis dieser Definition des Verfassungs¬ 
begriffs zu Rousseau genauer feststellen, bedarf es noch der Anführung 
der Antwort, die Itzstein auf die Frage nach dem Wesen der Stände¬ 
versammlung gibt 1 . „Was ist die Ständeversammlung und allernächst: 
was ist die zweite Kammer' oder die Kammer der Volksdeputierten 
oder überhaupt die Summe der gewählten Deputierten ? Sie ist die 
Versammlung echter Volksrepräsentanten, d. h. das Volk oder die 
regierte Gesamtheit in Natur und Wahrheit vorstellender Männer, 
deren durch Stimmenmehrheit ausgesprochene Meinungen, Wünsche, 
Forderungen und Gewährungen als möglichst lauterer und zuverlässiger 
Ausdruck der Volksgesinnung und des Volkswillens erscheinen und sich 
geltend machen sollen. Sie ist oder soll sein ein möglichst treues Ab¬ 
bild der Volksgesamtheit, ein reines Organ des derselben zustehenden 
— sei es gesetzgebenden, sei es vertragschließenden — Willens. Sie 
steht der Regierung gegenüber als Darstellerin einer von den zwei 
Persönlichkeiten, in welche die ideale Gesamtpersönlichkeit der 
Staatsgesellschaft durch Errichtung einer Regierung zerfällt und 
deren Zusammenwirken und Wechselwirken eben durch die Verfassung 
ihre bestimmte Regel empfängt. Kein gemeinsames Gesetz, viel 
weniger ein die Verfassung abändemdes Gesetz kann nach dem Begriff 
der Verfassung mehr rechtlich zustande kommen ohne Überein¬ 
stimmung der beiden Persönlichkeiten, und ebenso läßt keine 
Vertragsabänderung als rechtsgültig sich denken ohne die unzwei¬ 
deutig erscheinende Einwilligung beider Vertragschließenden. Es 
besteht also das Wesen der Ständeversammlung darin, daß sie nach 
ihrer Zusammensetzung und Bildungsweise in Wahrheit als von der 
Regierung verschiedene Persönlichkeit, als neben ihr oder ihr 
gegenüberstehend, zum selbständigen Mitwirken oder Wechselwirken 
mit ihr berufene und geeignete Persönlichkeit sich darstelle“. In 
dieser Auffassung kommt zum Ausdruck, daß man die Regierungs¬ 
rechte als Ausdruck des Gesamtwillens zur Verwirklichung des 
in der Staatsidee liegenden Rechtsschutzzweckes auffaßt. Mit 
Rousseau stimmt man ferner darin überein, daß man als rechts¬ 
philosophische Voraussetzung der Rechtsverbindlichkeit der Gesetze 
und der Feststellung des Verhältnisses zwischen Regent und Untertan 
die Idee des Vertrags anerkennt und sich dabei um die historische 
Frage nach einem tatsächlichen Vertragsakte genau so wenig k ümme rt 
wie Rousseau. Aber indem man das Vertretungssystem annimmt, 
trennt man sich ebenso von Rousseaus Lehre der Unveräußerlichkeit 
der Volkssouveränität, wie durch die Teilung der idealen Staats¬ 
persönlichkeit in zwei gleichgeordnete Persönlichkeiten, von denen 

1 B. L. V. 1831, II. K., III. Beilagenheft, Seite 44 f. 

Fickert. 

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die eine als gesetzgebende Versa mmlung mit der anderen, der 
Regierung, einen Vertrag schließt, der nur unter Zus timmung beider 
Kontrahenten gelöst werden kann. Diese Auffassung, wie sie Itzstein 
hier vorträgt, entspricht in den Hauptteilen dem System Rottecks, 
und da wir dessen Verhältnis zu Rousseau und Montesquieu einer 
besonderen Untersuchung unterziehen, stellen wir nur fest, daß diese 
Auffassung ziemlich allgemein ist 1 * * . Auch andere juristisch gebildete 
Kammerliberale wie Mittermaier berufen sich zuweilen auf das 
„hochgeschätzte Buch“ ihres Kollegen v. Rotteck, betitelt „Das 
konstitutionelle Staatsrecht“ 8 . In den Abweichungen von Rousseau 
ist zugleich das Verhältnis zu Montesquieus Gewaltenteilung gegeben. 
Nicht alle Abgeordneten bekannten sich völlig zu Rottecks 
System, der Montesquieus Dreiteilung verwarf. Mittermaier 
zeigte in seinen Ausführungen über Kompetenzkonflikte deutlich 
genug, daß er Montesquieus Ansicht unverändert übernommen hatte*. 

Der Landtag von 1831 ist schon dadurch als echt konstitutionell 
charakterisiert, daß er „überall die Gesinnung einer im innersten 
des Herzens gegründeten Ehrfurcht“ gegenüber dem „geliebten 
Fürsten“ 4 an den Tag legt, und Fecht sprach aus, daß „gerade diese 
Verfassung das heilige Band ist, das uns an den Regenten . . . 
knüpft“ 6 . „Der König kann nicht Unrecht tun, sagt das englische 
Staatsrecht: er ist unverletzlich, nicht verantwortlich“, so führte 
Mittermaier zustimmend aus 6 , und daß er dieses englische Staats¬ 
recht mit Montesquieus Augen betrachtete, geht hervor aus seinen 
schon erwähnten Ausführungen über die Stellung des Königs in 
Kompetenzkonflikten. Er sagt: „Das Staatsministerium ist seiner 
Natur nach eine beratende Stelle. Daraus folgt, daß der Großherzog 
an die Beschlüsse des Staatsministeriums nicht gebunden ist, daß 
er auf diese Art (gemeint ist, wenn er zur Entscheidung angerufen 
wird) selbst zum Richter wird. . . Der Fürst soll aber auf seinem 
erhabenen Standpunkt nicht Richter sein. Das ist ein Grundsatz, 
den schon der tiefdenkende Montesquieu siegreich begründet hat 
und der in allen konstitutionellen Monarchien anerkannt werden 
muß“ 7 . Diese Auffassung teilte die gesamte Kammer, und dadurch 
war es auch bedingt, daß Rotteck im Einverständnis mit ihr inbezug 
auf die Ministerverantwortlichkeit 8 sagen konnte: „Stehend auf 
dem Boden der durch die Verhandlungen beider Kammern in den 
Jahren 1820 und 1822 bereits sorgfältig und lichtvoll entwickelten 
allgemeinen Grundsätze über Verantwortlichkeit der Minister . . . ., 
enthält die Kommission sich aller neuerlichen Ausführung der längst 
hinreichend erörterten theoretischen Lehre.“ Was die gesetzgebende 


1 B. L. V. 1831, n. >K., I, 104 
tu 107. 

8 I, 102 f. 

* I, Beilage Seite 153. 

4 B. L. V. 1831, H. K., I, 100. 


* I, 135. 

• II, Seite 176. 

7 I, Beilage Seite 153. 

8 V, Beilage Seite 200 f.; XXIII, 

Seite 177. 


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Gewalt betrifft, so war man 1831 gleichfalls derselben Überzeugung 
wie 1819. Aber es lag ein Hauch vom Geiste Bousseaus und von dem 
Treiben der französischen Revolution über der Versammlung, als 
Itzstein am 21. April sich vernehmen ließ 1 : „Die Teilnahme des 
Volks an dieser hochwichtigen Verhandlung über diese Frage, nämlich 
über die Wiederherstellung der Verfassung, hat sich so laut und 
öffentlich ausgesprochen, daß die Tribünen .... die Menge der 
Menschen, die an dieser Verhandlung teilnehmen wollen, nicht auf¬ 
nehmen konnte. Viele Fremde, die zum Teil weit herkamen, fanden 
keinen Baum. Es ist... zur Befriedigung einer ehrenwerten Teilnahme 
des Volkes an den höchsten Interessen des Vaterlandes, daß ich den 
Herrn Präsidenten bitte . . ., die große Flügeltüre des Sitzungssaales 
öffnen zu lassen, damit diejenigen Zuhörer, die nicht auf die Tribünen 
kommen konnten, von hier aus teil an den Verhandlungen nehmen 
können.“ „Dieser Antrag wird alsbald vom Abgeordneten Knapp und 
vielen anderen unterstützt. . . Nachdem die Flügeltüre geöffnet und 
eine Masse von Zuhörern hereingekommen war“, begann die Diskussion, 
an der sich alle Führer des Kammerliberalismus mit streng juristischen 
und furchtlos politischen Auseinandersetzungen beteiligten. In 
diesem Gebahren sah man eine Verwirklichung der Idee, daß es 
„Pflicht der Regierung“ sei, nach „wohlverstandenem Interesse stets 
in dem Sinne des Volkes und nach seinen Wünschen, falls sie gerecht 
sind wie jene auf Wiederherstellung der Verfassung, zu handeln“ 8 . 
Die Kammer fühlte sich auch gedrungen, die Beziehungen zwischen 
Parlament und Volk so innig und lebhaft wie möglich auszugestalten 8 . 
— In den die Justiz betreffenden Wünschen und Forderungen vertrat 
man ebenfalls denselben Standpunkt wie schon 1819, und man 
pflegte dieselben Beziehungen zu Montesquieu wie damals 4 . Ein 
Fortschritt in der Parteientwicklung läßt sich auf dem Landtage 
von 1813 nicht feststellen. 

Ohne auf die übrigen politischen Meinungen dieses Landtages 
im einzelnen einzugehen, sei nur noch zusammenfassend darauf 
hingewiesen, daß sich die Abgeordneten dieses Landtages viel mehr 
und deutlicher auf ihre Vorbilder in Literatur und Geschichte berufen. 
Die meisten Anschauungen haben hiernach die Liberalen aus den 
Werken Montesquieus und Bousseaus entnommen, und wenn sie 
sich oft auf Frankreich und England berufen, so zeigt sich nicht selten, 
daß sie dabei durch Montesquieus Brille sehen. — 

Auf den Landtagen von 1819 bis 1831 hatte dem starren Grund¬ 
satzliberalismus, der alle dem Vemunftrechte widersprechenden 
Rechtsverhältnisse nach dem inneren Kriterium des Naturrechts 
verwarf und auch die kleinste politische Angelegenheit zur prinzipiellen 

1 HI, 19. 

8 B. L. V. 1831, IL K., HI, 205. 

3 n, 20; I, 4; XVUI, 91 f.; 100, 103 f. 

4 I, Beilage 14ff., 148; V, 62; HI, 119. 

5* 

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Rechtsfrage machte, die andere Richtung der Liberalen nicht gegen¬ 
über, aber zur Seite gestanden, die mit jenem im Ziel wohl überein¬ 
stimmten, aber im politischen Denken und Handeln Klugheits¬ 
rücksichten walten ließen. Von ihnen ging die weitere Partei¬ 
entwicklung aus 1 . Als ein Teil von ihnen eingesehen hatte, daß auch 
viele Errungenschaften des Jahres 1831 durch die politische Macht 
des Bundes aufgehoben wurden, spaltete sich eine rechte Gruppe 
von ihnen ab, die aus politischem Utilitarismus solange, als es ihr 
möglich war, mit der Regierung Zusammenarbeiten wollte. Indem 
diese rechte Gruppe über viele ungeklärte Rechtsfragen prinzipiell 
hinwegsah, gab sie ein gut Teil ihrer liberalen Grundanschauung auf. 
Auch der andere Teil der „Gemäßigten“ fühlte sich vor die politische 
Notwendigkeit gestellt, das liberale Ministerium Winters zu unter¬ 
stützen, wenn auch nur, um Schlimmeres zu verhüten. Trat 
so eine Spaltung der gemäßigten Liberalen darnach ein, ob sie dem 
Ministerium bedingte oder unbedingte Gefolgschaft leisteten, so 
wurde eine Spaltung der Gruppe der „Entschiedenen“ immer mehr 
in den Bereich der Möglichkeit gezogen, als von Frankreich und 
aus der Schweiz her in den dreißiger Jahren die Ideen des politischen 
Radikalismus und des neufranzösischen Sozialismus über den Rhein 
nach Deutschland drangen 8 . Diese Spaltung trat ein in den von dem 
Minister v. Blittersdorf heraufbeschworenen Verfassungskämpfen 
von 1841—1843, durch die dieser das politische Verfassungsleben 
Badens einschränken wollte. Dabei handelte es sich um dreierlei: 
1. darum, daß die Regierung einigen Staatsdienem, die als Landtags¬ 
abgeordnete gewählt worden waren, den zur Ausübung ihres Mandats 
nötigen Urlaub versagte, 2. um ein Manifest, das der Großherzog 
ohne Gegenzeichnung seiner Minister an das Volk erlassen hatte, 
und 3. um die Wahlreskripte der Regierung. Es war unmöglich, daß 
sieh unter solchen Verhältnissen die Partei der bedingten Gefolgschaft, 
die sogenannte Wintersche Mitte, als Mittelpartei halten konnte: 
sie zerschellte am 17. Juli 1841®. Dadurch wurde der Gegensatz 
zwischen ministerieller und oppositioneller Partei immer deutlicher. 
Die politisch-rechtlichen Anschauungen, die den Ausführungen der 
liberalen Opposition der Landtage von 1841—43 zugrunde liegen, 
entsprechen den Überzeugungen, die schon früher vorgetragen 
worden sind. Die Betonung des Gesamtwillens des Volkes, die ver¬ 
langte Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung, die als öffentliche 
Wahrheit schlechthin bezeichnet wird, ist nichts Neues und hält sich 
innerhalb der Grenzen jener Auffassung vom konstitutionellen Staate, 
wie sie sich die Liberalen hauptsächlich auf Montesquieus und 

1 Vergl. Ruckstuhl, Der badische Liberalismus und die Verfassungs¬ 
kämpfe 1841/43, Seite 19 f. 

8 Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. J&hrh., Band IV, 
Seite 298 ff., 309, 599 f., 601 f. 

* B. L. V. 1842, II. K., II, 131 ff., besonders Abstimmung auf Seite 197. 


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Rousseaus Grundlagen gebildet hatten 1 . Auch der schon von Anfang 
an vertretene Gedanke, daß die Kammer in ihrer Anteilnahme an 
der gesetzgebenden Gewalt durchaus souverän sei 2 , wurde in diesen 
Debatten lebhaft verteidigt. Wenn die Opposition ferner eine Ver¬ 
fassungswidrigkeit darin erblickte, daß der Großherzog in seinem 
Manifest, dem die Gegenzeichnung der Minister mangelte, in dem 
Streit zwischen Kammer und Ministem richterlich entscheiden wollte, 
so erklärt sich dies aus der gleichfalls früher vertretenen Rechts- 
.auffassung, die die Liberalen mit Montesquieu verband: der Fürst 
darf auf seinem erhabenen Standpunkte nicht Richter sein; die 
Minister sind seine Ratgeber und sind nicht bloß für die Tat, sondern 
auch für den Rat verantwortlich. Sind so in den theoretischen 
Anschauungen keine wesentlichen Veränderungen zu konstatieren, 
so zeigen sich aber in dem politischen Leben außerhalb der Kammer 
in diesen Kämpfen wichtige Fortschritte. Die Wahlkämpfe wurden 
mit Erbitterung geführt; erstmalig wurde das ganze Volk herein¬ 
gezogen, und Fickler wies auf die Bürger und Bauern hin, mit 
deren Hilfe der Sieg des Fortschritts errungen werden müsse*. 
Man war außerhalb der Kammer der Verwahrungen und Proto¬ 
kollerklärungen müde und wollte auch mit nicht verfassungs¬ 
mäßigen Mitteln das Ziel erreichen, und 1842 erklärte man: „Das 
Volk hat ohne Zweifel noch viel mehr und ganz andere Rechte, als 
die in seinen Kammern durch Deputierte vertreten werden und ver¬ 
treten werden können“ 4 . Wie sich die Mitglieder der Opposition 
zu diesen Anschauungen stellten, entzieht sich noch unserer Kenntnis. 
Aber die Bilder der französischen Revolution wiederholen sich auf 
dem badischen Landtage von 1842: die Tribünen des Saales waren 
überfüllt, „Damen saßen auf den Stufen des Präsidentenstuhles, 
andere Gäste mitten im Saale, als Bassermann die anwesenden 
Minister, „die Beamten des Volkes“, zur schuldigen Rechenschaft 
forderte, als die Mehrheit dem Ministerium die verdiente Mißbilligung 
aussprach“ 8 . 

Die folgenden Jahre waren für Baden gleichfalls eine politisch 
stark bewegte Zeit, und die Entwicklung des Liberalismus war eine 
weitgehende Differenzierung, die ebenso deutlich die Ergebnisse 
der Einwirkungen des außerdeutschen Radikalismus und Sozialismus 
wie der herrschenden Teuerung und wachsenden Armut zeigte, die 
infolge von Mißwachs und industriellen Krisen eintraten. Die 
Mannheimer Abendzeitung stellt von ihrem radikalen Standpunkte 
aus gegen Ende des Jahres 1846 (in Nr. 386) die Parteigruppierung 

1 B. L. V. 1841, II. K., II, 139 erklärt Itzstein auf den Angriff des 
Ministers v. Bl. hin: „Wenn ich im Namen des Volkes spreche, so geschieht 
es, weil ich in seinem Namen hier bin“. 

* B. L. V. 1842, IL K, III, 208. 

* VergL Ruckstuhl a. a. 0., 139 f. 

4 Zitiert bei Ruckstuhl a. a. 0., Seite 143. 

s Treitschke a. a. O., B. V, Seite 329. 


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in Baden fest und unterscheidet im liberalen Lager eine rechte Seite, 
eine linke Seite und das Justemilieu. Wörtlich sagt sie unter anderem: 
„Die eigentliche Linke, welche man am besten als Radikalismus 
bezeichnet, wird wohl auch ihre Spaltung nicht vermeiden können, 
wenn die gesellschaftlichen Fragen mehr in den Vordergrund gedrängt 
und die Sozialradikalen von den bloß Politischradikalen getrennt 
werden müssen.“ Schon auf dem Landtage von 1846 eröffneten Struve 
und Genossen einen Kampf gegen die „Kammermandarinen“, gegen 
die „Halben“ und ihren Liberalismus der bloßen Worte, und* 
Hecker wollte das rein bürgerliche Element in der Kammer zur 
Herrschaft bringen durch seine „Motion auf die Unvereinbarkeit 
gewisser Staatsämter mit der Stelle des Abgeordneten“. Der Landtag 
von 1847 nahm unter anderen die schon 1846 erhobenen Anträge 
auf Einführung von Geschwomengerichten und Herstellung der 
Preßfreiheit wieder auf. Es waren keine neuen Ideen und Begrün¬ 
dungen, und Hecker z. B. erklärte 1 : „Mein Preßgesetz ist einfach 
und klar; es ist auch das Preßgesetz der Engländer.“ Aber die Art, 
wie man jetzt von Seiten der Radikalen forderte, war alles weniger 
als entschieden. Kapp z. B. äußerte: „Es ist nicht die allergeringste 
Überhebung, wenn ausgesprochen wird, daß die Preßfreiheit nicht 
erbeten, sondern gefordert und erwartet werden muß. Sie muß im 
Namen der Souveränität unseres Landes, und ich halte die Minister, 
welche dies nicht anerkennen, für Hochverräter an der Selbst¬ 
herrlichkeit unseres eigenen Staates“ 1 . Inbezug auf die politische 
und rechtliche Stellung, die man dem Volke zuweist, äußern sich 
zwar manche Abgeordnete in dem Sinne, daß am Ende die öffentliche 
Meinung des Volkes alles gelten müsse, selbst wenn sie eine irrige 
sei 2 ; manche Ausdrücke und Redeweisen sind auch stark radikalistisch 
angehaucht, ohne daß man eine direkte Abweichung von der her¬ 
gebrachten Theorie feststellen kann; aber von einer wahren Volks¬ 
souveränität im Sinne Rousseaus spricht im Landtage von 1847 
niemand. Kapp 3 redet von den Fürsten als „freien Souveränen“, 
und Hecker verbindet mit seinen Ausdrücken stürmischer Forderung 
doch stets Anreden für den Großherzog wie „du, souveräner Herr“ 4 . 
Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß alle diese Männer, 
die ihre republikanischen Wünsche wie Hecker auf der Heidelberger 
Versammlung vom 5. März 1848 unverhüllt aussprachen, im Stillen 
nicht vielleicht anders dachten. Nur festgestellt soll damit werden, 
was Schöchlin gleichfalls behauptet: daß der Radikalismus im 
Landtag bei weitem nicht so wild und rücksichtslos auftritt wie 
außerhalb der Kammer 6 , daß er den vorhandenen Bruch in der 

1 B. L. V. 1847/48, H. K., Seite 183. 

* Seite 328. 

3 B. L. V. 1847/48, H. K., Seite 176. 

* Seite 155 f. 

6 Schöchlin, Gesch. des Großherzogtums Baden unter Leopold, 
Seite 346. 


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71 — 


Kammer noch überdecken will. Dazu wird man um so mehr 
gezwungen, wenn man wahrnimmt, daß bei der Beratung der Adresse 
an den Großherzog am 18. Dezember 1847 der Satz von der Achtung 
des Eigentums und der Bekämpfung der unklaren und unpraktischen 
Theorien „ohne Erinnerung“ angenommen wird 1 2 und Hecker kurz 
darauf ein wissenschaftlich gefärbtes Bekenntnis zum Sozialismus 
ablegt, woraus man — das ist für unsere Frage wichtig — schließen 
muß, daß die sozialistischen Gedanken Heckers zu Rousseau in 
keiner nahen Beziehung stehen*. Die Bewegungen im Volke werfen 
ihre Schatten auch auf die Verhandlungen der Kammer. So führt 
der liberale Staatsrat Beck aus 3 : „Ich bin überzeugt, daß es wenige 
im Lande geben wird, die nicht in der jetzigen bewegten Zeit das 
Bedürfnis fühlen, daß man allgemein wachsam sei und mit allem 
Nachdruck darauf hinwirke, daß nichts geschehe, was die Staats¬ 
ordnung oder gar das Eigentum stürzt. Vor einem halben Jahre 
haben viele mit großer Bangigkeit die vielfachen Umtriebe in dieser 
Hinsicht wahrgenommen. Zur Zeit der Not selbst ist zwar bei uns 
.... die Staatsordnung aufrecht erhalten worden, aber an Versuchen 
sie umzustoßen . . ., hat es nicht gefehlt. Ich könnte nicht nur ein 
Dutzend, sondern 100 von Broschüren zeigen, worin die offene 
Tendenz diese war, und auch Handlungen einzelner bezeigen, die 
jenen Broschüren Folge zu geben versuchten . . .“ Der Abgeordnete 
v. Soiron suchte zwar darzutun, daß diese Broschüren eine ganz 
geringe oder nur verfehlte Wirkung ausgeübt hätten 4 ; aber in der 
Diskussion der Dreifabrikenfrage am 15., 27. und 28. Januar 1848 
traten die Schlagwörter des Radikalismus und Sozialismus deutlicher 
auch in der Eiammer hervor. 

Doch damit haben wir die Grenze des Zeitabschnittes erreicht, 
den wir betrachten wollen. In aller Kürze sei festgestellt, daß sich 
im badischen Liberalismus von 1831 bis 1847 im wesentlichen die 
rechtsphilosophischen und verfassungspolitischen Anschauungen 
wiederholen, die die vorhergehende Periode kennzeichnen. Nur gegen 
Ende des Abschnittes treten neue und zwar sozialistische Elemente 
neufranzösischen Ursprungs zu dem alten Bestände liberaler An- 

1 B. L. V. 1847/48, H. K, Seite 115 f. 

2 Seite 120 f.: „Was heißt Sozialismus T Es heißt Urtrieb und » 
Praktisohmachung des Urtriebs, der in dem Menschen liegt, durch Zu¬ 
sammentragung des Stoffes und Vereinigung, Vergesellschaftung der 
vereinzelten Kräfte zur möglichst ebenmäßigen Wohlfahrt aller. .... 
Man kann mir nicht zumuten wollen, daß ich die einzelnen Institutionen 
benenne, die der Staat ins Leben rufen soll. Aber eins will ich bezeichnen: 
erwecke man in den Gewerben den großen Gedanken der Assoziation, 
sage man den Handwerkern: Bringt euere kleinen Kapitalien zusammen» 
verbindet euch in Genossenschaften . . ., schafft das Rohmaterial euch 
gemeinschaftlich an, und bezieht den Gewinn zusammen, den der einzelne 
bei Anschaffung der Rohmaterialien nicht ziehen kann.“ 

* B. L. V. 1847/48, Seite 128. 

4 Seite 132. 


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Behauungen hinzu. Die Parteientwicklung seit 1830 wird haupt¬ 
sächlich bestimmt durch das Verhältnis, in das die Abgeordneten 
Theorie und Praxis zueinander setzen, und der Radikalismus tritt 
notwendig in dem Augenblick hervor, wo Liberale ihre rechts¬ 
philosophischen Theoreme unverkürzt verwirklichen wollen. In 
den Kammerverhandlungen bis zum Jahre 1847 zeigt sich der 
Radikalismus allerdings und zwar wahrscheinlich mit Absicht nicht 
mit so entschiedener Offenheit wie außerhalb des Landtages. Dabei 
sind es mehr die Grundgedanken Rousseauschen Ursprungs als die 
Ideen Montesquieus, die der radikale Liberalismus realisieren will. 
Damit hängt es auch zusammen, daß der Radikalismus außerhalb 
der Kammer über die mildere Naturrechtslehre Rottecks hinaus 
und zur reinen Lehre Rousseaus wieder zurückgeht. Um diese 
Unterschiede noch schärfer zu fassen, bedarf es einer eingehenden 
Untersuchung vorwiegend der Lehre Rottecks. 


8. Kapitel. 

Die politischen Anschauungen Karl v. Rottecks. 

Im Interesse des Nachweises der literarischen Abhängigkeit 
Rottecks ist es nicht unnötig zu wissen, daß Rotteck als Kind 
einer französischen Mutter das Französische von früh auf geläufig 
sprach, 1 in seinen Universitätsjahren mit fast „schwärmerischer 
Liebe“ an Rousseau hing. Neben seinen Rechtsstudien las er eifrig 
englische, französische und italienische Schriftsteller, und „Montes¬ 
quieus Geist der Gesetze und Rousseaus Contrat social wurden wieder¬ 
holt von ihm gelesen und durchdacht“. 2 * Statt sich die pedantischen 
Kathedervorträge seines Naturrechtslehrers anzuhören, zog Rotteck 
„es meist vor, zu Haus den Kant zu studieren“ und „rühmend an¬ 
erkennt er jederzeit die hohen Verdienste, die sich Kant um den 
Ausbau der Wissenschaft des Naturrechts, namentlich durch die 
Einführung formeller Prinzipien in die Rechtslehre .. . erworben hat“. 
Kants Stellung zur französischen Revolution ist bekannt, und so ist 
es nicht bloß der Einschlag französischen Blutes in Rottecks Adern, 
was ihn die Grundsätze der französischen Revolution loben ließ. 
„Die französische Revolution erschien ihm damals als die Kriegs¬ 
erklärung des ins Bewußtsein des Menschen getretenen, mißhandelten 
natürlichen oder vernünftigen Rechtes . . . gegen das ihm wider¬ 
strebende historische Recht“ 8 , und „die neueste Geschichte Frank¬ 
reichs, besonders der konstituierenden Nationalversammlung galt 
ihm als Kommentar bei seinen vemunftrechtlichen Studien“. Prüfen 
wir die Haltbarkeit dieser Zitate aus der Biographie Rottecks, die 


1 Rotteck, Nachgelassene Schriften, Band IV, Seite 5, 28 u. 8f. 

2 Seite 31, 59 u. 90. 

* Seite 4 und 34. 


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dessen Sohn dem Vater zum Ruhme und den Bürgern der Nachwelt 
zum Vorbild geschrieben hat. 

Wie Rousseau geht Rotteck aus von dem Elend und der Hilf¬ 
losigkeit des isolierten Naturmenschen, der nicht imstande ist, sich 
gegen die Feindseligkeit der Elemente zu schützen, und deshalb nach 
der Vergesellschaftung mit seinesgleichen strebt. Aber die durch das 
Bedürfnis zusammengeführten Menschen veruneinigen sich sofort 
infolge ihrer Selbstliebe, und gleich Hobbes malt Rotteck das Bild 
von dem Vernichtungskriege aller gegen alle 1 * 3 . Daher ist die Ein¬ 
führung einer Gesellschaftsordnung dringend geboten. Hierbei ist 
für die Auffassung Rottecks seine Unterscheidung charakteristisch, 
daß das Verlangen des Menschen nach Freiheit nicht bloß sinnlich, 
sondern auch vernünftig ist. Während nämlich das sinnliche Ver¬ 
langen nach unbeschränkter Freiheit strebt, erkennt die Vernunft in 
der unbeschränkten Freiheit aller einen inneren Widerspruch 8 und 
stellt deshalb die Aufgabe, die Freiheit zu beschränken durch eine 
Regel, welche den Freiheitsgebrauch jedes einzelnen mit der Freiheit 
aller anderen in Harmonie hält, um den Friedenszustand zu kon¬ 
stituieren. „Das Recht ist nichts anderes als die jene Idee (Harmonie 
der äußeren Freiheit aller) verwirklichende (oder die zum Zwecke solcher 
Verwirklichung aufgestellte oder aufzustellende) Regel selbst,“ 8 
und das vernünftige Prinzip für das Recht, d. h. die reine vernünftige 
oberste Rechtslehre, besteht in dem formalen Gesetz der Überein¬ 
stimmung mit sich selbst, in der Vermeidung jedes logischen Wider¬ 
spruchs. An der Hand bloß des allgemeinsten Selbstbewußtseins und, 
wie Rotteck ausdrücklich sagt, des gesunden Menschenverstandes 
will er den Inbegriff des obersten Rechtssatzes auffinden und alles 
positive Recht daraus ableiten. Nicht juristisch, sondern philo¬ 
sophischwill er das Recht begründen, aber nicht so sehr nachRousseaus 
Art, sondern nach dem formalen Prinzip innerer Übereinstimmung, um 
dessen Einführung in das Naturrecht Kant sich verdient gemacht hat. 

Das oberste Rechtsprinzip, die innere Übereinstimmung, gilt 
wie die Mathematik an sich auch ohne Anerkennung von seiten der 
Menschen; aber es genügt nicht für sie. Was das natürliche Recht 
noch nicht bestimmt hat oder was unbeschadet dem Vemunftrechte 
durch Rücksichtnahme auf gegebene Bedingungen auf mehr als eine 
Weise bestimmbar ist, das muß das positive Recht festsetzen. Posi¬ 
tives Recht erhält aber Rechtsgültigkeit erst durch den consensus 
omnium 4 , setzt also den Staatsvertrag voraus. 

Mit Rousseau st imm t Rotteck darin überein, daß er als Rechts¬ 
grundlage der Gesellschaft nur einen Vertrag aller mit allen annimmt. 5 

1 Rotteck a. a. O., Seite 4. Lehrbuch des Vemunftrechte, Seite 47. 

* Art. „Naturrecht“ im Staatslexikon, Band IX, Seite 166. 

3 Seite 169. t 

4 Nachgelassene Schriften IV, Seite 236; St. L. XI, Seite 172. 

4 Lehrbuch d. V. I, Seite 291 f. 


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Dieser Akt der Vereinigung ist „hinreichend und zugleich identisch 
mit dem Akt der Unterwerfung unter den Gesamtwillen, also auch 
unter dessen natürliches Organ, die Majorität. Wenn neuerdings 
Wahl behauptet hat, daß nach Botteck im Augenblick der Ver¬ 
einigung die Machtvollkommenheit des Gesamtvereins in die Hände 
des Fürsten gelegt wird und so nach Bottecks Lehre durch einen 
einzigen Vertrag mit dem Staate zugleich auch der konstitutionelle 
König entstehe wie bei Hobbes der absolute Monarch, so hat Wahl 
weder die scharfe Unterscheidung Bottecks zwischen natürlichem 
(Majorität der Vertragschließenden) und künstlichem Organ (ein¬ 
gesetzte Begierung) des Gesamtwillens beachtet, noch die ausdrück¬ 
liche Bemerkung Bottecks: „Zwar können die Gründer der Gesell¬ 
schaft unter sich noch weitere Verträge schließen, insbesondere über 
die Aufstellung eines künstlichen Organs des Gesamtwillens . . . ; 
aber alle diese Verträge sind nicht zum Wesen der Gesellschaft ge¬ 
hörig“, weil die Aufstellung eines künstlichen Organs innerhalb der 
Gesellschaft nicht imbedingt nötig ist 1 . 

Wie ersichtlich, arbeitet Botteck ebenfalls mit dem Begriff des 
„Gesamtwillens“ und setzt ihn auch in Gegensatz zu dem „Willen 
aller“. Aber bei Botteck spielt dieses Gegensatzpaar nicht die be¬ 
deutende Bolle wie in Bousseaus Bechtsphilosophie, weil Botteck 
mit diesem Begriff nicht denselben Sinn verbindet wie Rousseau 2 . 
Besonders in bezug auf den Gesamtwillen scheidet Botteck einige 
„Grundirrtümer Bousseaus“ aus. Nach Botteck begründet der 
Wille aller die Gesellschaft, und der Gesamtwille beherrscht sie. Der 
Gesamtwille ist „der innerhalb der durch den aufgestellten Gesell¬ 
schaftszweck bezeichneten Sphäre und in der durch die Sozietäts¬ 
pflicht im allgemeinen bestimmten Bichtung sich äußernde Wille der 
Vereinigten“, und zwar die unter den Mitgliedern „zusammenge¬ 
nommen vorherrschende Bichtung“, und als solcher ist er der Wille 
der Majorität 8 . Der Gesamtwille ist also der gemäß den in der Bechts- 
organisation der Gesellschaft geltenden Gesetzen zustande gekommene 
Wille der Mehrheit mit Beziehung auf den Staatszweck und auf die 
zu dessen Verwirklichung nötigen Mittel. In anderen Umschreibungen 
des Wesens des Gesamtwillens legt Botteck den Wert auf den Inhalt, 
den alle in der Eigenschaft als Gesellschaftsglieder zu wollen rechtlich 
verpflichtet sind 4 . Aber auch mit Bezug auf diesen gibt Botteck 
ein wesentliches Merkmal der volonte generale preis, die sich nach 
Bousseau ausschließlich mit Dingen beschäftigen soll, die für die Ge J 
Seilschaft als Ganzes gelten. Bottecks Gesamtwille darf auch im 
„Einzelnen“ d. h. „unmittelbar verfügend“ Beschlüsse fassen 8 . In-« 
folge der überwiegenden Betonung des Inhalts legt Botteck keinen 
großen Wert darauf, daß bei der Abstimmung alle Stimmen der Ge- 

1 Wahl, Hist. Zeitsohr., Band 3 L. d. V., I, Seite 282. 

104, Seite 684 f. 4 L. d. V., I, Seite 284. 

2 L. d. V., II, Seite 211. 6 L. d. V., V, Seite 290. 


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sellschaftsglieder gezählt werden; ja er schließt die Stimmen der¬ 
jenigen Mitglieder von der Teilnahme an der Beschlußfassung aus, 
welche entweder aus Mangel an Erkenntnis oder wegen persönlicher 
Befangenheit durch allzu naheliegendes Interesse nicht fähig oder 
nicht geeignet sind, im Sinne der Vereinigung zu wollen. „Die Ge¬ 
sellschaft bildet ihren Gesamtwillen bloß durch die Meinungen der 
Befähigten und Unbeteiligten“ 1 . Mit dieser Auffassung gibt Botteck 
aber nicht bloß den innersten Kern des Bousseauschen Begriffs vom 
Gesamtwillen auf, sondern verläßt auch damit bewußt die gesamte 
Grundlage des Bousseauschen Systems. Da Rousseau ganz auf der 
egoistischen Natur des Menschen basierte, sollte jeder von allen, 
indem er für sein Privatinteresse stimmte, zugleich für das Wohl 
aller stimmen. Diese im Subjekte liegende Tendenz ließ sich ohne 
politische Nachteile nicht auf andere Individuen übertragen. Damit 
war die Unveräußerlichkeit und Unteilbarkeit der Volkssouveränität 
gegeben. Indem Botteck den Schwerpunkt seines Systems in das 
Sachliche verlegt und erfahrungsmäßig feststellt, wie unverständlich 
für manche Gesellschaftsglieder der Inhalt des Gesamtwillens ist, 
spricht er absichtlich nur von einem „idealen Gesamtwillen“, und 
die Bezeichnung rechtfertigt er durch die Auffassung, daß der Inhalt 
des Gesamtwillens, den die Mehrheit der gebildeten und besitzenden 
Staatsbürger will, zugleich von allen anderen Staatsbürgern gewollt 
werden würde, wenn sie gleich gebildet und gleich unbefangen Wären, 
Dieser ideale Gesamtwille ist in letzter Beziehung für Botteck der 
vollberechtigte Souverän*. Sein Organ kann nach dem Voraus¬ 
gehenden nur der Mehrheitswille der Stimmfähigen sein, und dieser 
Mehrheitswille spielt unter dem Namen „natürliches Organ des 
idealen Gesamtwillens“ in Bottecks System dieselbe Bolle wie 
in Bousseaus Lehre die Volkssouveränität. Aber dieser Unterschied 
ist nicht bloß ein terminologischer, sondern „Volkssouveränität im 
demagogischen Sinne“ ist eben für Botteck „ein Unding“. Durch 
den Vereinigungsvertrag wird nach Botteck die Gesellschaft ge¬ 
schaffen; aber sie bekommt nicht durch ihn ihre Verfassung 3 . Wohl 
aber hat das natürliche Organ die zur Erreichung des Gesamtwillens 
nötigen Mittel zu bestimmen und anzuwenden, von denen das wich¬ 
tigste die Aufstellung einer Begierung ist. Botteck bemerkt, daß 
es „von unermeßlich verschiedener Bechtswirkung ist, ob man die 
Verfassung der Gesellschaft von einem Vertrage oder von einem 
Gesetze ableitet“ 4 . Im erstgenannten Falle wird die Verfassung 
ebenso fest begründet wie die Gesellschaft selbst; denn kein Vertrags¬ 
recht kann trotz größtmöglicher Majorität einem Kontrahenten 
ohne seine Einwilligung entzogen werden. Dagegen genügt zur Auf¬ 
hebung der durch den Gesetzgebungsakt konstituierten Verfassung 
der einfache Mehrheitsbeschluß. Mit diesem Gradunterschied der 

1 L. d. V., I, Seite 285. * L. d. V., H, Seite 93. 

* L. d. V., n, Seite 10. 4 L. d. V., I, Seite 292. 


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Rechtsverbindlichkeit verknüpft Rotteck zugleich einen Unter¬ 
schied des Rechtsinhaltes. Durch das natürliche Organ der Gesell¬ 
schaft können nämlich nach Rotteck entweder Beamte oder Häupter 
der Gesellschaft eingesetzt werden. Der Beamte erscheint gegenüber 
der Gesellschaft als Bevollmächtigter, gegenüber dem einzelnen als 
Oberhaupt 1 ; aber sein Auftrag kann widerrufen werden. Der als 
Oberhaupt Aufgestellte dagegen erhält die Gewaltführung nicht 
aufgetragen, sondern übertragen, d. h. die Gewalt wird an ihn ver¬ 
äußert. Diese Machtentäußerung kann von der Gesellschaft als ein 
notwendiges oder doch höchst nützliches Mittel zur größeren Sicher¬ 
heit durch das rechtliche Band eines Vertrages befestigt werden. Da¬ 
durch bekommt die Regierung ein selbständiges Recht des Befehls 
und darf sich innerhalb der Sphäre dieses Rechts auch dann behaupten, 
wenn sich der Mehrheitswille geändert hat. So gibt es eine ganze Reihe 
von Möglichkeiten, eine Regierung zu konstituieren, und eine ebenso 
große Zahl von möglichen Rechtsformen. Rotteck repräsentiert 
in dieser Frage der Aufstellung von Regierungen eine Synthese ver¬ 
schiedener Naturrechtsanschauungen früherer Tage. Darunter fehlt 
nicht die Beauftragung des Fürsten mit den Regierungsgeschäften 
durch das völlig souverän bleibende Volk im Sinne Rousseaus. Aber 
Rotteck kann vom Standpunkt seiner Theorie aus auch im Gegen¬ 
satz zu Rousseau anerkennen, daß ein Vertrag zwischen der Gesamt¬ 
heit und einem fürstlichen Oberhaupte geschlossen wird, an das mit 
voller Rechtskraft die Gewalt veräußert wird. Auch der Beamten¬ 
vertrag des Althusius kehrt bei ihm wieder. Nur eine Übertragung 
der Gewalt im Sinne Hobbes ist um deswillen für Rotteck ausge¬ 
schlossen, weil die unbeschränkte Despotie mit den Bedingungen des 
ursprünglichen Gesellschaftsvertrages logisch unvereinbar ist 2 . Es 
„bleibt vemunftrechtlich, wenn auch nur ein künstliches Organ des 
Gesamtwillens aufgestellt ist, das natürliche dennoch immer von 
rechtlicher Bedeutung, d. h. es bleibt auch nach aufgestellter 
Regierung dasVolk ... immer als Persönlichkeit, und zwar als politische 
Gesamtpersönlichkeit, bestehen,“ und immer muß deshalb auch 
nach Aufstellung der Regierung das natürliche Organ Freiheit genug 
behalten, um die etwaigen Abweichungen dessen, was nachAnschauung 
des künstlichen Organs als Gesamtwille gelten soll, von dem, was 
in Wahrheit Gesamtwille ist, durch Widerspruch juristisch erkennbar 
zu machen 8 . 

Damit mm der ideale Gesamtwille über die Vorteile und Nachteile 
der verschiedenen Rechtsmöglichkeiten politischer Einsetzungen unter¬ 
richtet wird, „dazu untersucht die Staatswissenschaft die Natur 
und die Wesenheit, sowie die Wirkungen der verschiedenen Ver¬ 
fassungen“ 4 . Uber seine Methode in dieser Untersuchung spricht 
sich Rotteck ganz im Sinne Montesquieus aus; sie ist mehr politisch 

1 L. d. V., I, Seite 294. • L. d. V., II, Seite 126. 

2 L. d. V., Band II, Seite 100. 4 L. d. V., II, Seite 183. 


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als streng rechtlich und muß größtenteils aus der Erfahrung und 
Geschichte ihre leitenden Grundsätze entnehmen; „denn es handelt 
sich von den notwendigen oder natürlichen oder möglichen Wir¬ 
kungen dieser oder jener positiven Einsetzung auf diese oder jene 
Menschen oder Menschenklassen, in diesen oder jenen Verhältnissen, 
mit oder ohne Zusammenhang mit andern Einrichtungen, Gesetzen, 
Sitten, selbst mit dem Klima, Boden und anderen physischen Ur¬ 
sachen, mit der Zahl des Volkes, mit seiner vorherrschenden Be¬ 
schäftigung oder Ernährungsweise usw. . .“ 1 * * Wenn Botteck in 
diesem Sinne nach Montesquieus Methode seine „Konstitutionslehre“ 
aufbaut, so ist nicht zufällig, daß er dabei Rousseaus methodischer 
Forderung genügt, die dieser in seiner summarischen Kritik über 
Montesquieu ausgesprochen hat*. Botteck untersucht nämlich 
prinzipiell die historisch gegebenen Staatsformen, um ihre Überein¬ 
stimmung oder Nichtübereinstimmung mit dem Prinzip des Natur¬ 
rechts auszumitteln, und dieser oberste Grundsatz allgemeinster 
Art, an dem er alles Empirische mißt, lautet: „Keine Verfassung ist 
rechtlich, als welche die Herrschaft des allgemeinen Willens her¬ 
stellt . . . Jede Verfassung ist in dem Sinne mehr oder weniger 
unrechtlich oder rechtlich, als sie von jenem Ideal sich entfernt 
oder demselben sich nähert“ 8 . 

Ehe Botteck zur bequemeren Übersicht über die Staatsformen 
diese nach äußeren und inneren Gesichtspunkten einteilt, setzt er 
sich erst mit den Einteilungsarten älterer und neuerer Staatsrechts¬ 
politiker kritisch auseinander. Hierbei zeigt sich, daß Botteck in 
„Aristoteles’ Büchern“ aufs genaueste bewandert ist, und wie dem 
alten Griechen gegenüber, so nimmt er auch kritisch Stellung zu 
Montesquieus Einteilung. An ihr tadelt er nicht bloß die für jede 
der vier Regierungsformen aufgestellten Prinzipien; sondern er 
weist auch der Despotie eine andere Stellung an, nämlich die Gegen¬ 
satzstellung zur Republik im allgemeinen. Auffällig aber ist, daß 
Botteck bei dieser Gelegenheit Rousseaus nicht gedenkt, obwohl 
er in ergänzender Kritik der Republik Rousseaus die unberechtigte 
Despotie gegenüberstellen konnte; sondern daß er sich in bezug 
auf die Verbesserung der Einteilung Montesquieus in Übereinstimmung 
weiß mit Kant, der „mit der den Meister bezeichnenden Kühnheit 
alle Verfassungen mit Verwerfung jeglicher früheren Einteilungsweise 
unter die beiden Hauptbegriffe Despotie und Republik gebracht, 
einen wahren Unterschied bloß darin erkennend, ob in einem Staate 
die Freiheit . . . oder die Knechtschaft herrsche“ 4 . Trotzdem glaubt 
Rotteck auch das Gegensatzpaar Kants durch Hinzufügung der 
Anarchie zu einer Dreiteilung vervollständigen zu müssen. 

1 L. d. V., H, 184. 

* Emile (Ausgabe Reolam) II, Seite 498 f. 

8 L. d. V., H, Seite 185. 

4 L. d. V., H, Seite 188. 


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Botteck selbst hat die Staatsverfassungen nach vier Gesichts¬ 
punkten eingeteilt, und zwar zuerst „nach der Personifikation“ in 
monarchische, aristokratische und demokratische Begierungsformen; 
nach der Form der Übertragung der Gewalt in konstitutionelle und 
absolute, je nachdem die Herrschaft dem künstlichen Organ 
„beschränkt oder unbeschränkt, geteilt oder ungeteilt, mit oder ohne 
Vorbehalt vom Volke übertragen“ worden ist. Die weitere Verteilung 
nach inneren Gesichtspunkten bezieht sich zunächst auf die Güte 
oder Verwerflichkeit in dem oben gekennzeichneten Sinne, und 
schließlich teilt er die Verfassungen nach ihrer „Haltbarkeit“ in 
gewährleistete und nicht gewährleistete ein. — Welches ist nun 
Bottecks Idealverf assung ? 

Die „Idee einer guten Verfassung besteht darin, daß — wer 
immer Begent oder Souverän sei, — doch nur der allgemeine Wille 
regiere, niemals aber ein Privatwille.“ Nach diesem Kriterium 
sind die Despotie und die absolutistischen Begierungen verworfen, 
und es ist „evident“: „Nur die Bepublik ist gerecht; nur die Bepublik 
ist gut“ 1 . „Welche Verfassung zwar der oben bestimmten Idee 
ausdrücklich oder stillschweigend huldigt, auch deren Bealisierung 
durch positive Einsetzungen erstrebt, aber nicht auf die bestmögliche 
Weise, dieselbe ist mehr oder weniger unpolitisch“ 2 . 

Für Botteck sind in dieser Frage psychologische Erfahrungen 
über das natürliche und künstliche Organ des Gesamtwillens aus¬ 
schlaggebend. Im Gegensatz zu Rousseau, dessen allgemeiner Wille 
beständig der richtige ist und stets auf das allgemeine Beste abzielt, 
mangelt nach Botteck dem natürlichen Organ nicht selten die 
Lauterkeit der Gesinnung 3 . Aber auch das künstliche Organ hat 
nicht immer Interesse und Bichtung mit dem idealen Gesamtwillen 
gemein. Gar oft setzt sich die Regierung in Gegensatz zur Gesamtheit. 
Deshalb kann unter Berücksichtigung der psychologischen Er¬ 
fahrungen „nur jene Verfassung echt republikanisch sein, worin eine 
Teilung der Gewalt zwischen einer künstlich eingesetzten Regierung 
und dem ursprünglichen Souverän, d. h. dem Volke besteht und 
jedem von beiden so viel und nichts mehr zugeteilt ist, als nach 
theoretischen und Erfahrungsprinzipien von jedem gut verwaltet 
werden mag“ 4 . So kommt Botteck, indem er die Lehre von der 
unveräußerlichen und imteilbaren Volkssouveränität aufgibt, not¬ 
wendig zur Forderung der Gewaltenteilung. Trotz der allgemeinen 
Anerkennung, die Montesquieus „politisches Dogma“ allgemein 
gefunden hatte, kann Botteck ihr nicht vorbehaltlos zustimmen. 
„Schwankend und selbst unrichtig ist Montesquieus Begriffe¬ 
bestimmung von diesen Gewalten.“ Montesquieus Begriff der gesetz- 

1 L. d. V., H, 209. 

3 L. d. V., H, Seite 183. 

» L. d. V., H, Seite 92, 126 f., 99. 

4 L. d. V., H, Seite 210. 


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gebenden (Jewalt und des Gesetzes ist zu allgemein, und es gibt zu 
Mißverständnissen und verschiedenen Auslegungen Raum 1 . Rotteck 
versteht unter Gesetz in weitester Bedeutung „jede von der Staats¬ 
gewalt ausgehende Bestimmung, welche in abstracto oder im all¬ 
gemeinen, d. h. nach Begriffen gemacht ist“. Das Gesetz stellt nach 
Rousseaus Auffassung eine Regel auf, nach welcher die Administration 
handelt. Aber in konkreten Fällen „muß die der Gesetzgebung zur 
Seite stehende (Jewalt“ selbsteigene Verfügung treffen, und um¬ 
gekehrt trägt auch die Gesetzgebung zum Vollzug der Gesetze bei. 
Deshalb will Rotteck „die in konkreten Fällen entscheidende und 
waltende Macht... nicht die vollstreckende, sondern mit allgemeinerer 
Bezeichnung die verwaltende oder administrative Gewalt“ nennen. 
Im besonderen wendet sich Rotteck gegen jede theoretische An¬ 
schauung, nach welcher die Administration zu einer bloßen Schein¬ 
macht herabgedrückt wird. Die Administration wird seiner Meinung 
nach in der Vollstreckung der Gesetze unzuverlässig, oft entgegen- 
strebend sein, wenn sie nicht durch Gesetzgebung ihre Stimme abgeben 
kann. Deshalb sollen an jeder Gewalt mehrere juristische oder 
natürliche Persönlichkeiten teilhaben, und das natürliche Organ 
muß deshalb dem künstlichen von jeder der beiden Gewalten einen 
Teil übertragen, den anderen Teil aber sich selbst Vorbehalten. So 
setzt Rotteck der objektiven Dreiteilung Montesquieus eine 
subjektive Zweiteilung entgegen, eine Teilung in Regierung und Volks¬ 
vertretung. Die dritte Gewalt lehnt er als „nicht selbständige Gewalt“ 
ab; denn „richterliche Gewalt“ ist ihm ein innerer Widerspruch. 
Nach Rottecks Auffassung ist die Justiz, die nur das Recht 
handhabt, nicht aber zu dessen Erkenntnis besteht, „ein Zweig der 
allgemeinen, in Gesetzgebung und Administration zerfallenden 
Staatsgewalt“. Die Rechtsprechung muß selbständig, aber sie muß 
gewaltlos sein. Mag es immerhin scheinen, als ob Rotteck bei diesen 
Ausführungen mit Montesquieu mehr um das Wort ab um die Sache 
kämpft, zugestanden werden muß, daß Rotteck die Theorie der 
Teilung der Gewalt nach den politischen Erfahrungen, die man seit 
Montesquieus Tode gemacht hatte, mehr der Praxis des konstitu¬ 
tionellen Lebens angepaßt hat, und indem Rotteck seine Lehre von 
der Volksrepräsentation auf den bestehenden Staat seiner Zeit an¬ 
wendete, gestaltete er die Verfassung der konstitutionellen Monarchie, 
für die er viel Verehrung und Liebe fühlte 2 , in folgenden Einzel¬ 
zügen aus. 

Träger der Regierung ist die Person des Monarchen, der gegenüber 
dem Auslande der alleinige und vollberechtigte Repräsentant des 
Staates ist. Er ist ab Staatsoberhaupt angetan mit dem Glanze 
der Majestät, bt unverantwortlich und heilig. Die unmi ttelbaren 
Werkzeuge seines Willens, zugleich seine Ratgeber, sind die von ihm 

1 n, 211. 

2 Nachgelassene Schriften IV, Seite 179. 


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selbst ernannten Minister. Als Diener des Königs haben sie doch 
durch das Recht und die Pflicht der Kontrasignatur die allgemeine 
Regierungsgewalt und sind ein wesentliches Glied der Verfassung. 
Auf ihnen lastet die Verantwortlichkeit der Regierung 1 . 

Neben dem künstlichen Organe steht die Volksrepräsentation. Sie 
als das reine natürliche Organ des Gesamtwillens ist zwar nicht 
identisch mit dem Volk, hat aber oft in noch höherem Grade als die 
Landesgemeinde selbst die Eigenschaften, die dem natürlichen 
Organe eignen sollen 2 . Im allgemeinen ist das politische System 
Rottecks ein Einkammersystem, und darin steht er auf natur- 
rechtlicher Grundlage. Der Gesamtwille hat nur ein natürliches 
Organ, und die Einführung von zwei Kammern würde nichts anderes 
bedeuten als die Verdrängung der Natur durch unnötige und schädliche 
Künstelei. Nur in besonderen Fällen, und zwar für den nicht¬ 
monarchischen Staat oder für eine Monarchie mit stark beschränkter 
königlicher Gewalt will Rotteck mit Rücksicht auf die mögliche 
Abirrung der Repräsentation deren Gewalt durch eine Teilung der 
Volksvertretung beschränkt wissen. Die Zusammensetzung der 
normalen, aus einer Kammer bestehenden Nationalrepräsentation 
bestimmt Rotteck im Lehrbuch des Vemunftrechtes ganz im Sinne 
seiner früheren Schrift „Ideen über Landstände“ vom Jahre 1819. 
Es widerspricht seiner Meinung nach die Wiedereinführung der 
Feudalstände mit ihrer Vertretung der Sonderrechte der politischen 
Mündigkeit der westeuropäischen Völker, und er fordert die Volks¬ 
repräsentation durch Abgeordnete, die aus den Urwahlen der stimm¬ 
fähigen Staatsbürger als Deputierte hervorgehen. Im vielgepriesenen 
englischen Unterhause sieht Rotteck nur einen schwachen Anfang 
zu einer wahren Volksrepräsentation, und mit hoher Verehrung 
bezeichnet er als den Vater des modernen Repräsentativstaates den 
„Verfasser der unsterblichen Schrift“ „Qu’est-ce que le tiers etat?“ 

Das rechtliche Verhältnis zwischen der Regierung und der Volks¬ 
repräsentation ist bei Rotteck nicht wie bei Montesquieu aus¬ 
schließlich von dem Gedanken bestimmt, daß die beiden Gewalt¬ 
inhaber sich in gegenseitigem Mißtrauen am Gewaltmißbrauche 
hindern sollen; sondern wenn auch die Möglichkeit unlauterer 
Absichten oder politischer Unfähigkeit auf beiden Seiten nicht 
ausgeschlossen und in wenigen Fällen nachweisbar ist, so soll doch 
das wahre Verhältnis eine „freundliche Vereinigung“, ein sich gegen¬ 
seitiges Unterstützen sein in der Absicht, den wahren Gesamtwillen 
möglichst rein zum Ausdruck zu bringen 3 . 

Zur ständigen Äußerung des Gesamtwillens ist die periodische 
Einberufung des Landtages erforderlich. In den Zwischenzeiten ist 
das natürliche Organ durch einen kleineren Landtagsausschuß ver- 

1 L. d. V., II, Seite 249. 

1 L. d. V., II, Seite 226 u. 273. 

8 L. d. V., II, Seite 240, 126 f.; Art. „Konstitution“ im Staatsl. 


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treten. Die Repräsentation soll in kurzen gesetzlich festgelegten, 
etwa jährlichen Fristen in einer den vorliegenden Arbeiten ent¬ 
sprechenden Dauer tagen. Dem Monarchen kommt das Recht zu, die 
Versammlung nicht nur zusammenzurufen, sondern auch zu vertagen 
und aufzulösen. Im letzteren Falle ist er aber auch verpflichtet, 
innerhalb einer kurzen Frist eine neue Versammlung zu berufen. 
Während Rousseau« versammeltes souveränes Volk niemals durch 
seine Regierungsbeamten aufgelöst werden konnte, berührt sich 
Rotteck in dieser Frage mit Montesquieu, mit dem er des weiteren 
auch in der Annahme mehrjähriger Perioden übereinstimmt. Sein 
politisches System, das nicht auf Hinderung des Gewaltmißbrauches 
gestellt ist, will gleichfalls nicht allen Fortschritt der den politischen 
Tatsachen immanenten Entwicklungskraft überlassen, sondern der 
Regierung das Recht der Initiative ausdrücklich zugestehen 1 . Ferner 
spricht Rotteck auch der Regierung das Recht der Sanktion und 
des Veto zu. Nach seiner Darstellung in der Konstitutionslehre 
erscheint das Vetorecht als absolut; in der theoretischen Staatslehre 
aber bemerkt Rotteck, daß das Vetorecht des künstlichen Organs 
einer Beschränkung bedürfe 2 . Freilich darf hierbei nicht außer acht 
gelassen werden, daß der konstitutionelle König nach Rottecks Lehre 
seine „selbBteigne Gewalt“ nicht durch Gesetz, sondern durch Vertrag 
erhalten hat, also durch einen dreimal wiederholten Gesetzbeschluß 
seiner souveränen Rechte nicht entkleidet werden kann. 

Dem Prinzip der subjektiven Gewaltenteilung entspricht es, daß 
Rotteck der Regierung nicht nur das Recht der Verordnung, sondern 
auch das Recht, provisorische Gesetze zu erlassen, überträgt, letzteres 
unter der Voraussetzung, daß sie der Verfassung nicht widerstreiten 
und nach Motiv und Inhalt vor der nächsten Repräsentations¬ 
versammlung gerechtfertigt zu werden fähig sind 8 . 

Auch der Repräsentation kommen gegenüber der Regierung ver¬ 
fassungsmäßig wichtige Rechte zu. Dazu gehört in erster Linie das 
Recht der Initiative in Gesetzgebungsangelegenheiten, wie auch das 
Recht der Zustimmung, d. h. der Annahme oder Verwerfung von 
Regierungsvorschlägen. An der Administration partizipiert die Volks¬ 
vertretung durch periodische Bestimmung des Staatsaufwandes und 
der Einnahmen, und gerade diese administrative Befugnis des natür¬ 
lichen Organs bewertet Rotteck wie Montesquieu als ein Hauptrecht 
des Volkes. Aber nicht bloß die Geldforderungen sollen ausschließlich 
der Bewilligung derer unterliegen, die sie leisten sollen. Aus noch 
„höherem Grunde sollen die an die Persönlichkeit selbst, an Leib und 
Leben der Staatsangehörigen gerichteten Forderungen, also die 
Truppenaushebungen, demnach auch alles, was solche zur Folge hät 
und haben kann, nämlich Kriegserklärungen, Bündnisse usw. abhängig 

1 L. d. V., n, 216. 

* L. d. V., II, Seite 130. 

8 L. d. V., II, Seite 246 und 232. 

Fickert. g 


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sein von der Bewilligung der Landstände“ 1 . Diese Bewilligung des 
Militäretats und die Entscheidung der Fragen der auswärtigen Politik 
durch die Volksvertretung ist für Rotteck charakteristisch; denn auf 
eine andere Weise glaubt er die „Abschaffung des stehenden Heeres, 
d. h. der wider die Bürger nicht minder als wider den Feind gerichteten 
— erkauften oder gezwungenen — Kriegsknechte“, nicht durchführen 
zu können, und schon 1816 kämpfte er in seiner Schrift „Über stehende 
Heere und Heeresmiliz“ gegen die Stützen des Despotismus und „für 
das System der Landwehr oder der Volksbewaffnung“. Es ist auch 
ein Gedanke, den nicht so schroff Montesquieu im Interesse der 
bürgerlichen Freiheit geäußert hat. 

Wichtig für die Ausübung der dem Landtage zustehenden Rechte 
ist nach Rotteck ferner das Recht, von allem Kenntnis zu nehmen, 
was im Staate vorgeht und auf den Staat selbst Bezug hat. Doch ist 
dieses Recht nicht identisch mit dem unmittelbaren Aufsichtsrecht 
über die Regierung. Selbsteigne Untersuchungsgewalt kommt der 
Vertretung nicht zu; aber die Regierung darf nichts verheimlichen, 
muß ihr auf Verlangen Einsicht in die Staatsakten gewähren, und die 
Rechte der Interpellation, der Anfrage und Beschwerde sind wirksame 
Mittel zur strikten Ausführung dieser notwendigen Befugnisse des 
Landtages. Ist die Hoffnung auf gütliche Ausgleichung des Zwiespaltes 
zwischen dem natürlichen und künstlichen Organ getäuscht, so bleibt 
dem Landtage noch das wichtigste Recht, die Ministeranklage 2 3 . 

Notwendig im Gegensatz zu Montesquieu spricht Rotteck der 
Volksvertretung das Recht des Eingriffs in die Justiz ab. Die rechtliche 
Begründung hierfür ist dieselbe, nach der auch den ordentlichen 
Gerichten die Ministeranklage nicht zur Entscheidung überwiesen 
werden darf. Für diesen Fall fordert Rotteck die Neubildung außer¬ 
ordentlicher Gerichtshöfe nach allgemeinen in der Verfassung fest¬ 
gelegten Prinzipien. Dieser Gedanke Rottecks ist nicht originell. 
Schon die französische Verfassung von 1791 hatte mit Rücksicht auf 
das eingeführte Einkammersystem sich auf diesen Ausweg abgedrängt 
gesehen. Im besonderen bestimmt Rotteck, daß die Mitglieder dieses 
Gerichtshofes durch das Volk direkt gewählt werden. Die Strafen, 
die die Minister treffen können, sind innerhalb bescheidener Grenzen 
gehalten; es sind die Amtsentlassung, die Entlassung ohne Gewährung 
des Gehalts, und nur in schwereren Fällen dürfen Gefängnisstrafen ver¬ 
hängt werden 8 . Wird der angeklagte Minister freigesprochen, so hat 
•trotzdem die Regierung nicht das Recht, gegen die Ankläger gericht¬ 
lich vorzugehen; denn die Volksabgeordneten sind innerhalb der 
Sphäre parlamentarischer Tätigkeit unverantwortlich. Hinsichtlich 
der Rechtsverfolgung in nicht politischen Sachen sind sie während der 


1 B. L. V., H, 255. 

* L. d. V., H, Seite 258. 

3 B. L. V., II, Seite 262 und 256. 


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Session nach besonderem Beschluß des Landtages gleichfalls imm un 1 
Auch diese Bestimmungen bedeuten eine weitere Ausgestaltung dessen, 
was Montesquieu in seiner Verfassung Englands geboten hatte. 

Wie hinsichtlich des politisch-rechtlichen Verhältnisses zwischen 
Regierung und Volksvertretung, so hat Botteck auch mit Bezug auf 
das Verhältnis zwischen Parlament und Volk in vieler Beziehung von 
Montesquieu abweichende Gedanken. Botteck kennt das Referen¬ 
dum, wenn auch nur für den Fall der Verfassungsänderung, und die 
Vollmacht der Abgeordneten ist möglicherweise durch Instruktionen 
bestimmt und mit Verantwortlichkeit verknüpft, wenn auch letztere 
mehr moralischer Natur ist und die politische Strafe ausschließlich 
durch Nichtwiederwahl vollzogen wird. Ferner verfügt das Volk auch 
über das Recht der Petition und Beschwerde an den Landtag. Dieses 
Recht ist der einzig mögliche Weg, sich gegen die Rechtsübergriffe, 
der Staatsgewalt zu verteidigen; denn gewalttätiger Widerstand gegen 
die Regierungsorgane ist nicht gestattet, im Gegenteil wird „un¬ 
bedingter“, wenn auch nicht „blinder“ Gehorsam gefordert. Der 
Gedanke, der dieser Unterscheidung zugrunde liegt, besagt, daß 
Unrecht zurückgewiesen werden muß, aber nicht anders als auf recht¬ 
lichem Wege; denn „die Erhaltung der Konstitution und aller kon¬ 
stitutionellen Formen ist ja das höchste und reinste Gesamtinteresse“*. 

Die vorgetragenen Anschauungen Rottecks kehren auch in anderen 
Schriften und Abhandlungen wieder, und auch seine wissenschaftlich 
gehaltenen Landtagsberichte haben denselben Inhalt und dasselbe 
Gepräge. Damit soll nicht geleugnet werden, daß sich manche Einzel¬ 
heiten in Rottecks Anschauungen im Laufe der Zeit, wenn auch in 
geringem Maße, geändert haben. Die angeführten Ansichten werden 
darum genügen, um ein Urteil über das literarische Abhängigkeits¬ 
verhältnis von Montesquieu und Rousseau zu tragen. 

Die unbedingte Hochschätzung der englischen Verfassung, die 
bezeichnend ist für Montesquieu, hat Rotteck stark herabgedrückt 
„zu einem Lobe, daß man ihr nur dann zollen kann, wenn man sie 
vergleicht mit einem verfassungslosen Zustande oder mit einer durch¬ 
aus schlechtenVerfassung“ 8 . Sie ist nun einmal „nicht dasWerk der 
freischaffenden Vernunft“, sondern „ein Erzeugnis der Begeben¬ 
heiten“ und daher „Stückwerk“. Diese Würdigung der englischen 
Verfassung enthält in sich alle Unterschiede und Übereinstimmungen 
Rottecks mit Montesquieu. Deshalb setzt Rotteck der objektiven 
Dreiteilung die subjektive Zweiteilung entgegen und bestimmt deren 
Wechselverhältnis im Sinne freundlicher Vereinigung. Daraus ergeben 
sich feinere Abweichungen in bezug auf die Ausgestaltung der Ver¬ 
fassung. Die viergliederige Einteilung der Regierungsformen führt er 
zurück auf den Gegensatz von Republik und Despotie, und ebenso 

1 L. d. V., II, Seite 258. 

8 B. L. V. 1819, I. K., Seite 533. 

8 Rotteck, Nachgelassene Schriften II, Seite 97 f. 

6 * 


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verbessert er den vernachlässigten Begriff des Gesetzes. Dabei weicht 
er ab von der Methode Montesquieus, der vielfach nur empirisch 
zusammenrafft, und indem er seine Staatsform naturrechtlich 
begründet, verwirft er Montesquieus Zweikammersystem. 

Rottecks Verhältnis zu Rousseau wird in ähnlicher Weise von der 
Bekanntschaft mit noch anderen Theorien und von der kraftvollen 
Selbständigkeit seines Denkens bestimmt. Mit ihm st imm t er überein 
in der Annahme nur eines Vertrages, durch den auch zugleich das 
natürliche Organ des Gesamtwillens geschaffen wird. Von Rousseau 
übernimmt er ferner überhaupt die Idee des Gesamtwillens, gestaltet 
sie aber wiederum so stark um, daß sie mit der Idee der VolkB- 
souveränität des Franzosen sehr wenig gemein hat, und tritt Rotteck 
mit noch so energischer Entschiedenheit für den Vertretungsgedanken 
und die Teilung der Gewalt ein, so hält er doch wieder an Rousseau« 
Methoden zu deduzieren fest, und man kann daher sagen, daß 
Rottecks System den Versuch einer naturrechtlichen Begründung 
des Repräsentativsystems mit einer Zweiteilung der Staatsgewalt 
darstellt. 

Trotz aller naturrechtlichen Kriterien negiert doch Rotteck nicht 
das bestehende Recht schlechthin. Wie Kant, so gibt auch er das 
positive Recht nicht ohne weiteres preis, und im Interesse der Rechts¬ 
sicherheit predigt er von der Heiligkeit des positiven Rechts ab der 
Grundlage alles Fortschritts. Doch geht er nicht mit Kant bis ans 
Ende der philosophischen Entwicklung, nicht bis zur Forderung der 
Verwirklichung der absoluten Idee der Menschheit. Diese abstrakten 
Ideale verlieren seiner Meinung nach für den gemeinen Menschen¬ 
verstand alle Zugkraft, und der Politiker Rotteck rechnet mit einer 
Psychologie, die im wesentlichen die Psychologie Rousseau« ist. In 
der Praxis verwirft er mit Nachdruck die bestehenden Rechtsformen 
nach den inneren Kriterien der Rechtsverbindlichkeit, und durch die 
souveräne Gesetzgebung will er ein neues Gebäude staatlicher Ein¬ 
richtungen seiner Naturrechtsidee entsprechend aufführen. 

Die Zitate in Rottecks Schriften, Zitate, die in bezug auf die 
Naturrechtsanschauungen bb auf Augustin zurückgehen, und in eben 
dem Maße auch seine historischen Überblicke über die Entwicklung 
der Naturrechtslehre von den frühesten Zeiten an zeigen, wie Rotteck 
aus allen Theorien mit kbrem kritischen Blicke das „Gute, Echte 
und Brauchbare“ herausgreift und zu einer neuen Einheit zusammen¬ 
ordnet. Er anerkennt dabei, daß Grotius das Natur- und Vernunft- 
recht erstmalig kbr auf den „gesicherten Zustand der Geselbchaft“ 
begründet, daß Pufendorf das öffentliche Recht erstmalig auf dem 
richtigen Wege über die naturrechtliche Begründung des Privat¬ 
rechts abzuleiten versucht habe; wenn Rotteck mit Kants Ein¬ 
führung formeller Prinzipien eine neue, alle früheren überstrahlende 
Periode beginnen läßt und mit Fichtes Scheidung der Rechtslehre 
von der Moral auch Kants Vermbchung verbessert, so vergißt er 


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doch bei alledem nicht zu bemerken, daß auch diese beiden Philo* 
sophen von Montesquieu und Rousseau stark beeinflußt sind. 

Aus allem Vorstehenden ist ersichtlich, daß Rottecks Gedanken¬ 
welt aus Elementen der Lehren Montesquieus und Rousaeaus, die 
beide seiner Meinung nach das Naturrecht erst zur Reife gebracht 
haben, aulgebaut ist, und er blickt mit Dankbarkeit auf die beiden 
französischen Theoretiker, gleichviel, ob er sich in Einzelheiten in 
Übereinstimmung mit ihnen oder in Opposition zu ihren Auffassungen 
sein Urteil gebildet hat. Ist Rotteck auch ein Eklektiker von weitest 
ausgebreiteter Belesenheit, kraftvoller Selbständigkeit im Denken, 
das sich besonders auch durch das Studium Kants philosophisch 
geschult hat, so läßt sich doch sagen, daß er mit Rousseaus Methode 
Montesquieus Gedanken berichtigt, erweitert und vertieft hat. 

9. Kapitel. 

Die politischen Anschauungen des Freiherrn v. Liebenstein. 

Ludwig Freiherr v. Liebenstein 1 ist 1781 geboren, hat um die 
Jahrhundertwende in Jena, Göttingen und Heidelberg Rechtswissen¬ 
schaft studiert und hat sich seinen individual- und national-ethischen 
Anschauungen entsprechend nach der Art der Burschenschaftler 
wort- und handfest betätigt. Leonhard Müller nennt ihn in seiner 
„Badischen Landtagsgeschichte“ 1 einen echten Sohn der Aufklärung. 
Wer gewohnt ist, unter der Aufklärung jene unbegrenzte Allein¬ 
herrschaft des rechnenden und reflektierenden Verstandes zu verstehen, 
der die ganze Welt in Begriffe und Formeln fassen und die Wirklichkeit 
nach eben diesen Formeln beurteilen oder gar rücksichtslos umgestalten 
will, der wird nicht wenig erstaunt sein, in Liebenstein einen Denker 
ganz anderer Art zu finden. In der Kritik des Aufsatzes von Adam 

1 Zu diesem Kapitel wurde der schriftliche Nachlaß des Abgeordneten 
Freiherm v. Liebenstein benutzt, den mir in äußerst entgegenkommender 
Weise Herr Geheimer Oberregierungsrat Freiherr v. Liebenstein zur 
Einsicht übersandte. Dieser Nachlaß enthält im besonderen: 

1. kurze Aufzeichnungen zu Geschichtsstudien, 

2. eine Skizze zu dem hauptsächlich geschichtlichen „Inhalt eines 
neu zu gründenden politischen Journals“, 

3. eine Besprechung des anonym veröffentlichten Aufsatzes Adam 
Müllers, betitelt „Ein Wort über Montesquieu und Macchiavelli 
oder über die französische und italienische Literatur der Staatskunst“, 

4. Aufsatzfragmente über Karl den Großen und Friedrich den Großen, 

5. einen Aufsatz „Über die politische Lage unserer Erde beim Beginn 
des Jahres 1811“, 

€. einen Aufsatz „Einige Worte, was Deutschland not tut“, 1817 ab¬ 
gefaßt, 

7. ein paar Randglossen zur „Heiligen Allianz“, 

a Reden zum 19. Oktober 1814, 1816, 1817, 1818 u. 1819, 

9. ein Konzept des Briefes v. Liebensteins an Minister v. Berstädt 
vom a März 1822. 

* L. Müller, Badische Landtagsgesch., Band I, Seite 9. 


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Müller „Ein Wort über Montesquieu und Macchia velli“ verteidigt 
eingangs Liebenstein seine eigne Bildung gegen die Verketzerung 
des klassischen Altertums zu Gunsten des alten Judentums und düsteren 
Mittelalters durch Adam Müller, und in der A ufzählun g der „Ele¬ 
mente seines klar bewußten geistigen Besitzes“ steht das Studium 
alter und neuer Geschichte oben an, und dazu tritt in zweiter Linie 
die Lektüre antiker und neuer Klassiker. Dem entspricht einmal, 
daß man in diesem kritischen Aufsatze die Vorliebe Liebensteins für 
abstrakte philosophische Probleme ebensowenig ausgesprochen wie 
in seinem gesamten Nachlasse betätigt findet, und zum andern, daß die 
Eigenart von Liebensteins politischem Denken historisch gerichtet ist. 

In der Überzeugung, daß sich „Begierungsformen und Völker 
gegenseitig erziehen und bilden“, „daß der Einfluß der Gesetze auf 
das Glück der Menschen groß“, „aber umgekehrt der Einfluß der 
Menschen auf die Gesetze und Regierungsformen nicht minder be¬ 
deutend“ ist, darin weiß sich Liebenstein mit Montesquieu und Adam 
Müller einig, und aus dieser Erkenntnis heraus lehnt er eine politische 
Gleichmacherei nach allgemein-gültigen Prinzipien ab, die weder 
die nationalen Verschiedenheiten der Völker, noch die Entwicklungs¬ 
stufen in der Geschichte eines einzelnen Volkes gebührend beachten. 
„Bis auf die geringsten Kleinigkeiten herab überall alles gleich machen 
zu wollen, wird vernünftigen Legislatoren nicht einfallen. Nationale 
Verschiedenheiten, insofern sie wirklich vorhanden sind und nicht 
bloß von denen vorgespiegelt werden, die ein Interesse dabei haben, 
sind geltend zu machen, müssen hier entscheiden.“ „Keinem Ver¬ 
nünftigen wird es einfallen zu behaupten, daß für jeden Bildungs¬ 
zustand eines Volkes dieselbe Verfassung geeignet sei. Das heutige 
Rußland kann offenbar in seinen Einrichtungen noch nicht den Grad 
von bürgerlicher Freiheit ertragen wie England oder Frankreich, weil 
die Masse des Volkes auf einer viel tieferen Stufe steht als in anderen 
Ländern.“ Aber nicht minder entschieden lehnt Liebenstein die 
logischen Konsequenzen ab, die Ad. Müller aus dieser Tatsache zu 
ziehen sich erlaubte. Müller folgerte nämlich aus Montesquieus 
Grundanschauungen einmal, daß es „eine vollkommene Albernheit“ 
sei, wenn „die Völker Deutschlands, Italiens und Spaniens glaubten, 
die Franzosen hätten an Güte ihrer inneren Einrichtungen etwas 
voraus, das sie nachahmen müßten“; zum anderen leitete Müller 
ganz imbesorgt um die Zeitstimmen dieser Völker für sie das „Recht“ 
ab, „eigensinnig an ihren alten Einrichtungen zu hängen, wie mangel¬ 
haft sie auch scheinen mögen“. Mit einem ganzen Arsenal geschichts¬ 
wissenschaftlichen Rüstzeuges zieht Liebenstein gegen dieses Müllersche 
Dogma zu Felde. Er schreibt: „Daß Verfassungen nicht bloß Pro¬ 
dukte des kombinierenden Verstandes sind, sondern aus ihm und 
dem Bedürfnis zugleich hervorgehen müssen, wer wird das leugnen? 
Ist aber das, was einmal Bedürfnis eines Volkes geworden ist, nun für 
immer und zu allen Zeiten Bedürfnis... ? Die Verfassungen des Mittel- 


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alters waren gut, als sie dem Zustand der Kindheit entsprachen, in 
welchem sich damals die europäische Menschheit befand... Aber das 
neue Aufblühen von Wissenschaften und Künsten, die Entdeckung 
einer neuen Welt, der neue Schwung und die neue Richtung, die der 
Welthandel nahm, erzeugten eine neue Lage und neue Bedürfnisse.“ 
„So gewiß der (Seist der Zeit nicht zurückschreitet,“ so gewiß bricht 
er sich mit unüberwindlicher Macht auch dort Bahn, wo man ihm 
„mit künstlicher Anspannung aller Kräfte“ entgegentritt. „So ent¬ 
stand die Reformation in Deutschland, welche wenigstens die geistigen 
Bedürfnisse der damaligen Zeit befriedigte,“ und dem unaufhalt¬ 
samen Fortrollen des Zeitgeistes mußten die Spanier in den Nieder¬ 
landen weichen, fielen die Stuarts in England und die Bourbonen in 
Frankreich zum Opfer, als sie sich ihm „mit den Einrichtungen der 
Vergangenheit in den Weg stellten“. Liebenstein schließt diese Aus¬ 
führungen ab mit dem Satze: „Es ist noch keiner in das Rad der Zeit 
gefallen, um es in seinem Fortrollen aufzuhalten, ohne daß es ihn zer¬ 
schmettert hätte.“ 

Geschichtsbetrachtung — das erhellt deutlich aus diesen Zitaten — 
ist für Liebenstein nicht die Grundlage eines quietistischen Kon¬ 
tinuitätsgefühles wie für Ad. Müller; sondern Liebenstein sieht in 
der Geschichte das Auswirken eines ständig fortschreitenden Zeitgeistes, 
sieht in ihr eine Kraft der Entwicklung, der eine fast physische Not¬ 
wendigkeit innewohnt. So spricht er in seiner Rede vom 19. Ok¬ 
tober 1816 den historischen Ereignissen und ihren Wirkungen dieselbe 
„Naturnotwendigkeit“ zu, „womit im Herbste die welken Blätter 
abfallen, um dem Sprossen eines neuen Frühlings zu weichen“. So 
wird aber auch die immer denkende Geschichtsbetrachtung für 
Liebenstein zur Grundlage eines entschiedenen Liberalismus, der in der 
vergleichenden Betrachtung des Bildungsganges und der Kultur¬ 
stufen der Völker das Recht einer kritikvollen Übertragung fremder 
Staatseinrichtungen auf sein Vaterland sucht und findet. „Die 
Völker Europas mit Ausnahme der slavischen Stämme stehen mit 
unbedeutenden Nuancen fast alle auf derselben Stufe der Kultur. 
Ihre Individualität ist so wenig hervortretend, daß man die Söhne 
verschiedener Nationen kaum an abweichenden Sitten, sondern 
höchstens an ihrer verschiedenen Mundart erkennen kann... Wo 
aber der allgemeine Kulturzustand ungefähr gleich und daher das 
Gepräge individueller Verschiedenheit viel weniger hervorstechend 
ist, da existiert kein Grund mehr anzunehmen, daß ein Volk nur für 
einen minderen Grad bürgerlicher Freiheit in seiner Verfassung 
empfänglich sein sollte als ein anderes.“ 

Aber eben durch diese im höchsten Maße historische Orientierung 
seiner politischen Anschauung rückt Liebenstein oft recht weit ab 
von Politikern mit der Denkungsart Rottecks. Und wenn Lie- 
benstein auch in seinem Fragmente über Karl den Großen nicht aus¬ 
drücklich erklärt hätte, „daß dem Urteile der Erfahrung über Gegen- 


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stände der Staatskunst allein allgemeine Gültigkeit zusteht,“ würden 
wir es verstehen, daß er dort, wo er in der Sprechweise des 
Rationalismus von den „ewigen und unvergänglichen Wahrheiten“ 
spricht, diese doch sofort als Wahrheiten bezeichnet, „die die 
Erfahrung aller Jahrhunderte geheiligt hat“. 

Liebensteins historischer Liberalismus weist aber wie ersichtlich 
nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu Montesquieu auf. Es 
steht, wie schon erwähnt, auch für Liebenstein fest, daß „Verfassungen 
nicht bloß Produkte des kombinierenden Verstandes sind, sondern 
aus ihm und dem Bedürfnis zugleich hervorgehen müssen, falls sie 
für den wirklichen Zustand des Volkes passen sollen,“ und man 
würde sich zweifelsohne der Grundidee Montesquieus erinnern, daß 
die Vernunft das Gesetz im allgemeinen ist und die staatlichen und 
bürgerlichen Gesetze nur die Anwendung des Vemunftgesetzes auf 
empirische Bedingungen darstellen, auch wenn man nicht berück¬ 
sichtigen würde, daß dieses Bekenntnis eben in einer Auseinander¬ 
setzung über Montesquieu ausgesprochen wird, und wenn Ad. Müller 
behauptet, daß Montesquieu alle Eigenschaften gehabt habe, dem 
18. Jahrhundert zu imponieren, aber nicht, um das 19. Jahrhundert 
zu befriedigen, so fühlt sich Liebenstein in diesem Zusammenhänge 
.gedrungen zu versichern, daß er aus einem Blatte von Montesquieu 
mehrVernunft gelernt zu haben glaube, als er aus den großen Folianten 
politischer Vorlesungen Müllers entnehmen könne 1 . 

Man könnte glauben, Liebenstein sei in seiner historisch-poli¬ 
tischen Grundanschauung nachhaltig beeinflußt von jener Gruppe 
unter den Politikern und Juristen, die man unter dem Namen der 
„historischen RechtsBchule“ zusammenzufassen pflegt. Savigny 
hatte in seiner Schrift „Über den Beruf der Zeit zur Gesetzgebung“ 
dieser historischen Rechtsschule ein wissenschaftliches Programm 
gegeben, indem er erklärte, daß die Rechtsentwicklung nicht durch 
subjektive Ideen, sondern durch die individuelle völkische Ver¬ 
anlagung“ bestimmt werde, daß eine „Verfassung nicht gemacht 
werden könne,“ sondern von selbst „werden“ müsse. Unter den vielen 
Patrioten, die diesem Historismus der Stagnation begreiflicherweise 
grollten, war auch Liebenstein. Er will nichts wissen von dem „Ge¬ 
schichtschreiber“, „der sich das Ansehen gibt, als wäre er selbst mitten 
in der Seele des gesamten... Volkes gesessen und hätte da den 
ganzen Entwicklungsgang seiner Wünsche und Leidenschaften psycho- 
logisierend belauscht,“ und er fährt dann fort: „Diese historische Manier 
ist nun bei einer zahlreichen Sekte der heutigen Deutschen beliebt 
und da aus sehr begreiflichen Gründen; denn sie erfordert nicht die 
mindeste reelle Kenntnis, und man reicht in ihr vollkommen aus mit 
müßiger Spekulation und leerem Wortkram. Sie muß ihrer innersten 
Natur nach jedem Apostel der Finsternis hochwillkommen sein, weil 

1 Liebenstein bemerkt hierzu noch: „Eben dieser Meinung sind 
alle meine Freunde“ . . . 


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sein angeborenes Element Verworrenheit... ist.“ Und mit ganz ähn¬ 
lichen Vorwürfen wendet er sich gegen die politischen Theorien der 
Romantiker, „gegen die literarischen und ästhetischen Modetoren 
unserer Zeit,“ wie er sagt. 

Aus dem Vorstehenden ist klar ersichtlich, in wie hohem Maße 
Liebenstein in seiner historisch-politischen Orundanschauung gerade 
von Montesquieu beeinflußt ist und daß er sich nicht in Überein¬ 
stimmung weiß mit den deutschen Vertretern des sogenannten 
historischen Rechts. Inwieweit das allgemeine historische Interesse, 
das damals gleichsam in der Luft lag, sonst Liebenstein bestimmt hat, 
muß infolge mangelnden Materials dahingestellt bleiben. 

Welches ist aber — so fragen wir weiter — der Inhalt von Lieben¬ 
steins politischem Denken ? Die politischen Anschauungen des Frei¬ 
herrn v. Liebenstein sind um den Begriff der verfassungsmäßigen 
Freiheit herumgruppiert. Aber der Freiheitsbegriff Liebensteins 
unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von dem Freiheitsbegriff 
Rousseaus und Rottecks. Sind die NaturrechtsBysteme dieser 
beidenDenker ganz auf dem Individualismus aufgebaut, so geht Lieben¬ 
stein bei der Begründung seiner politischen Forderungen von dem Wohl 
und der Macht des Staates aus. Die Kraft des Staates ruht auf der 
Freiheit seiner Bürger. Dazu ist Liebensteins politische Freiheit 
nicht bloße Rechtssicherheit; sondern sie ist identisch mit der Frei¬ 
heit des Geistes überhaupt und der Freiheit politischer Betätigung 
im besonderen. Seiner Meinung nach führt der kulturelle Fort¬ 
schritt der einzelnen Völker zu einer höheren Lebensstufe, und 
er bedingt dadurch eine Änderung in der geistigen Haltung der 
Bürger zum Staate und umgekehrt. War ihr Dasein im Zustande 
der Kindheit eine gehorsame Beschaulichkeit, so wirkt sich nun 
ihre erwachte, selbstbewußte Kraft in einer höheren Aktivität aus. 
So entstand das Bedürfnis politischer Selbstbestimmung, und „nun 
war es an den Regierungen, Institute hinwegzuräumen, die zu 
diesen Bedürfnissen nicht mehr paßten, und andere entsprechende an 
ihre Stelle zu setzen“. Nach alledem ist es daher bezeichnend für 
Liebenstein, daß er den Begriff der Freiheit nicht streng juristisch 
definiert, sondern daß er mit konkreter Anschaulichkeit die politischen 
Wirkungen der Freiheit schildert. „Wem es darum zu tim ist, sich 
zu überzeugen, ob es wahr ist, daß Unwissenheit und Roheit der 
Menge die Stütze jeder nationalen Kraft sei, der richte seinen Blick 
auf Spanien! Die herrlichen Eigenschaften, der unbeugsame Mut und 
die unbezwingbare Kraft sind unter dem ertötenden Drucke der 
zweihundertjährigen Mönchsregierung erstorben. Von allem, was zum 
siegreichen Freiheitskampfe gehört, ist nichts mehr übrig als der blinde 
Wille der rohen Masse. Jedes geistige Element, das den rohen Stoff 
formen könnte und die verworrenen Kräfte zu einem gemeinsamen 
Ziele zu leiten vermöchte, ist längst zerstoben.“ Daher können in 
Spanien 10 Millionen Menschen mit den Waffen in der Hand nicht 


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einmal gegen 200 000 Eindringlinge ihre Unabhängigkeit behaupten. 
„So rächt sich jedes verfinsternde Darniederhalten der Fähigkeiten 
eines ganzen Volkes durch sich selbst.“ ln einem Aufsatze „Uber die 
politische Lage unserer Erde beim Anfang des Jahres 1811“ weist 
Liebenstein auf Preußen hin: „Preußen sank mit einer in der neuen 
Zeit beispiellosen Schnelligkeit von der Höhe politischen Glanzes zu 
den Tiefen absoluter Unbedeutendheit und Ohnmacht herab. Mehr 
noch als an den physischen Hilfsmitteln scheint es an dem Geiste zu 
fehlen, der Staaten erhält und Unfälle wieder gut macht.“ Dagegen 
bemerkt Liebenstein, daß England bei dem gewaltigen Kampfe 
„gegen das überlegene Genie Napoleons“ jeder bedeutenden Celebrität 
entbehre. „Die gegenwärtige stolze Haltung Britanniens ist nicht die 
Wirkung einer hervorragenden Persönlichkeit, sondern das Resultat 
einer freien Verfassung, die den Menschen im Bürger ehrend, seine 
edelsten Kräfte zu ihrer Erhaltung in Anspruch nimmt,“ und für die 
Identität der geistigen und politischen Freiheit spricht „laut der 
Widerwille, mit dem das englische Volk jeden Versuch zurückstößt, 
den Katholiken volles Bürgerrecht zuzugestehen. In seinen Augen 
sind ein Katholik und ein von Priesterränken beherrschter Mensch 
durchaus synonym.“ Deshalb preist Liebenstein auch mit dem 
lauten Pathos der Begeisterung die englischen Verfassungsverhältnisse, 
die „im Laufe des 18. Jahrhunderts der allgemeine Gegenstand der 
verdienten Bewunderung gewesen“ sind, und seine Betrachtungen^ 
die den Geist des 27. Kapitels aus dem 19. Buche von Montesquieus 
Hauptwerk atmen, schließen mit den Worten: „Weil England um 
100 Jahre früher als die übrige europäische Welt die Bedürfnisse des 
neuen Zeitgeistes erkannt, die Banden geistiger und politischer 
Finsternis gesprengt und an Stelle von Pfaffendruck und Adelsherr¬ 
schaft Bürgerfreiheit und Bürgerglück zum Prinzip seiner Verfassung 
erhoben hat, eben darum ist Großbritannien lange Zeit im Verhält¬ 
nisse seines Umfanges reicher, blühender, mächtiger gewesen als alle 
anderen Staaten Europas, und darum ist noch heute bei allen Mi߬ 
griffen seiner Regierung in der neuesten Zeit der Geist des britischen 
Volkes kraftvoller, gediegener, patriotischer, freier als der irgend¬ 
einer anderen europäischen Nation.“ Die Geschichte Hollands, das 
seiner Unabhängigkeit seinen ausgebreiteten Handel und den großen 
Reichtum verdankte, zeigt nach Liebenstein mit bedauerlicher 
Evidenz, wie schnell materieller Gewinn die Kraft der Verteidigung 
erlahmen und damit die Sicherheit der Volkswohlfahrt gefährden 
läßt. Aus dieser Erkenntnis heraus stellt Liebenstein die Freiheit 
des Volkes über jedes andere Gut, und deshalb bedauert er auch die 
Römer, die sich über den Verlust ihrer politischen Freiheit durch die 
Pflege der Kunst und Wissenschaft trösten wollten oder mußten. 

Heben wir aus dem Vorstehenden das Wesentliche heraus, so 
müssen wir sagen: die Idee der politischen Freiheit nimmt in Lieben¬ 
steins Denken die zentrale Stellung ein. Diese Freiheit der Bürger 


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ist das Ziel jeder idealen Verfassung, aber umgekehrt auch der sichere 
Grund jedes Staates und der Retter in der Not. Diese politische 
Freiheit erzieht zu Gemeingeist und Vaterlandsliebe. Durch diese 
letztere Auffassung unterscheidet sich Liebenstein auf das nach¬ 
drücklichste von dem Freiheitsbegriff der französischen Revolution, 
besonders in den Jahren von 1789 bis 1791. Liebensteins Freiheits¬ 
idee hat nichts gemein mit dem zügel- und grenzenlosen Individualis¬ 
mus, der zur vollen Loslösung der einzelnen Bürger führte und dessen 
Betätigung sich in einer staatsfeindlichen Richtung bewegte. Die 
revolutionäre Alternative „Freiheit oder Staat ?“ ist daher schon ab 
Fragestellung Liebensteins Denken fremd, geschweige denn, daß er 
sie im extrem-individualistischen Sinne gelöst hätte. In der Grund¬ 
anschauung über das Verhältnis von Staat und Individuum hat 
Liebenstein nahe Beziehung zu dem Freiherm vom Stein; denn 
auch Liebensteins Idee der politischen Freiheit gestattet und verlangt 
allseitige Kraftentfaltung der Staatsbürger im Machtinteresse des 
ganzen Staates. 

Liebensteins Ideal einer wohlgeordneten Freiheit im Innern fordert 
daher aus moralischen und pädagogischen Gründen die Beseitigung 
der Fronden und der Leibeigenschaft und vor allen Dingen „eine 
gesetzlich beschränkte Preßfreiheit“ 1 nach dem Vorbilde Englands, 
und Erkenntnisse dieses und ähnlichen Inhalts sind der Grund, daß 
Liebenstein mit dieser politischen Freiheit stets auch die „Gleich¬ 
heit der Staatsbürger in bezug auf politische Rechte“ fordert. Die 
bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetze ist aber nicht 
„eine schematische Gleichheit“, die alle Bildungs- und Vermögens¬ 
unterschiede aufhebt; sondern die politische Gleichheit ist nur das 
der politischen Freiheit untergeordnete Mittel und ist schon völlig 
verwirklicht durch „eine echte Volksrepräsentation“. 

Vergleichen wir die vorstehenden Ausführungen über Lieben¬ 
steins Grundanschauung mit den Ideen Montesquieus und Rous- 
seaus, so ist klar, daß in seinen Ideen die politische Gleichheit nicht 
die zentrale Stellung inne hat und daß ihr auch nicht die entscheidende 
Schärfe eignet, die Rousseaus Gleichheitsidee charakterisiert. Wie 
bei Montesquieu tritt das Freiheitsprinzip überall in den Vordergrund 
und zwar fast immer auch mit dem Beigeschmack einer pädagogisch<- 
politischen Entfaltung der geistigen Fähigkeiten aller Staatsbürger. 
In welcher Verfassungsform sieht aber nun Liebenstein die Sicher¬ 
heit dieser politischen Freiheit gewährlebtet? Gleich Montesquieu 
sieht Liebenstein das Ideal oder wenigstens das nachahmenswerte 
politische Vorbild in der Verfassung Englands, und ausdrücklich 

1 „Volle, unbedingte Preßfreiheit) ist nie gewesen und wird nie sein ... 
Sie widerspricht dem Begriff und Wesen der bürgerlichen Ordnung und 
wird von keinem Vernünftigen gewünscht. Eine gesetzlich beschränkte 
Preßfreiheit aber besteht in England. Eine solche begehrt man, wenn 
man von Preßfreiheit spricht“ (Liebenstein). 


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bemerkt er: „Indem wir von den Landständen reden, die eine echte 
Volksrepräsentation gewähren, glauben wir jede Mißdeutung unserer 
Meinung abgeschnitten zu haben. Nicht untergegangene Ordnungen, 
worin nur einzelne Stände repräsentiert waren, die die Wirksamkeit 
der Staatsgewalt hemmten, ohne dem Volke Vorteil zu bringen, rufen 
wir zurück; sondern wir verlangen eine wahre Volksvertretung des 
gesamten Volkes und aller seiner Interessen am Throne, deren hohes 
Vorbild wir täglich in der britischen Verfassung bewundern.“ In der 
Anmerkung zu diesem Passus hebt Liebenstein hervor, daß er unter 
solchen untergegangenen Ordnungen auch „die großenteils sehr volkB- 
gemäße alte Verfassung Württembergs“ versteht, daß dagegen seiner 
Meinung nach „die britische Verfassung, obgleich im Laufe der Zeiten 
eine Parlamentsreform so dringend notwendig geworden ist, doch 
immer noch der Ehrenschild der echten Volksfreiheit ist“. 

Was Liebenstein besonders an der englischen Verfassung lobt, 
ist die Tre nnun g der Gewalten, und wenn Ad. Müller behauptete, 
„die mechanische Teilung der Gewalten, die künstliche Beschränkung 
der Souveränität“, sei eine „völlig unpraktische Kuriosität, die in 
En g lan d nicht statthabe“, so weist Liebenstein die Darstellung 
Müllers mit historischen Einzelkenntnissen als den Tatsachen nicht 
entsprechend zurück. Auch der spezifischen Auffassung Montesquieus 
von der Dreiteilung der Gewalt stimmt Liebenstein zu. Schon der 
erste Antrag, den er im Landtag von 1819 einbrachte, verlangte des¬ 
halb „gänzliche Trennung der Justiz von der Administration“, und 
in der Begründung seines Antrages redet er deshalb von einer Trennung 
dieser beiden Gewalten. 

Während Liebenstein im Interesse der Macht der Regierung 
sich mit aller Entschiedenheit dagegen erklärt, daß „die Staats¬ 
dienerkaste eine zu feste Position habe“, verlangt er die Freiheit und 
Unabsetzbarkeit der Richter im Interesse der durch die Verfassung 
gewährten politischen Freiheit. Am wenigsten vermag er zuzu¬ 
stimmen „der Lehre, die jetzt wieder aus dem Norden tönt, daß nur 
eine gute Verwaltung das sei, was ihm (dem Volke) fromme“, weil 
er in der Geschichte „zu häufig auf gute Verwaltungen schlechte 
folgen“ sah und er „zu genau weiß, daß eine gute Verfassung die 
feste Grundlage einer guten und zugleich das Besserungsmittel einer 
schlechten Verwaltung sei“. Deshalb verlangt er für das Volk die 
gesetzgebende Gewalt, „keine bloß beratenden und alles Stimmrechts 
beraubten Landstände“, sondern „ein Minimum von Rechten der 
Volksvertreter ungefähr so, wie es der Graf Münster in seiner Note 
vom 27. Oktober 1814 ausgesprochen“ hat. Im besonderen gedenkt 
Liebenstein der politischen Bedeutung des Steuerbewilligungs¬ 
rechtes, und im Einverständnis mit Montesquieu verwirft er den 
eisernen Etat. Zur Gesetzgebung gehören seiner Meinung nach beide 
Kammern und die Regierung, und er lobt des öfteren, daß Baden 
eine freisinnige Verfassung habe, die den meisten Wünschen des 


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Volkes entspricht. In den Parlamenten wünscht er „das gesamte 
Volk mit allen seinen Interessen“ vertreten, und für Liebenstein, 
dem es an der Zeit scheint, „auch einmal das reine Wort für die 
Sache des Volkes zu ergreifen“, erscheint das Volk „mit furchtbarer 
Kraft“, „Gott und sich selbst vertrauend“, aber „betrogen um den 
Lohn seiner beispiellosen Anstrengung“, durch die es „schneller und 
entscheidender, als alle Berechnung einer Diplomatik es erwartete, 
große Siege errungen“. Es ist eine sehr anschauliche Vorstellung, die 
Liebenstein sich vom Volke macht, und es will scheinen, als wenn 
Liebenstein wegen der allgemeinen Teilnahme am Kriege das ganze 
Volk für reif und des politischen Wahlrechts für fähig hält, weil es 
in den großen Kriegszeiten, als die „verblendete Staatskunst“ der 
Diplomaten versagte, sich allein gerettet hat. Deshalb legt Lieben¬ 
stein auch ein großes Gewicht auf die öffentliche Meinung, „wenn sie 
einstimmig und laut“ ihre berechtigten Forderungen erhebt. Sein 
Urteil über den Wert oder den Unwert der Berufsdiplomatie seiner 
Zeit und über die schnöde Vernachlässigung der wahren Volks¬ 
interessen zwingt ihn auch, das Recht und die Pflicht der Minister, 
zu kontrasignieren „wie in Frankreich und England“, als den Kern 
des Verhältnisses der Regierung zum Volke und dessen Vertretung 
anzusehen. Die daraus hervorgehende Ministerverantwortlichkeit 
sollte aber seiner Meinung nach „besonders prohibitive Kraft“ haben, 
und für den äußerst seltenen Fall einer Anklage des höchsten Staats¬ 
beamten kann eine politisch interessierte Kammer nicht Richterin 
sein. Das von Montesquieu in dieser Beziehung glorifizierte englische 
Vorbild lehnt Liebenstein deshalb ab, und er arbeitet im Parlament 
und später als Regierungskommissar nachdrücklich darauf hin 1 , daß 
auch nicht das Oberhofgericht Badens, sondern ein eigener Gerichts¬ 
hof in diesem Falle das Urteil sprechen soll. 

Auch in der Frage der Landesverteidigung weicht Liebenstein 
von Montesquieu ab. Schon Liebensteins Begriff der politischen 
Freiheit läßt sich von der Macht des Staates nicht ablösen, und mit 
der Idee einer wohlgeordneten Freiheit im Innern verbindet er stets 
den Gedanken einer „kraftvollen Grenzsicherung nach außen“. Ein 
eindringendes Verständnis für die staatliche Machtpolitik und seine 
militärtechnischen Kenntnisse heißen ihn daher für das stehende 
Heer eintreten und zwar' für die allgemeine Wehrpflicht, die nur 
durchbrochen werden darf durch das Recht der Stellvertretung. In 
den übrigen Verfassungsfragen verteidigt er die Bestimmungen der 
badischen Verfassungsurkunde vom 22. April 1818, wobei er, wie 
schon früher, dankbar anerkennt, daß manche Herrscher Deutsch¬ 
lands bemüht gewesen sind, „die Vorzüge von Frankreichs innerer 
Verfassung ihren Ländern mitzuteilen“. 

1 Vergl. die „Untertänige Anfrage des Geh. Referandärs v. Liebenstein 
in betreff des Gesetzes über den Anklageprozeß and das Verfahren gegen 
die obersten Staatsbeamten“ vom 21. Dezember 1821. 


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Auch seine Reformvorschläge für die Bundesverfassung des 
ganzen deutschen Vaterlandes hat Liebenstein historisch ahgelesen 
von einem auswärtigen Staate. „Die riesenhafte Entwicklung des 
nordamerikanischen Bundesstaates hat etwas Imponierendes und ist 
etwas Nachahmenswertes“ für ihn. „Hier sehen wir einen Bundesstaat, 
wie er sein soll: in einzelnen Staaten getrennt für alle die Angelegen¬ 
heiten, die in kleineren Kreisen sich mit zuverlässigem Erfolge für 
das öffentliche Wohl besorgen lassen, aber zu einem geschlossenen 
Ganzen vereinigt in allem, was den Wohlstand, die Macht und Größe 
der Nation berührt“ 1 . 

Zum Schlüsse noch eine kurze Bemerkung über Liebensteins 
Stellung zu den Menschenrechten, dem Staatsvertrage und der Volks¬ 
souveränität. Im Gegensatz zu anderen Abgeordneten der Kammer 
erklärt Liebenstein, daß die badische Verfassung „alle wesentlichen 
Rechte des Menschen und des Bürgers unter ihren starken und 
heiligen Schirm stellt“. Hierbei ist charakteristisch, daß er alle die 
„ewigen Ideen“ ebensowenig wie den Begriff der politischen Freiheit 
nach der Art des Naturrechtes aus obersten Prämissen ableitet oder 
auch nur in einer eigenen Weise rationalisierend vor sich rechtfertigt, 
sondern daß er sie als empirisch gegeben aus dem Geiste der Zeit hm- 
nimmt und sie deshalb hinstellt als die „freisinnigen Ideen des gegen¬ 
wärtigen Zeitalters“. Auch der Gedanke des Staatsvertrages kehrt in 
Liebensteins Reden und Aufsätzen wieder; aber auch diesem Begriff 
fehltdas radikale Moment, das nach Rousseaus Lehre jedem bestehenden 
Rechte so gefährlich werden mußte. Der Historiker Liebenstein 
knüpft im Gegenteil stets an den bestehenden Rechtszustand an und 
verlangt, daß durch gegenseitige freie Übereinkunft zwischen Herrscher 
und Beherrschten der Untertan zu seinen Pflichten nunmehr auch 
Rechte erhalte und die Obrigkeit zu ihren Rechten nunmehr auch 
Pflichten übernehme. Deshalb kann man in Liebensteins Aus¬ 
führungen die Worte Staatsvertrag und Verfassungsurkunde meist 
identifizieren, und meines Wissens hat Liebenstein nur gelegentlich 
der ersten Kammerberatung über die großherzogliche Zivilliste von 
einem Vertragsakte gesprochen, als er sein Bedauern darüber äußerte, 
„daß die Verfassungsurkunde nicht im Wege des Vertrags zustande 
gekommen sei“, und bemerkte, „man dürfe mit Zuverlässigkeit 
annehmen, daß das Volk dieser Bestimmung, (daß nämlich nach der 
Verfassung alle Domänen des Staates Privateigentum der regierenden 
Familie seien), nur in der Voraussetzung, daß davon niemals eine 
praktische Anwendung werde gemacht werden, seine imbedingte 
Zustimmung erteilt habe“. Niemals ist bei Liebenstein mit dem 
Begriff des Staatsvertrages die Statuierung der Volkssouveränität 
verbunden, von der er im bejahenden Sinne niemals gesprochen hat. 

Ein flüchtiger Rückblick auf seine Anschauungen zeigt, daß 
Liebenstein von Rousseaus Ideen fast nichts aufgenommen hat, 

1 Cfr. Aufsatz „Einige Worte über das, was Deutschland not tut“. 


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und ebensowenig ist das rationalistische Gepräge Bousseauscher 
Begriffsweise in Liebensteins politischer Weltanschauung zu erkennen. 
Sein historisch gerichtetes Denken ist von der Methode und dem 
Staatsideale Montesquieus tief und nachhaltig beeinflußt. Die Über¬ 
einstimmung mit Montesquieu liegt zutage zunächst in den poli¬ 
tischen Grundüberzeugungen. Die Verfassung ist nicht ein reines Ver¬ 
standeserzeugnis, sondern ein Produkt der Vernunft und der politischen 
Erfahrung. Auch rechtfertigt Liebenstein die Bezeption fremder 
Staatseinrichtungen ganz nach der Mothode vom „Geist der Gesetze“. 
Wie bei Montesquieu ist die Freiheitsidee der Mittelpunkt im po¬ 
litischen Denken Liebensteins. Mit Montesquieu sieht er ferner das 
Ideal einer Verfassung in England verwirklicht, wo die Souveränität 
des Königs durch das System der Gewaltenteilung zum Heile der 
Staatsbürger beschränkt ist. Freilich läßt sich die Tatsache nicht von 
der Hand weisen, daß er auch die englische Geschichte genau studiert 
hat und die historischen Gründe nicht nur aus Montesquieus Werk ent¬ 
nommen hat. Indem Liebenstein die Weltgeschichte nach Montes¬ 
quieus Art nur als politische Propädeutik bewertet, um zu erfahren, 
„wie man ein zweites Born oder irgend ein blühendes Beich macht,“ 
geht er geflissentlich und bewußt über Montesquieu hinaus, so daß er 
auch in wesentlichen Punkten Montesquieu verbessern zu müssen 
glaubt. — Weil Liebenstein die Fülle von Lebensformen und 
Daseinsweisen nicht mit rationalistischen Formeln einfangen und mi߬ 
handeln will, sondern wie Montesquieu die Bedürfnisse des Volkes im 
ursächlichen Zusammenhänge aller Einzelerscheinungen und von Fall 
zu Fall feststellt und dann aus dem erfahrungsreichen Leben der 
Kulturvölker die brauchbaren Mittel zu einer weisen Bedürfnis¬ 
befriedigung historisch abliest, nimmt er als Politiker eine selb¬ 
ständige Mittelstellung ein zwischen dem Konservatismus und dem 
rationalistischen Liberalismus seiner Zeit, jenem Liberalismus, der am 
liebsten mit der Vergangenheit gänzlich gebrochen und eine neue 
politische Welt rein nach Vemunftprinzipien konstruiert hätte. 

10. Kapitel. 

Die politischen Anschauungen Ludwig Winters ans Karlsruhe. 

# 

Ludwig Winter erwarb sich nach seinem Studium auf der 
Universität Göttingen in verschiedenen staatsamtlichen Stellungen 
Badens eine große Erfahrung im Verwaltungsdienste, und seit dem 
Jahre 1815 gehörte er nur mit einer kurzen Unterbrechung dem 
badischen Ministerium bis zu seinem Tode an, seit 1833 sogar mit 
dem Titel und Bang eines Staatsministers des Innern. Gleichwohl 
•oder deshalb wurde er als Abgeordneter der Stadt Durlach 1819 in 
den badischen Landtag gewählt, wo er gleichzeitig als Begierungs- 
kommissär beschäftigt war. Als er 1820 in dieser Eigenschaft die 
Begierung zu vertreten nicht für würdig befunden worden war, wählte 


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ihn die zweite Kammer zu ihrem Vizepräsidenten. Dieses Ehrenamt 
legte er 1822 begreiflicherweise nieder, als er die ßegierungsentwürfe 
zu vertreten hatte. Auch später wurde er wieder in den Landtag ge¬ 
wählt. Winters vielseitige BÜdung in der Theorie und Praxis, seine Klar¬ 
heit in der politischen Zielstellung, seine oft an Schroffheit grenzende 
Überzeugungstreue und Entschlossenheit, alles das wirkte zusammen, 
daß er den vielen Konflikten seiner an politischen Streitigkeiten reichen 
Zeit nicht aus dem Wege gehen konnte und daß er zu allen diesen 
Streitfällen von hohen Gesichtspunkten aus seine Meinungen eingehend 
darlegte und begründete. Uns interessieren hier vor allem seine 
politischen Ansichten, die er als Landtagsabgeordneter geäußert hat. 

Im Jahre 1819 gab er in der Begründung seiner Anschauung 
über das Gemeindeverfassungsgesetz und über das Edikt zur 
Regulierung der Standes- und grundherrlichen Verhältnisse eine 
prinzipielle Darstellung seines Verhältnisses zum historischen und 
vernünftigen Rechte. In dem Kommissionsberichte zu dem Edikt 
über die Standes- und grundherrlichen Verhältnisse brachte er das 
Rechtsinstitut der unmittelbaren Reichsritterschaft notwendig in 
Zusammenhang mit der alten Reichsverfassung. Über sie urteilte er: 
„Nicht auf schriftlichen, nicht auf klar ausgesprochenen Grundsätzen 
ruhte ihr Grund, sondern auf Herkommen. Hier und da waren einige 
Grundsätze, so wie sie das Bedürfnis nötig gemacht hatte, ein¬ 
geschoben.“ So war diese Verfassung für Winter „ein historisches 
Produkt“, aber eben deshalb ein Produkt „von inneren Mängeln und 
Gebrechen“, „von oft lächerlichen Formen, die nur die Freiheit 
hemmen“, und seiner Meinung nach würde sich „der Menschen¬ 
verstand gesträubt haben, das als eine Vorschrift der gesetzgebenden 
Gewalt anzuerkennen und zu befolgen, dem er als einer alten Gewohn¬ 
heit sich willig unterwarf“ 1 . Diese alten unzeitgemäßen Formen einer 
Verfassung waren nach Winter durch die Auflösung des alten Reichs 
beseitigt, und so ergab sich für ihn, wie nicht für jeden, die Not¬ 
wendigkeit einer staatsrechtlichen Neuordnung. In der Begründung 
des Regierungsentwurfs zum Gemeindegesetz lehnt Winter die wissen¬ 
schaftliche Art ab, in der viele seiner Zeitgenossen sich dieser Not¬ 
wendigkeit entziehen zu können meinten; er warnt die Abgeordneten 
vor jenen, die unzufrieden sind mit den „neuen Staatsformen, die 
auswärtigen Staatsformen nachgebildet“, vor jenen, „die längst 
begrabene Einrichtungen, wie sie sich nur bei Völkern auf den ersten 
Stufen der Kultur finden“, zutage fördern, „um sie auf den gegen¬ 
wärtigen Zustand zu übertragen“. „Aus diesen Schulen — so fährt 
Winter fort — gingen die Lehren hervor: Gesetzbücher seien eigent¬ 
lich etwas ganz Überflüssiges, indem die Gesetze im Leben des Volkes 
durch Gebräuche gebildet werden müßten und im Notfälle der heilige 
Volkswille ihre Stelle vertrete. Alles müsse aus dem gemeinen Wesen 


1 B. L. V. 1819, II. K., Beilage zu V, Seite 3. 


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hervorgehen, und jedes darf seine eigene Autonomie haben. So wie 
in dem religiösen Mystizismus der Glaube die geheime Kraft ist, die 
das Unbegreifliche und Unglaubliche hervorzubringen vermag, so ist 
in diesem politischen Mystizismus die deutsche Volkstümlichkeit der 
zwar unsichtbare, aber unerschöpfliche Born, aus welchem alle Staats¬ 
einrichtungen hervorgehen müssen.“ Gegenüber einer solchen Wert¬ 
schätzung bewußtloser Bechtsbildung betont Winter mit Bücksicht 
auf den entwickelten und verwickelten Kulturzustand seiner Zeit die 
Notwendigkeit einer rationellen Gesetzgebung. Er sagt: „Sobald an 
die Stelle der geschichtlichen eine aus allgemeinen Grundsätzen des 
Rechts und der Politik abgeleitete Verfassung tritt, so vermag sie 
sich nur dann zu erhalten, wenn sie mit dem Standpunkte der Kultur 
eines Volkes, mit seinen Begriffen und seiner Denkweise im Einklang 
steht. Der menschliche Geist, wenn er einmal die beengenden äußeren 
formen zerbrochen, die niedergefallenen Schranken überstiegen hat, 
eilt mit unaufhaltbarem Schritte einem selbstgeschaffenen oder von 
andern ihm vorgesteckten Vorbilde entgegen und findet erst dann 
seinen Buhepunkt, wenn er es, wo nicht erreicht hat, doch ihm so 
nahe als möglich gerückt ist.“ Winter erwähnt in diesem Zusammen¬ 
hänge die „Andern“, die ihm das Vorbild „aufgesteckt“ haben. 
„Andere Begriffe über den Zweck des Staates und über dessen Ver¬ 
waltung, über die Bechte der Begenten und über die Pflichten der 
Völker und über ihr wechselseitiges Verhältnis sind durch die Unter¬ 
suchungen scharfsinniger Köpfe der letzten Jahrhunderte in Umlauf 
gekommen.“ Wenn sich Winter auch s ummar isch auf die Natur¬ 
rechtstheoretiker verschiedener Jahrhunderte beruft, so läßt sich 
doch aus diesen und anderen Ausführungen sein Verhältnis zu 
Bousseau im besonderen bestimmen. Zunächst kann man auf ihn 
ein Zitat aus der erwähnten Schrift von Görres über die eigenartige 
Synthese historischen und rationalistischen Denkens vieler liberaler 
Politiker anwenden. Es lautet 1 : „Die Geschichte sei allerdings zu 
ehren, war die Meinung; aber hinter ihr liege ein Naturstaat, der 
gleichfalls noch zu ihr gehöre. Jetzt, wo alle Bande der Gesellschaft 
verrottet, alle Stände verwittert seien, wo das Leben und die Ge-* 
schlechter der alten Dynastien nach und nach versiegt, sei ein ähn¬ 
licher Zustand der Dinge äußerlich zurückgekehrt und es gelte, aus 
eigener frischer Natur heraus ein neues Becht zu gründen. Damit 
war der Contrat social nur in deutschen Formen zurückgekehrt. Wie * 
vor wenigen Jahren die Jugend in philosophischen Konstruktionen 
des Weltalls sich gefallen, so wurden die konstruierenden Kräfte jetzt 
an den gesellschaftlichen Verhältnissen geübt, und nachdem die 
jetzigen Verfassungen durchlaufen waren, befestigte sich die Betrach¬ 
tung endlich ganz natürlich bei der Durchdringung aller in der 
Bepublik.“ 


1 Görres, Teutsohland und die Revolution, Seite 106. 
Tickert. 7 


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Die Anwendung dieses Zitates auch in seinem letzten Teile auf 
Winter läßt sich völlig rechtfertigen, obgleich sich Winter gefallt 
in der Rolle eines Verteidigers des „monarchischen Prinzips“. Worin 
besteht dieses ? Bei der Beratung des Gemeindegesetzes handelte es 
sich u. a. um die Frage, ob die Verleihung des Bürgerrechtes durch 
die Gemeinden und durch die Regierung an ein bestimmtes Gesetz 
gebunden werden solle oder nicht. Winter war der Meinung: „Dem 
Entwurf müsse das monarchische Prinzip zugrunde liegen, nach 
welchem der Regierung neben dem Anteile an der gesetzgebenden 
Gewalt der Vollzug und unter allen Umständen die Aufsicht über den 
Vollzug der Gesetze zustehe. Der Entwurf spreche die unbeschränk¬ 
teste Willkür aus.“ Diese hier wie überall herrschende Willkür will 
Winter beschränken, und er erklärt, daß die Regierung, die neben 
der gesetzgebenden Gewalt stehe, auch unter dem Gesetze stehen 
müsse und daß die Willkür, die die Freiheit und Gleichheit aller 
Bürger ernstlich gefährdet, nur dann gründlich beseitigt werden 
könne, wenn im Staate das Gesetz unumschränkt herrscht. Deshalb 
berühre das monarchische Prinzip „nicht allein die Regierung, sondern 
ebenso auch die Stände“. Es war kein Wunder, daß die Abgeordneten 
der zweiten Kammer aus dem „Royalisten Winter“ nicht klug werden 
konnten, daß im Gegenteil Freiherr v. Türckheim dieses monar¬ 
chische Prinzip als ein Prinzip der Bevormundung und gesetzlichen 
Bindung charakterisierte, und Winter hätte mit Rotteck seinen 
politischen Grundsatz in Rousseaus Terminologie als republikanisches 
Prinzip bezeichnen sollen, wobei freilich nicht übersehen werden darf, 
daß der Ausdruck Republik bei Rousseau und Rotteck nichts anderes 
besagen will, als daß in dem staatlichen Gemeinwesen das Gesetz 
unumschränkt herrscht. In dieser Grundanschauung Winters liegt 
auch die Begründung zu seiner anderorts ausgesprochenen Bemerkung, 
wonach er sich von der Zweckmäßigkeit der interimistischen Ver¬ 
ordnungen der Regierung ohne Zustimmung der Stände nicht über¬ 
zeugen kann. 

Wie steht es um die literarische Abhängigkeit der übrigen poli¬ 
tischen Anschauungen Winters ? Auch von einem Staatsvertrage 
redet Winter; aber dieser Ausdruck trägt nicht das entschiedene 
Gepräge des Rousseauschen Rationalismus. Um das Verfassungs¬ 
widrige des Ediktes vom 16. April 1819 darzutun, untersucht Winter 
die Frage, von welchem Zeitpunkte an die Verfassungsurkunde für 
ein rechtsverbindliches Gesetz zu gelten habe. „Die Verfassung ihrer 
Natur nach konnte noch nicht gleich bei Verkündung in Wirksamkeit 
treten, weil sie von dem Volke noch nicht angenommen war. Dem 
Volke stand allerdings das Annahme- oder Verwerfungsrecht zu. 
Durch die vorgenommenen Wahlen der Abgeordneten, die Vor¬ 
bedingung der Wirksamkeit der Verfassung, hat es den öffentlichen 
Beweis der Annahme abgelegt, und dadurch war das an sich schon 
verbindliche, wenngleich einseitige Versprechen in einen Vertrag über- 


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gegangen.“ Obgleich diese Art der Beweisführung an Rousseau äußer¬ 
lich stark anklingt, so ist doch mit Winters Staatsvertrag die politisch 
harmlose Tatsache gemeint, daß das Volk das Geschenk der Anteil¬ 
nahme an der Gesetzgebung annimmt. Winters Staatsvertrag weist 
darum auch dem Herrscher stets den Vorrang vor dem Volke zu, und 
Winter, der ja aus Grundsatz „Königlichgesinnter“ ist, hat nirgends 
auch nur den Wunsch oder die Idee ausgesprochen, daß der Staat 
auf eine andere Art des Vertrages Zustandekommen solle, und nirgends 
hat er die Idee des Staatsvertrages mit der Idee eines allgemeinen 
Willens oder eines Organs des natürlichen Gesamtwillens verknüpft. 

Winters Verfassungsideal ist die konstitutionelle Monarchie. Als 
Royalist von Grundsatz und Beruf wacht Winter mit seltener Treue 
darüber, daß dem Regenten auch nicht ein einziges von den wesent¬ 
lichen Regierungsrechten verloren geht, und er beruft sich auf den 
Preiherm vom Stein und dessen Abschiedsschreiben vom 24. No¬ 
vember 1808, in dem zu lesen ist: „Die Regierung kann nur von der 
höchsten Gewalt ausgehen.“ Das Repräsentativsystem beruht nach 
Winter auf dem Grundsatz der Gewaltenteilung, von denen er in 
diesem Zusammenhänge nur zwei aufführt: die gesetzgebende und 
vollziehende Gewalt 1 . Zu dieser Auffassung fügt er hinzu, daß er 
unmöglich neben der Gewalt der Regierung noch eine selbständige 
Justizgewalt anzuerkennen vermöge. Die Kompetenzen der beiden 
Gewalten grenzt Winter in Übereinstimmung mit Montesquieu so 
ab, daß die Regierung nicht bloß den Vollzug der Gesetze und die 
Aufsicht über deren Vollziehung ausführt, sondern auch tatsächlichen 
Anteil nimmt an der gesetzgebenden Gewalt. Umgekehrt steht die 
Regierung auch unter dem Gesetz, und da das Wesen der konstitutio¬ 
nellen Monarchie darin besteht, daß die Pernon des Regenten heilig 
und unverletzlich ist und Regierungsakte nur durch Gegenzeichnung 
der Minister rechtskräftig werden, so ist für Winter wie für Montes¬ 
quieu die Ministerverantwortlichkeit der Angelpunkt des ganzen 
Repräsentativsystems. Dabei ist auffallend und interessant, daß 
Winter, der von Beruf ein hoher Beamter im Staatsministerium war, 
schon in der Idee dem Minister mit einem ungewöhnlich starken 
Mißtrauen gegenübersteht wie gleichfalls nur Montesquieu 2 . In der 
Diskussion über die Ministerverantwortlichkeit erklärt sich Winter 
in bezug auf Inhalt und Umfang der Strafbestimmungen mit Dutt- 
linger völlig einig, der ausdrücklich verlangt, daß „das Gesetz über 
die Verantwortlichkeit der Minister nach allen Richtungen darauf 
berechnet sein müsse, nicht nur das Volk, sondern auch den Regenten 
selbst gegen die Attentate seiner Minister sicherzustellen“ 3 . Ob 
Winter allerdings schon im Jahre 1819 die Ansicht vertreten hat, 
daß dem Regenten für die Fälle der Verurteilung der Minister ein 

1 B. L. V. 1819, II. K., V, Beilage Seite 14 und 43. 

* B. L. V. 1819, V, Seite 6. 

3 B. L. V. 1819, n. K., IX, Seite 88. 

7* 


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beschränktes Begnadigungsrecht zuzugestehen sei, wie er 1831 ver¬ 
langte, habe ich nicht feststellen können 1 . 

Der Segen des Repräsentativsystems besteht nach Winter darin, 
„daß die Wünsche und Bedürfnisse in jedem Zweige der Staats¬ 
verwaltung aus allen Landesteilen vorgebracht, daß sie mit den Vor¬ 
schlägen der Regierung zusammengehalten, die Ansichten berichtigt 
werden, daß das Mangelnde ergänzt und so eine der Verkündigung 
des Gesetzes vorhergehende Beurteilung des Volkes, wenigstens seiner 
Stellvertreter, veranstaltet wird“ 2 * . Daher sind die Abgeordneten des 
Volkes an keinerlei Instruktion gebunden, und jeder stimmt not¬ 
wendig „nach eigener, freier Überzeugung ab“ 8 . An dieser Versamm¬ 
lung sollen alle Klassen der Staatsbürger indirekt teilnehmen, weil die 
Verfassung auf dem Prinzip der Gleichheit aller beruhen soll. Im 
Jahre 1831 vertritt Winter allerdings einen niedrigen Zensus und 
sagt: „Aus politischen Gründen hat man geglaubt, in allen Staaten 
den Genuß der bürgerlichen Hechte an gewisse Bedingungen anzu¬ 
knüpfen, und das ist ein wahrer Satz, daß nur derjenige mit Ehren 
gewählt werden könne, der von Leuten gewählt wird, von denen man 
glaubt, daß sie frei vom äußeren Einfluß nur nach ihrer inneren 
Überzeugung stimmen 4 * “. Auch das Gleichheitsprinzip in seiner All¬ 
gemeinheit lehnt Winter im Jahre 1831 ab, „weil es Ungleichheiten 
gibt, die die Natur und die natürlichen Verhältnisse herbeigeführt 
haben“ 6 . Freilich ist Winters Gleichheitsprinzip schon 1819 durch¬ 
brochen durch seine Stellung im Adelsedikt und in der Judenfrage. 
So rechtfertigt sich keineswegs der Schimpfausdruck „Gleichheits¬ 
stürmer“, den Freiherr v. Türckheim 1819 auf Winter 
angewandt hat 4 . 

Die zentrale Stellung nimmt die Gleichheitsidee in Winters poli¬ 
tischem Denken nicht ein; ihm kommt es vielmehr auf die politische 
Freiheit an. Es hängt mit seiner historischen Grundanschauung 
zusammen, daß die Weltgeschichte eine allmähliche, aber fort¬ 
schreitende Vergeistigung und Versittlichung des Lebens sei, daß er 
für die Freiheit und eine Verfassung, die die Freiheit zum Prinzipe 
hat, überall eintritt. Deshalb fordert Winter im Jahre 1822 mit 
Entschiedenheit auch die Gewerbefreiheit. Aber seine politische 
Freiheitsidee bedingt den Begriff des Gesetzes. Die Freiheit — und 
hierin geht ja Winter in Rousseaus Gedankengang — gibt es nicht, 
wo nicht das Gesetz unumschränkt herrscht, durch das sich die 
Staatsgewalt selbst wieder beschränkt. Mit dieser Anschauung 
Rousseaus verbindet Winter den Grundgedanken Montesquieus von 


1 B. L. V. 1831, II. KL, XXXn, Seite 170. 

2 B. L. V. 1819, II. KL, II, Beilage Seite 40. 

* Seite 14. 

4 B. L. V. 1831, H. K., IX, 53. 

• Seite 75. 

4 B. L. V. 1819, EL K., X, Seite 112. 


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der Wechselwirkung der Gesetze und der Gesittung eines Volkes im 
Sinne einer allmählichen politischen Erziehung 1 . Dadurch wird 
Winter notwendig zum Anhänger eines gemäßigten Fortschrittes, 
der nichts auf die Spitze stellen und unangenehme Rückschritte in 
der Entwicklung vermeiden will, der bei vollem Verständnis für die 
Notwendigkeit einer starken Staatsgewalt nie die Freiheit des Volkes 
und des einzelnen aus dem Auge verliert. 

Fassen wir das Ergebnis dieser Ausführungen zusammen! Winters 
Auffassung der politischen Lage seiner Zeit als eines Naturzustandes 
und seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer staatsrechtlichen 
Neuordnung nach dem Prinzip der ausschließlichen Herrschaft des 
Gesetzes läßt sich sachlich zutreffend in Görres Worten als eine 
Wiederkehr des Contrat social in deutschen Formen bezeichnen. Im 
übrigen scheidet sich Winter von Rousseau: sein Idealbild einer 
Verfassung ist gedacht im Geiste des Repräsentativsystems und trägt 
im wesentlichen die Züge der englischen Verfassung. Dabei muß 
auffallen, daß Winter die Dreiteilung der Gewalten nach Montes¬ 
quieu ablehnt, die Kompetenzabgrenzung zwischen Gesetzgebung und 
Verwaltung und die Verteilung der beiden Gewalten auf die persön¬ 
lichen Träger in völliger Übereinstimmung mit Montesquieu denkt. 
Das Mißtrauen gegen die Minister bestimmt die Anschauung Winters 
nicht weniger kräftig* als die Montesquieus. Auch Winters relative 
Bewertung der Verfassungsformen nach ihrem Verhältnis zu dem 
Kultur- und Sittenzustande eines Volkes entspricht völlig der An¬ 
schauung Montesquieus. Winter beruft sich selten auf Montesquieu, 
einmal ganz allgemein auf die Naturrechtslehrer mehrerer Jahr¬ 
hunderte. Unter diesen steht er denjenigen am nächsten, die sich 
nicht begnügen mit dem Gedanken, der absolute Fürst solle so 
herrschen, „als ob“ er beschränkt wäre, sondern die reale verfassungs¬ 
mäßige Garantien für die Unmöglichkeit des Gewaltmißbrauches 
fordern. Die inhaltlichen Parallelen zwischen Winter und Montesquieu 
* sind erwiesenermaßen so zahlreich, auffallend und wichtig, daß man 
unter Berücksichtigung aller dieser Umstände mit Recht von einem 
Einfluß Montesquieus auf Winter sprechen muß, während eine 
Beeinflussung durch Rousseaus Geist nur für Winters Grund¬ 
anschauung, nicht aber für seine Methode, politisch zu denken, 
nachweisbar ist. 


11. Kapitel. 

Die politischen Anschauungen Karl Theodor Welckers. 

Als Karl Theodor Welcker im Jahre 1813 ein rechtsphilo¬ 
sophisches Werk über „Die letzten Gründe von Staat, Recht und 
Strafe“ veröffentlichte, war er der Überzeugung, daß kein philo- 

1 B. L. V. 1819, II. K., II, Beilage Seite 50. 

2 L. Müller, Bad. Landtagsgeschichte I, Seite 210. 


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sophisches System dauernde Geltung, daß sittliche Grundsätze nur 
relative Gültigkeit haben. Daher kann nach Welckers Meinung jeder 
nur sich selbst Gesetzgeber sein 1 . Das schließt aber die Idee der freien 
Vereinigung der Menschen zu einer äußeren Ordnung nicht aus, 
sondern fordert sie. Auf Grund dieser Ansichten kam Welcker zu 
der Meinung, daß das Becht schon vorhanden war, noch ehe der Staat 
bestand, und daß aus Staatsgesetzen kein Becht abgeleitet werden 
kann. Der Staat und seine Macht führen vielmehr bloß das Becht 
durch, und indem das geschieht, ordnet sich die Staatsmacht als Mittel 
dem Bechtszwecke unter. Das Bechtsgesetz darf der Freiheit und der 
Autonomie der Menschen auch keinen Eintrag tun, sondern es besteht 
nur neben dem subjektiven Vemunftgesetze, und weil es doch den 
Charakter der Allgemeingültigkeit für alle Bürger tragen soll, so muß 
es äußerlich auf den freien Vertrag aller gegründet sein. Schon dieser 
kurze Gedankengang über die Entstehung des Bechts weist durch den 
Versuch einer Begründung des Bechts auf die sittliche Autonomie des 
Menschen auf den Kantischen Ursprung hin, wobei wir uns, wie oben 
auseinandergesetzt wurde, nicht wundem dürfen, wenn auch Ideen 
aus dem Contrat social deutlich anklingen. Die Kantische Ver¬ 
mischung von Becht und Sittlichkeit, die Botteck nach Fichtes 
Vorbild korrigierte, zeigt sich bei Welcker schon darin, daß er den 
Staat definiert als „die geordnete Vereinigung eines Volkes zur fort¬ 
dauernden Bealisierung des anerkannten höchsten Gesetzes oder auch 
des höchsten Gutes“ 2 3 , und das höchste Gesetz charakterisierte er als 
„das durch die objektive Bechtsform in seiner Äußerung geleitete, 
freie innere Gesetz aller“ 8 . Von solchen Voraussetzungen aus ist es 
auch begreiflich, daß der Staat nach Welcker nur durch die Tugend 
erhalten werden kann, und Tugend im Sinne der Autonomie des sitt¬ 
lichen Willens verlangt bedingungslos die Freiheit der Bürger im 
Staate. Mit Kant ist Welcker daher der Ansicht, daß eine väterliche, 
auf das Prinzip des Wohlwollens gestützte Begierung, welche die 
Bürger als unmündige Kinder behandelt, der denkbar größte Des- * 
potismus ist 4 , ln dieser ethischen Auffassung des Staates ist auch 
der Grund dafür zu sehen, daß Welcker die liberalen konstitutionellen 
Forderungen wie die der Berücksichtigung der Bürger in der Gesetz¬ 
gebung usw. vertreten mußte, obgleich er der Überzeugung war, daß 
es „rechtlich gleichgültig“ sei, ob einer oder viele die Begierung ver¬ 
körperten, ob die Gewalten getrennt oder in einer Hand seien, ob 
Stände gehört werden müßten oder nicht. Während also vom recht¬ 
lichen Standpunkt aus für Welcker keine Begierungsform die beste 
ist, nimmt er mit Kant die Gesetzgebung und Vollziehung der 

1 Zu diesen Ausführungen vergleiche man Kraemer, „Die politische 
Wirksamkeit Karl Theodor Welckers“. 

* Kraemer a. a. O., Seite 19. 

3 Seite 36. 

4 Seite 39. 


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Beamtenwahl durch die Nation und die Repräsentanten und auch 
andere Rechte wie die Freiheit der öffentlichen Meinung aus sittlichen 
Gründen ab allerpersönlichste Rechte für das Volk in Anspruch. 
Diese wenigen Bemerkungen genügen, um festzustellen, daß Welckers 
Anschauungen nachdrücklich von Kant und mindestens indirekt von 
Rousseau beeinflußt sind. 

Die naturrechtlichen Anschauungen und die politischen Forde¬ 
rungen Welckers waren in der Zeit der Befreiungskriege sehr abstrakt, 
politisch nicht völlig klar und darum auch schwankend. In seiner 
Rede über „Deutschlands Freiheit“ „an die Fürsten und das Volk 
vor Eröffnung der Wiener Versammlung“ sind seine Forderungen 
schon etwas konkreter und bestimmter geworden; aber scharf Um¬ 
rissen treten sie hervor auf dem Landtage, besonders in den Jahren 
1831 und 48. Welches ist ihr Inhalt und in welchem Verhältnis steht 
dieser zu Montesquieus und Rousseaus Ideen? 

Welckers politische Bekenntnisse zeigen auf den ersten Blick 
eine gewisse Zwiespältigkeit in seiner Haltung gegenüber der Lehre 
von der Volkssouveränität. Am 13. März 1848 1 erklärte Welcker 
nach seiner „innigsten Überzeugung“: „Ich huldige der Monarchie 
nicht aus Not, weil sie geschichtlich da ist, nicht weil ich ihr Treue 
geschworen habe; sondern ich halte sie für die beste Regierungsform, 
weil sie mit der vollkommenen Freiheit vereinbarlich ist.“ Dagegen 
äußerte Welcker am 20. Juni 1848 in dem Frankfurter Parlamente 2 * : 
„Die Volkssouveränität, die ganze und vollkommene Volkssouveränität 
ist die Grundlage meiner rechtlichen Überzeugung in Beziehung auf 
das Staatsleben. Mein Leben lang habe ich den großen Grundsatz 
des römischen Rechts, den consensus omnium, zu deutsch: die Zu¬ 
stimmungaller oder das Volkswohl nach dem Gesamtwillen verteidigt.“ 
Diesem letzten Bekenntnisse entspricht seine Bemerkung vom 
9. April 1848 8 : „Auch soweit bin ich von jeher in meinen Forderungen 
gegangen, daß die freien Völker ihre Verfassung selbst machen, daß sie 
sie ändern können, und in diesem Umfange und in diesem Sinne werde 
ich das bestehende Recht, wie es in den einzelnen Staaten existiert, 
verteidigen.“ 

So widersprechende Bekenntnisse, die noch in vermehrter Zahl 
aufgeführt werden könnten, begründen auch die Meinungsverschieden¬ 
heit Kosers und Hebeisens in bezug auf Welckers Stellung zur 
Volkssouveränität 4 * . Läßt sich dieser Gegensatz in Welckers Aus¬ 
sprüchen aufklären? 


1 B. L. V. 1848, H. K., Seite 171 f. 

9 Hebeisen, Die Kämpfe der politischen Parteien in Baden . . . 
Seite 36. 

* Hebeisen, Seite 39. 

4 Koser, Festschrift zu Schmollers 70. Geburtstag, Seite 290; 

Hebeisen Seite 36. 


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Auf dem Landtage von 1831 1 * * stellt sich Welcker, wie er sagt, 
„getreu den politischen Grundsätzen, wie ich stets unverändert 
bekannte“, in die Mitte zwischen die Anhänger des göttlichen Rechts 
der Legitimität und die „Verteidiger einer in solch einseitigem Gegen¬ 
satz ebenso haltlosen Volkssouveränität“, um auf dem Mittelweg eine 
wahrhaft vermittelnde Tätigkeit zu entfalten, „welche unser wirk¬ 
liches historisches Nationalleben zu erfassen und dasselbe nach seinen 
wesentlichen vernünftigen Grundideen in zeitgemäßer Gestaltung 
organisch fortzubilden strebt.“ Die vermittelnde Stellung Welckers 
bezweckt also eine organische Fortbildung der Staatsrechtsformen 
nach wesentlichen vernünftigen Grundideen, und die Richtung dieser 
Entwickelung hat Welcker im Hochverratsprozeß gegen Fickler* 
bestimmt, wenn er äußert, „er wäre immer der Überzeugung gewesen, 
daß jedes Land sich durch das konstitutionelle Leben zur Republik 
durcharbeiten müsse.“ Welckers politische Überzeugung fußt 
hiernach auf dem Gedanken einer moralischen Entwicklung. Indem 
er das historische Leben seiner Zeit erfaßt, hält er die Monarchie für 
die beste Regierungsform, weil sie sich mit der Freiheitsidee verträgt; 
aber er fordert eine organische Fortbildung der Verfassung in der 
Richtung auf die Republik und die vollkommene Volkssouveränität. 
Es muß auffallen, daß diese Überzeugung mit den zunächst zwiespäl¬ 
tigen, aber auf höherem moralphilosophischen Standpunkt durchaus 
einheitlichen Grundüberzeugungen Kants übereinstimmt, dessen 
Ansichten über die Rechtsentstehung Welcker ja zur Grundlage 
seiner politischen Anschauung gemacht hat, und der moralische 
Charakter von Welckers politischer Auffassung kommt auch darin 
zum Ausdruck, daß er 1848 erklärte, eine Republik ohne „repu¬ 
blikanische Tugend“ sei „eine Räubergesellschaft“; aber er glaube, 
die Tugend in einiger Ausdehnung in seinem Volke zu finden 8 . 
Freilich in einem Punkte weicht Welcker von Kant ab, der die 
Revolution schlechthin verwarf. Schon in den „letzten Gründen 
von Staat, Recht und Strafe“ vertritt Welcker nämlich die Meinung, 
daß Freiheit und Revolution über das Leben in Knechtschaft zu 
stellen sind. 4 

So kann als erwiesen angesehen werden, das Welcker von Kant 
und dessen Unterscheidung zwischen dem empirischen Staat und dem 
Staate in der Idee beeinflußt ist, und so erklärt sich m. E. auch, daß 
Welcker so häufig in seinen Landtagsausführungen über politisch¬ 
rechtliche Zustände die zeitliche Bedingtheit der Zustände mehr oder 
weniger leise betont und daß er 1848 unter der Wirkung der allge¬ 
meinen Erregung jener Tage und bei seiner moralischen Auffassung 
über seine Zeitgenossen den Radikalen näher treten konnte als sonst, 

1 B. L. V. 1831, H. BL, XXVI, Seite 277. 

8 Oberrheinische Zeitung 1849, Nr. 112, Hebeisen Seite 38. 

8 Hebeisen a. a. O., Seite 40. 

4 A. a. O., Seite 27. 


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ohne mit seiner Qrundüberzeugung in Widersprach zu geraten 1 . Mit 
dieser Feststellung seines Verhältnisses zu Kant ist auch seine in¬ 
direkte Beziehung zu Montesquieu und Rousseau angedeutet. 

Fragen wir weiter: welche Auffassung bekundet Welcker über den 
empirischen Staat seiner Zeit? — Welcker huldigt in dieser Be¬ 
ziehung der konstitutionellen Verfassung Montesquieus. 1831 weist 
er hin auf die „große konstitutionelle Grundidee__ die der unsterb¬ 

liche Montesquieu als die Rede (vermutlich ein Druckfehler, soll wohl 
Idee heißen) des englischen Verfassungsrechts entwickelt hat, eine 
Grundidee, die man in neueren Zeiten sogar hat verspottenwollen, jedoch 
nur aus Mißverständnis“, und diese Grundidee besteht nach Welcker 
darin, „daß im konstitutionellen Staate drei große Zweige der Ge¬ 
walten geschieden sind, nämlich die Gesetzgebung, die Justiz und die 
Vollziehung“. Diese Staatsrechtsauffassung verteidigt Welcker mit 
rechtlichen und politischen Gründen gegen Aretin, der im Sinne 
der deutschen Bundesgesetzgebung nachweisen wollte, daß alle Staats¬ 
gewalt in den Händen des Monarchen vereinigt sein müsse, wenn die 
für das Staatswohl erforderliche Einheit aller Tätigkeiten vorhanden 
sein solle. Unter Verwerfung der Praxis und der Theorie der fran¬ 
zösischen Revolutionszeit, in der die drei Gewalten auseinander¬ 
gerissen wurden „wie drei Stücke totes Holz“, und ganz in Anlehnung 
an den Vorbildstaat Montesquieus und mit dessen Gründen zeigt 
Welcker, wie trotz dieser Dreiteilung eine organische Einheit zum 
Nutzen aller besteht. 

In bezug auf die vollziehende Gewalt ist Welcker gleich Montes¬ 
quieu der Meinung 2 * , daß der erbliche Monarch die Freiheit und Ord¬ 
nung des Staatswesens im Innern nach den Gesetzen handhaben und 
den Staat nach außen völkerrechtlich vertreten muß. Da nach dem 
englischen Rechtsgrundsatz „Der König kann nicht Unrecht tim“ 
der König heilig ist, so erklärt auch Welcker, daß er „in jedem kon¬ 
stitutionellen Staate den Souverän achte und nimmermehr tadelnd 
antasten werde, weil er unverantwortlich ist“ 8 ; aber dafür macht er 
den Grundsatz der Ministerverantwortlichkeit aufs schärfste geltend, 
und indem er Montesquieus Anschauung von dem Interesse des Adels 
an der Erhaltung der Verfassung weiter ausführt 4 , findet er, daß 
kein Grund vorhanden ist, „von jenem großen Grundtypus... ab¬ 
zugehen“, nach welchem die zweite Kammer die Ministeranklage vor 
der gesetzgebenden Adelsvertretung erhebt. Während Rotteck in 
echt Rousseauscher Beweisführung den juristischen Charakter einer 
Ministeranklage hervorhebt, vertritt Welcker wie Montesquieu die 
rein politische Auffassung darüber, und er lehnt sich ganz an Montes- 


1 A « O SflitÄ 4Q i 

2 B. L. v! 1831, H. K., XXXIH, Seite 191. 

» I, Seite 112 f. 

4 XXXIII, Seite 191 f.; vergl. auch I, Seite 97 f. 


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quieus Ideal an. Aach in den anderen Einzelheiten, welche die 
Zusammensetzung der gesetzgebenden Körperschaft und das wechsel¬ 
seitige Verhältnis zwischen Regierang und Gesetzgebung betreffen, 
erklärt sich Welcker von „den großen Grundsätzen des englischen 
Staatsrechts“ und von Montesquieu abhängig 1 . Aber der rechts- 
philosophische Versuch zur Rechtfertigung des von Montesquieu 
übernommenen Zweikammersystems ist von anderen Gesichtspunkten 
aus unternommen: Welcker will nicht eine besondere Rücksicht 
nehmen auf die Leute, die durch Geburt, Reichtum und Ehren vor 
anderen im Staate hervorragen; sondern er will in der ersten Kammer 
einen unparteiischen Obmann zwischen den oft entgegengesetzten 
Anschauungen der Regierung und der zweiten Kammer anerkannt 
wissen 2 * . Die hohe Bedeutung, die Montesquieu der Steuerbewilligung 
als dem wichtigsten Rechte der Volksvertretung zuerkennt, und die 
Abneigung Montesquieus gegen den eisernen Etat steigert Welcker 
in Theorie und Praxis zu einem Rechte der Steuerverweigerung für 
den Fall, daß die Regierung die Grundideen der konstitutionellen Ver¬ 
fassung wie z. B. den Grundsatz der Preßfreiheit zu verwirklichen 
sich weigert 8 . 

Schon darin, daß Welcker mit Montesquieu die Justiz als selb¬ 
ständige Gewalt ansieht, zeigt er, welche Bedeutung er der Unab¬ 
hängigkeit der Justiz zuspricht. Welcker fordert Unabhängigkeit 
des Richterstandes und Einführung der Geschwomengerichte 4 , 
beides nach dem Vorbild der englischen Gerichtsorganisation, die er 
genau kennt, und nach Montesquieus Grundsätzen. Aber während 
Montesquieu die Richter und ihr Urteil fest an die Gesetze und deren 
Wortlaut bindet, weicht Welcker hier von ihm ab, „weil die Gesetze 
mit starrer Eigensinnigkeit alle Fälle unter die gleichen Regeln stellen 
wollen und oft im Leben die größte Ungerechtigkeit erzeugen“. 
Daher vertritt er „die platonische Idee, daß man den Richter nicht an 
das Gesetz binden darf“ 5 . So steht Welcker in seinen Ansichten 
über das konstitutionelle Staatsrecht fast ganz auf dem Boden 
Montesquieus und der englischen Verfassung. 

Dagegen sind Welckers Ansichten über die politische Freiheit 
nicht ausschließlich von Montesquieu beeinflußt. „Der Grund¬ 
gedanke so vieler großen Schriftsteller, die der französischen 
Revolution verangingen . . . ., der Grundgedanke, der nicht bloß 
bei den Belästigten, sondern auch bei den Berechtigten an jenem 
denkwürdigen 4. August in der Nationalversammlung von 1789, 
die man nicht mit den späteren Revolutionsgreueln verwechseln 
muß, zum allgemeinen begeisterten Schluß führt“, dieser Gedanke 

1 B. L. V. 1831, II. K., XVIII, 261 f.; 308; XVI, Seite 117. 

2 m, Seite 179/81. 

» XVI, Seite 121. 

1 I, 61 und 63; B. L. V. 1847/48, II. K., Seite 127 und 172. 

6 B. L. V. 1831, IL K., XVI, Seite 63. 


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kt „der tiefe Grund jener Grundsätze des . . . römischen Rechts“ 
von der „Freiheit der Personen und des Eigentums“ 1 , und die 
politische Freiheit im allgemeinen fordert er wie Kant aus sittlichen 
Gründen. Das macht aber für ihn nicht überflüssig, sich auch hier 
wieder auf England zu berufen 1 . Die Grenzen der politkchen Freiheit 
bestimmt nach Welcker einzig die „Verfassungstätigkeit“, die „an 
kein untergeordnetes Gesetz geknüpft kt . . . und die Gesetze geben, 
abändem und aufheben kann“. Sie allein kt souverän und kt „nicht 
einmal an dasjenige gebunden, was man Privateigentum nennt“*. 
Zur Begründung auch dieser Ansicht beruft sich Welcker auf das 
englische Staatsrecht, und er weiß, daß er in dieser Beziehung von 
Kant abweicht 4 . Die deutsche Freiheit aber im besonderen und die 
deutsche Einheit kann sich Welcker nicht anders verwirklicht 
denken, ak daß in allen deutschen Einzektaaten die Freiheit des 
Volkes durch eingeführte Verfassungen gewährlektet wird; in seinen 
Ausführungen darüber zeigt er sich von Pufendorf abhängig, 
wie er sich auch ausdrücklich auf die alte Erfahrung des Severinus 
a Monzambano beruft, „daß unbeschränkte Monarchien, mit freien 
Staaten verbunden, es nicht lange aufrichtig mit denselben meinen“ 5 . 
Für die politische Freiheit der Staatsbürger kt nach Welckers 
Überzeugung aber auch die Stellung des Heeres in der Verfassung 
von grundlegender Wichtigkeit. Deshalb s timmt Welcker der 
Adresse um Vorlegung eines Gesetzentwurfes zu*, wonach für alle 
badischen Staatsbürger und Staatsdiener einschließlich der Militärs 
ein Verfassungseid vorgeschrieben wird; aber die übrigen Mittel 
zur Sicherstellung der Verfassung und der politkchen Freiheit 
gegenüber dem Heer entnimmt Welcker nicht der Darstellung 
Montesquieus, sondern der dreigeteilten Offiziersernennung der 
französischen Heere während der Revolutionszeit 7 . — In bezug auf 
die politkche Gleichheit und das aktive Wahlrecht steht Welcker 
ganz auf dem Standpunkt Montesquieus, daß man den verarmten 
Bürger nicht mitstimmen lasse, weil er keinen selbständigen Willen 
habe, und zur Bekräftigung seiner Meinung beruft er sich auf die 
historkchen Erfahrungen im alten Griechenland und Rom 8 . 

Wer die politischen Ansichten Welckers überschaut, wird dem 
Urteil eines badischen Mitgliedes der Zentraluntersuchungskommission 
zustimmen, „daß Welckers Grundsätze gemäßigt, gerecht und 
würdig“ sind 9 . Nur im Jahre 1848 bekennt er sich offen zur Volks¬ 
souveränität für die damalige Gegenwart, allerdings nicht auf Grund 
der bloßen rechtsphilosophkchen Voraussetzung Rousseaus, sondern 
weil er die moralische Qualität seiner Zeitgenossen hoch genug 

1 XVH, Seite 224 f. 

* XII, Seite 233. 

* xvm, 251. 

4 XVIII, 329. 

* XVI, Seite 286. 


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• B. L. V. 1831, H. K., XXXIV, 
Seite 81. 

7 XXXn, Seite 318. 

8 XIV, Seite 303. 

* I, Seite 140. 


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einschätzte, daß er von seinem sittlichen Standpunkte aus die Ein¬ 
führung rechtfertigen konnte. Aber obgleich Welcker sonst bei 
der steten Betonung der Verfassungstätigkeit als der Rechtsgrundlage 
in der Theorie niemals so weit ging wie Botteck, so erweckte er 
doch in der Kammer nicht selten von sich infolge der lauten und 
entschiedenen Heftigkeit seiner Beden einen ganz radikalen Eindruck. 
Aber nur Ausdruck und Ton seiner vulkanischen Natur waren 
schuldig. Die ätzende Schärfe des Rousseauschen Radikalismus war 
in Welckers Anschauung durch Kants starken Einfluß beseitigt 
worden, und indem Welcker zur Begründung seiner naturrecht¬ 
lichen Behauptungen und Wünsche vielfach die alte und neue 
Geschichte heranzog, berief er sich meist auf den Vorbildstaat 
Montesquieus, dessen Einrichtungen er vielfach, und zwar meist 
unverändert übernommen hat. 

12. Kapitel. 

Zusammenfassung der Ergebnisse der Untersuchung. 

Indem wir zum Schlüsse nochmals die vorstehenden Ausführungen 
im ganzen überblicken, können wir als gesichertes Ergebnis ungefähr 
folgendes festhalten. 

Die Anschauungen des vormärzlichen Liberalismus in Baden 
erweisen sich bei genauerer Betrachtung der Einzelpersönlichkeiten 
und der zeitlichen Abschnitte dieser Periode durchaus nicht völlig 
gleichartig. Schon den Zeitgenossen entging es bei Beginn der 
parlamentarischen Tätigkeit nicht, daß die Liberalen mit Rücksicht 
auf ihre rechtsphilosophische Stellungnahme und ihr Verhalten 
zu den historischen Grundlagen der damaligen Rechtsordnung in 
zwei Heerlager gespalten waren. Neben der Gruppe der streng 
rationalistisch denkenden Liberalen (v. Rotteck) steht die Gruppe 
der mehr historisch orientierten Politiker (v. Liebenstein), und die 
politischen Ereignisse innerhalb und außerhalb der Kammer bis 
zum Jahre 1847 hin bedingten eine weitergehende Differenzierung 
des Parteilebens durch Abscheidung von Elementen nach der rechten 
und linken Seite hin. Dabei ist festzuhalten, daß sich der politische 
und soziale Radikalismus vor dem Jahre 1848 in den Kammer¬ 
verhandlungen aus politischen Gründen nur verhüllt zeigt. — Mit 
Rücksicht auf diese Tatsachen müssen wir Ad. Wahls allgemeines 
Urteil über den Ursprung und die weitere Entwicklungsgeschichte 
des Liberalismus dahin berichtigen, daß wir sagen: wohl besteht 
nach 1815 in Deutschland und speziell in Baden eine Scheidung von 
Radikalismus und Liberalismus; aber dieser Radikalismus hat noch 
keinen praktisch-politischen oder gar sozialen Charakter; sondern 
er ist rechtsphilosophisch und vertritt nicht etwa bloß die Stimmungen 
und Ideen von 1789 weiter, sondern bildet sie — wie z. B. aus 
Rottecks Landtagsreden jener Tage schon deutlich ersichtlich ist 


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die mit seinen späteren Deduktionen im Lehrbuch des Vernunft- 
rechte fast überall übereinstimmen — in origineller Weise mit 
Rousseaus Methode um. Die weitere Geschichte des Liberalismus 
ist auch nicht bloß eine weitere Loslösung von diesen Ideen unter 
Hinwendung zum Konservatismus; sondern ein Teil der Liberalen 
hält an dem alten Stamme seiner Überzeugung fest und ein anderer 
Teil wie Welcker, Mathy usw. vollzieht eine mehr oder weniger 
leise Schwenkung nach links, indem er immer deutlicher die radikalen 
Momente seiner liberalen Überzeugung herauskehrt. 

Unter Berücksichtigung dieser historischen Tatsachen müssen 
wir sagen, daß der badische Liberalismus in Wirklichkeit von 
Montesquieu und Rousseau beeinflußt worden ist. Die Beziehungen 
der Liberalen zu diesen beiden Staatsrechtstheoretikem sind teils 
direkte literarische Beziehungen; teils besteht eine indirekte Be¬ 
einflussung. Im letzteren Falle werden die Beziehungen vermittelt 
entweder durch den allgemeinen Zeitgeist, der infolge der Verbreitung 
der französischen Doktrin mit Elementen aus Montesquieus und 
Rousseaus Lehren völlig durchsetzt ist, oder durch die Betrachtung 
der Verfassungsexperimente der großen französischen Revolution 
oder auch auf philosophischem Wege durch die Naturrechtstheorie 
besonders Kants. 

Hinsichtlich des Grades der Beeinflussung kann als feststehend 
gelten, daß der vormärzliche Liberalismus Badens mit seinen feineren 
Schattierungen nicht in allen Einzelerscheinungen gleich intensiv 
von Montesquieu und Rousseau beeinflußt ist. Immerhin muß man 
sagen, daß sich der Einfluß Montesquieus mit größerer Allgemeinheit 
in die liberalen Haupt- und Unterströmungen ergossen hat als der 
Einfluß Rousseaus, besonders wenn man sein Augenmerk richtet auf 
den Inhalt des politischen Denkens der Liberalen, und dem entspricht 
auch, daß die Idee der politischen Freiheit praktisch mehr hervortritt 
und weniger durchbrochen wird als die politische Gleichheitsidee. 

Die Hauptzüge von Montesquieus Verfassungsideal sind geradezu 
Gemeingut des vormärzlichen Liberalismus Badens geworden. Damit 
ist zugleich ausgesprochen, daß die Lehre von der Volkssouveränität 
in dem von Rousseau ausgeprägten Sinne von den großen geistigen 
Führern der badischen Liberalen nie völlig akzeptiert worden ist. 
Nur unmittelbar vor dem Ausbruch der 48-er Revolution tritt die 
Volkssouveränitätslehre Rousseaus in ursprünglicher Reinheit auf 
und wirft ihre Schatten auf die Kammerverhandlungen. Von 
Montesquieu dagegen hat man allgemein übernommen die Idee des 
Repräsentativstaates mit der Teilung der Staatsgewalt. Wenn auch 
viele Liberale mit Rotteck der Dreiteilung Montesquieus eine 
Zweigewaltenteilung entgegensetzten, so haben eben diese Liberalen 
sich doch auch zu Montesquieus Dogma von der Unabhängigkeit 
der Rechtspflege bekannt. Ebenso stimmte der größte Teil der 
Liberalen Montesquieus Zweikammersystem zu. Freilich Männer 


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von der Denkart Bottecks traten mit naturrechtlichen Gründen 
für die Einheit der gesetzgebenden Versammlung ein. Wenn man 
auch meist den Gedanken Montesquieus, daß sich die Begierung 
und Gesetzgebung in gegenseitigem Mißtrauen am Gewaltmißbrauche 
wechselseitig hindern müssen, zugunsten einer freundlichen und 
vertrauensvollen Harmonie zwischen beiden Gewalten ablehnte, 
so teilte man doch fast allgemein das Mißtrauen Montesquieus gegen 
die Minister, die man mit Montesquieu für die Tat und auch für den 
Bat verantwortlich gemacht wissen wollte. Zu diesen Konsequenzen 
war man gezwungen, weil man Montesquieus Anschauungen über 
die staatsrechtliche Stellung des Begenten voll anerkannte. Auch 
in vielen anderen Einzelheiten wie der Finanzhoheit der zweiten 
Kammer war man mit Montesquieu in Übereinstimmung, oder man 
nahm seine Ideen wenigstens als Anregungen dankbar hin und baute 
sie mit Hilfe anderer Erfahrungen oder mit seinem eigenen methodi¬ 
schen Prinzipe praktisch aus. Nicht dagegen akzeptierte man die 
unklaren naturrechtlichen Grundlagen Montesquieus, auch nicht 
seinen farblosen Begriff des Gesetzes. Wer das Bedürfnis fühlte 
nach einer logisch und philosophisch scharfen Definition des Gesetzes, 
wandte sich deshalb an Bousseau, und Winters „monarchisches 
Prinzip“ darf als Typus gelten für viele Fälle, in denen man mit 
Schlagworten der konstitutionellen Monarchie Begriffsinhalte deckte, 
die erstmalig in dieser Prägnanz Bousseau zusammengefaßt und als 
republikanische Prinzipien formuliert hatte. 

Mit diesen Feststellungen soll nicht behauptet sein, daß nicht 
auch von anderer Seite her literarische Einflüsse auf die vormärzlichen 
Liberalen in inhaltlicher Beziehung sich geltend gemacht haben. In 
den Debatten macht sich bei einigen zuweilen die Meinung geltend, 
daß man sich mit einer ideellen Beschränkung des Begenten begnügen 
soll und daß man nicht immer rechtliche und verfassungsmäßige 
Garantien zur Gewährleistung der Freiheit und Sicherheit der 
Menschenrechte fordern müsse. Auch andere als Botteck verraten 
die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte der Naturrechtsideen. Es 
liegt aber außerhalb des Bahmens dieser Arbeit, die Einflüsse 
Pufendorfs u. a. genau und im einzelnen klarzustellen. Auch die 
Geschichte der alten und der neueren Völker liefert viele politische 
Anschauungen und Erfahrungen; aber wenn man sich auch oft auf 
die Einzelheiten der Geschichte Englands und Frankreichs einläßt, 
so verraten doch oft direkte Berufungen auf Montesquieu, daß man 
die Verfassungsverhältnisse Englands durch seine Brille anschaut 
oder wenigstens auf seine Anregung hin studiert hat. 

Wie steht es — so fragen wir zuletzt — um die Beeinflussung des 
badischen Liberalismus durch die Denkmethoden Montesquieus und 
Bousseaus ? 

Die mehr historisch orientierten Liberalen wie v. Liebenstein 
sind in ihrem politischen Denken von dem methodischen Prinzip 


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des „Geistes der Gesetze“ nachhaltig und tief beeinflußt worden, und 
sie übersetzen daher Montesquieus Verfassungsideal nicht etwa mit 
rationalistischer Unbesorgtheit um die Verschiedenheiten in Zeit und 
Raum aus dem Relativen ins Absolute; sondern sie rechtfertigen 
Vor sich die Rezeption fremder Staatseinrichtungen durch die Über¬ 
zeugung, daß bei nahezu gleichen Natur- und Kulturbedingungen 
die zivilisierten Völker Europas einen gleichen Grad staatsbürgerlicher 
Freiheit vertragen können. Selbst die größten Rationalisten unter 
den Liberalen stehen mindestens in einem ähnlichen Verhältnis 
zu Montesquieus Methode wie Rousseau in seiner Verfassungspolitik 
zum methodischen Prinzip vom „Geist der Gesetze“. (C. s. III, 
8, 9, 3). 

Die Gruppe der mehr oder ganz rationalistisch denkenden Liberalen 
ist nicht ausschließlich von der rechtsphilosophischen Methode 
Rousseaus beeinflußt. Bei Rotteck und Welcker machen sich 
allzudeutlich die Einflüsse von Kants Moral- und Rechtsphilosophie 
geltend. Einige liberale Politiker, die man fast den historisch 
denkenden Liberalen zuzählen möchte, denken oder sprechen in 
Naturrechtsbegriffen der älteren deutschen Aufklärung. Die weiteste 
Verbreitung hat Rottecks Theorie gefunden. Thm war die Natur¬ 
rechtstheorie in der ganzen Länge ihrer historischen Entwicklung 
genau bekannt. Sichtlich unter, dem Einflüsse Kants und der 
französischen Revolution hat er die Ideen Montesquieus und Rousseaus 
zu einer neuen Systemeinheit verschmolzen, indem er das Repräsen¬ 
tativsystem nach Rousseaus rechtsphilosophischer Methode von der 
obersten Idee der Freiheit ableitete. Dadurch hat er teils die 
Rousseausche Terminologie mit neuem Inhalte gefüllt, teils selbst 
eine neue Terminologie geprägt. — Die Untersuchungen über die 
Rechtsverbindlichkeit der positiven Gesetze, die Rotteck und 
andere Liberale der rationalistischen Richtung vornehmen, stimmt 
dagegen mit Rousseaus rechtsphilosophischer Deduktion völlig 
überein. Wenn aber dieser Rousseausche Radikalismus der Liberalen 
nicht von Anfang an in politische Taten umgesetzt wurde, so lag 
dies daran, daß man sich nach Verleihung und Annahme der Ver¬ 
fassung durch den Herrscher und das Volk wie durch einen Vertrag 
zur Beachtung des bestehenden Rechtes rechtlich verpflichtet fühlte. 
Erst nach den Verfassungskämpfen von 1841—43 trat zuerst außerhalb 
der Kammer die negierende Kritik dieses Radikalismus gegenüber 
den bestehenden Verhältnissen bei einigen Liberalen hervor und 
bewirkte die Bildung der Partei des politischen Radikalismus. 

So ist der Einfluß Montesquieus und Rousseaus auf den vormärz¬ 
lichen Liberalismus Badens überall mehr oder weniger fühlbar, 
und wenn sich auch angesichts der vielen Schattierungen, in denen 
sich dieser Liberalismus uns darbietet, eine allgemeine Formel für 
das Maß der Beeinflussung nicht wird finden lassen, so darf doch 
mit den vorstehenden Feststellungen die von Voltelini vertretene 


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Auffassung, daß die theoretischen Grundlagen des modernen Rechts¬ 
staates fast ausschließlich auf Gedanken beruhen, die zwar ursprüng¬ 
lich von England übernommen, aber doch ohne jeden weiteren 
fremden Einschlag im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus in 
rein deutscher Geistesarbeit ausgebildet worden seien, inbezug auf 
den badischen Liberalismus im besonderen und mit Rücksicht auf 
dessen Bedeutung für die liberale Bewegung in Deutschland auch 
im allgemeinen als den historischen Tatsachen nicht entsprechend 
zurückgewiesen werden. 


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Lebenslauf. 

Ich, Heinrich Artur Fickert, evangelisch-lutherischer Konfession, 
bin als Sohn des verstorbenen Kaufmanns Heinrich Otto Fickert 
und seiner Ehefrau Marie Berta geb. Hauschild am 9. Oktober 1883 
in Freiberg (Sa.) geboren. Meine erste Schulbildung empfing ich in 
der Knabenbürgerschule meiner Vaterstadt. Von Ostern 1898—1904 
besuchte ich das Lehrerseminar zu Nossen, wo ich zu Ostern 1904 
die Reife- und im Dezember 1906 die Wahlfähigkeitsprüfung bestanden 
habe. Vom Königlichen Ministerium des Kultus und öffentlichen 
Unterrichts zum akademischen Studium zugelassen, widmete ich mich 
vom Wintersemester 1907/08 bis zum Wintersemester 1910/11 dem 
Studium der Philosophie, Pädagogik, Geschichte und der deutschen 
und lateinischen Sprache. Zum Danke verpflichtet fühle ich mich 
für die vielen Anregungen, die ich empfangen habe in den Vorlesungen 
und Übungen der Herren Professoren von Bahder, Barth, Bethe 
Brandenburg, Gardthausen, M. Heinze, R. Heinze, Hirth, Holz, Jäger, 
Köster, Lamprecht, Martini, Merker, Richter, Salomon, Seeliger, 
Sievers, Soerensen, Volkelt, Witkowski, Wundt und Zamcke. Im 
Dezember 1911 legte ich in Leipzig mit Erfolg die Pädagogische 
Prüfung ab. 

Als Lehrender war ich bisher tätig an den einfachen Volksschulen 
in Rothenfurth (Ostern—Michaelis 1903), Erbisdorf (Ostern 1904 bis 
Ostern 1907) und Chemnitz (Ostern—Michaelis 1907); ferner seit dem 
15. August 1911 an den sächsischen Lehrerseminaren in Boma, 
Annaberg und Waldenburg. Seit dem 1. Februar 1913 leite ich 
als Direktor die mittlere und einfache Volksschule und die Fort¬ 
bildungsschule zu Ellefeld i. V. 

Eine vom Preisrichterkollegium der „Vereinigungfür staatsbürgerliche 
Bildung und Erziehung“ im Jahre 1911 angenommene Preisbewerbungs¬ 
schrift über „Die staatsbürgerliche Erziehung mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Aufgaben unserer Lehrerseminare“ ist bei Teubner 1912 
im Druck erschienen. Die vorliegende, als Dissertation eingereichte 
Arbeit verdankt ihre Entstehung besonders den Anregungen der Herren 
Professor Dr. Brandenburg und Geh. Hofrat Professor Dr. Seeliger. 


Ohlenroth'sche Bachdruckerei Georg Richters, Erfurt. 


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